laut.de-Kritik

Sympathischer Synthie-Pop mit himmlischen Melodien.

Review von

In der deutschen Poplandschaft bilden die Herren Heppner und Reinhardt seit Jahren eine Konstante. Unter dem Namen Wolfsheim setzen sie mit beständiger Regelmäßigkeit zum Sturm auf die oberen Chartsregionen an. "Casting Shadows" nennt sich der neueste Longplayer des Duos. Nicht zu Unrecht, denn der Schattenwurf des Albums reicht dank "Kein Zurück" bereits bis auf Platz vier der Single-Hitliste.

Mit weniger wird sich auch das Album nicht zufrieden geben müssen. Schon die lange Pause seit dem letzten Wolfsheim-Release dürfte die Fans ab heute wieder scharenweise in die Plattenläden treiben. Hinzu kommt noch, dass Wolfsheim den Spagat zwischen luftigen Pophöhen und sektiererischen Underground-Tiefen mit einer spielerischen Leichtigkeit bewältigen und hier wie dort als glaubwürdige Musiker auftreten können.

Dieses Understatement gehört seit "No Happy View" zu den Stärken des Hamburger Duos und wird auch auf "Casting Shadows" konsequent weiter gepflegt. Heppners näselnder, betont getragener Gesangsperformance stehen die schleppenden Synthiegrooves von Reinhardt zur Seite. Ein eingespieltes Duo, das sich mit "Casting Shadows" wohl endgültig vom hüpfenden Gruftie-Pop früherer Tage verabschiedet hat.

Wer also nach "The Sparrows And Nightingales" sucht, wird nicht fündig. Wer aber seine Ohren öffnet, dem wird Erstaunliches offenbart. "Care For You" schmeichelt dem Zuhörer mit vertrackt-leichten Trip Hop-Beats, die Heppners Gesang und weiche Synthieflächen in himmlische Melodien überführen. Mit viel Gefühl für Stimmungen inszenieren sich Wolfsheim auf "Casting Shadows", setzen ganz auf die emotionale Tiefe der Songs.

Gar scheint es, als hätten Wolfsheim eine gewisse Altersweisheit erlangt, so abgeklärt klingt "Casting Shadows". Da wirkt eine Nummer wie "Wundervoll" mit ihren housigen Beats, dem zischenden Hi-Hat und dem vor schmalziger Melodie nur so tropfenden Refrain fast ein wenig fehl am Platz. Vielleicht bleibt "Wundervoll" aber gerade deshalb so leicht im Ohr hängen, weil es der Ernsthaftigkeit von "Casting Shadows" ein sympathisches Smilie aufdrückt.

Trackliste

  1. 1. Everyone Who Casts A Shadow
  2. 2. Care For You
  3. 3. I Won't Believe
  4. 4. Kein Zurück
  5. 5. And I...
  6. 6. Underneath The Veil
  7. 7. Find You're Gone
  8. 8. This Is For Love
  9. 9. Wundervoll
  10. 10. Approaching Lightspeed
  11. 11. In Time

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LAUT.DE-PORTRÄT Wolfsheim

Keyboarder Markus Reinhardt und Sänger Peter Heppner fangen 1987 an, gemeinsam Musik zu machen. Beide verbindet eine tiefe Bewunderung für Kraftwerk …

2 Kommentare mit 5 Antworten

  • Vor 5 Jahren

    Dieser Kommentar wurde vor 2 Jahren durch den Autor entfernt.

  • Vor 2 Jahren

    2003. Deutschland im Casting-Fieber auf der Suche nach DEM Superstar. Was der Anbeginn einer künstlerischen Dunkelheit sein sollte und die schier endlos melkende Maschinerie bis heute ihre Ausgeburten der Talenthöllen höhnisch grinsend ausspuckt, nutzen damals zwei Musiker an anderer Stelle den Augenblick um ihren Sound neue Nuancen zu verleihen. Die Rede ist von Wolfsheim, Synthie-Pop-Veteranen der ersten Stunde. Unter ihrem Schattenwurf trieben deutlich schönere Blüten in stimmungsvollen nocturnalen Sphären, in der die bewährte Nachtigall schemenhaft in der Ferne flattert.

    War die vorangeschickte Single "Kein Zurück" multipel florierend auf dem Markt und eingängig schwermütig im Gehör verankert, finden sich auf dem 11 Songs kompakten Album auch Ausflüge abseits der auf Gesamtlänge durchaus fühlbaren Melancholie. Das zu Anfangs schwere, in seiner Melodik vertiefte "Underneith The Veil" findet in seiner Schlussminute die Leichtigkeit des Seins wieder und liefert pulsierende Beats, die einen dynamischen Ausgang erlauben, ganz im Gegenteil zum mit zarten elektronischen Beigaben veredelten "And I", das sich in einer sinnierenden Mentaloase wiegend dem Hörer annähert.

    "Care for You" erlaubt wolkengleiche Synthieteppiche, auf denen Heppners sanftes Organ mühelos brilliert. Die verträumte Produktion setzt sich auch im untypischen, Club-Sound nahem "Wunderbar" fort, zu dessen bounic-warmen Klängen der fröhlich-naive Text zum reinen Statisten verkommt.

    Desöfteren machen sich auch markante Tempowechsel bemerkbar, so geschehen beim dreiteiligen "I Won't Believe". Den Anfang dieses akustischen Trios macht eine gediegene Stimmung, die alsbald von treibenden Tönen abgelöst in ein rockiges Finale mündet. Kurzweil wird hier großgeschrieben.

    Das Hauptgericht bleibt freilich die Liebe, die im dreamy "This Is For Love" erst zelebriert und später bei "Find You're Gone" in ihre Einzelteile zerlegt wird. Es ist schade, dass der erste Teil "Find You're Here" nicht auf dem Album zu hören ist. Erst durch einen Kompletthördurchgang ist es möglich, die innere Kälte die der Protagonist auf "Gone" fühlt, selbst zu erfassen. Ein seelisches Relikt, zerbrochene Träume, Distanzierung, Isolation. Fernab aller zwischenmenschlichen Gefühlsregungen wandelt er selbst im Moment des Verlusts scheinbar gleichgültig, ist taub für jegliche Regungen, apathisch, wie auch in Zeiten der zersplitterten Beziehung. Was bleibt ist ein Scherbenhaufen, musikalisch und stimmlich höchst einnehmend präsentiert.

    "Everyone Who Casts A Shadow sowie "Approaching Lightspeed" reihen sich in die Tracklist als durchweg flüssig und gefällig im Soundbild ein, sodass der instrumentale, hypnotisch ausgefallene Closer "In Time" das gerade Gehörte prächtig reflektieren lässt.

    Wolfsheim erfinden mit diesem Album vielleicht nicht das Genre oder sich selber neu, angenehm wohlig, ansprechend und porenrein in aller Würde verläuft jedoch dieses markante Spätwerk, nach diesem sich die beiden als Partner in ihre persönlichen Schatten zurückzogen, aus deren Welten das Duo vereint seither nie wieder emporgekrochen kam. Eine nie enden wollende Hassliebe.

    4/5

    • Vor 2 Jahren

      Was stand im gelöschten Post? Das war doch jetzt hoffentlich kein laut'sches Wendehalsmanöver?! ;)

    • Vor 2 Jahren

      Nö ich stehe eben nicht auf nichtssagende Einzeiler

    • Vor 2 Jahren

      hm...interessante these.
      die wölfische würde jedoch habe zumindest ich hier längst vermisst. heppners vocals funktionieren zwar auch mit etwas beliebigerem songmaterial. dennoch fällt auf, dass das duo vor allem deshalb zu beginn weit stärker im bereich "songwriting" war, weil sie einfach mit peron den perfekt ergänzenden, mitagierenden producer am start hatten.

      das setzen auf alvarez-brill als eine art "2. liga-peron" war der beginn des abstiegs von wolfsheim. insofern hält dieses finale album aus meiner sicht - trotz der tollen single - deutlich weniger als große plattenl wie ihr "popkiller".

    • Vor 2 Jahren

      Sicherlich strahlt der puristisch verspielte wie eingängige Sound der 90er Wölfe schlussendlich deutlicher aus der Disko heraus als die weichen Synthiesphären des Schattenwurfs, aber gerade diesen entspannenden Kontrast weiß ich zu schätzen

      Auch die kleinen Momente die ein "And I" in seiner minimalistischen Elektronik zeigt, die zarten Akzente die man erst durch konzentriertes Hören erfährt, auch das eiskalte "Find You're Gone" oder das schlicht wolkengleiche "Care For You"

      Sie alle besitzen vielleicht nicht den Hunger, die Rebellion der Anfangstage, aber ein reifes, noch immer modernes Soundbild

      Ich schweife ab

    • Vor 2 Jahren

      nee, nee, passt schon.
      alter, jetzt höre ich mir das teil deiner zeilen wegen nochmal an. ...nach 13 jahren :D