31. August 2011

"Ich setz mich in die Kanone!"

Interview geführt von

Was macht einen 'bösen Menschen' aus - Umwelt oder Veranlagung? Wirtz und Edele klären das mal ...Technik ist nach wie vor Segen und Fluch zugleich. Da hat man schon die Möglichkeit, mit Daniel Wirtz an einem sonnigen Nachmittag in der Frankfurter Innenstadt in einem gemütlichen Café einen gemütlichen Plausch über das neue Album "Akustik Voodoo" zuhalten und einfach nur das kleine, digitale Aufnahmegerät mitzunehmen – und dann zeichnet das Drecksding nichts auf.

Zum Glück ist der Mann freundlich und entspannt genug, um dem dusseligen laut.de-Redakteur eine zweite Chance zu geben und so spricht man sich wenige Tage später bereits wieder am Telefon.

Daniel, nachdem der erste Versuch so glorreich in die Hose ging, starten wir Nummer zwei. Du hast jetzt die ersten Festivals bereits hinter dir. Wurden da auch schon die ersten neuen Songs gespielt?

Im Großen und Ganzen hab ich die letzten Festivals jetzt noch mit dem alten Programm gespielt. Wobei das für viele Leute dort noch komplett neues Material war (lacht). Das neue Zeug wird erst jetzt zur Tour wirklich präsentiert. Allerdings hatten wir "Du Verschwendest Meine Zeit" schon dabei, weil das ne gute Uptempo-Nummer ist, zu der man auf einem Festival gut mitgehen kann. Den Rest gibt es dann in live und 3D erst auf der Clubtour.

Die ersten Reviews wirst du zu "Akustik Voodoo" allerdings schon bekommen haben.

Ja, auf jeden Fall und deine hab ich natürlich ebenfalls schon gelesen. Es freut mich immer wieder, wenn ich sehe, dass sich jemand wirklich mit meiner Musik und meinen Texten auseinander setzt und ich habe tatsächlich den Eindruck, dass das auch bei vielen anderen Journalisten mehr und mehr der Fall ist. Auch solche, die das letzte Album noch weitgehend nebenher abgefertigt haben, nehmen sich mittlerweile etwas mehr Zeit dafür, was ich natürlich richtig geil finde. Keine Ahnung, ob das an der guten Arbeit unserer Promotion Firma Oktober Promotion liegt, die einfach genau wissen, wen sie am besten anschreiben, oder ob die Leute allgemein ein bisschen offener für meine Art Musik geworden sind ... Auf jeden Fall ist der Tenor bislang durch die Bank positiv. Schon fast ZU gut, würde ich sagen (lacht).

Hast du denn in anderen Interviews dann auch Feedback in der Art bekommen, dass die sich für das neue Material eher erwärmen konnten als für die ersten beiden Scheiben?

Nein, das jetzt nicht gerade, aber in meinem persönlichen Umfeld ist das zum Teil der Fall gewesen. Da haben einige nach dem ersten Probehören schon gesagt, dass die neuen Songs das Beste wären, was ich bislang geschrieben hätte. Und die sind da in aller Regel sehr kritisch, was solche Aussagen angeht (lacht). Die eigenen Freunde wirklich zu überzeugen, ist ja meist das Schwerste, aber da sich selbst DIE begeistert zeigen, hab ich ein wirklich gutes Gefühl.

Warum auch nicht? Immerhin wirst du deine Fans mit der neuen Scheibe kaum verprellen, und Platz für neue ist immer. Die dürften sich dann auch über einen eher lustigen Song wie "Goldenes Kind" freuen, der ganz im Sinne von "L.M.A.A." vom Vorgänger steht.

Das ist wohl so eine Nummer, bei der jeder zumindest schmunzeln muss, weil die so krass überzeichnet und ironisch ist. Das ist alles mit einem Augenzwinkern zu verstehen, aber auf der anderen Seite musste das natürlich auch alles mal zur Sprache gebracht werden (lacht). Ich hab mir damit aber auch einen kleinen Wunsch erfüllt, nämlich meine Eltern und vor allem meine Mutter mal mit einem Song von mir zum lachen zu bringen. Das hat mit "Goldenes Kind" herrlich funktioniert.

Gehen dir solche Sachen, die eher mit einem Augenzwinkern zu verstehen sind, leichter von der Hand?

Hm, schwer zu sagen. Leicht ist eigentlich nix, wenn es ans Songwriting geht. Es war einfach der richtige Zeitpunkt, um auch mal so was anzugehen und so einen Song zu schreiben. Wie, wo und warum ausgerechnet jetzt kann ich auch nicht beantworten. Geplant war das nicht, sondern am Ende stand ich einfach mit diesem Song in der Hand da. Sowohl dieser Song, als auch das ganze Album sind einfach die Momentaufnahmen von einem Jahr sich fallen lassen, Seele durchforsten, Resümee ziehen. Und dann versucht man das für den Hörer in eine Reihenfolge zu bekommen, dass es für den ebenfalls Sinn hat, dass es für einen selbst dramaturgisch sinnvoll aufgebaut ist, aber dann war es das im Grunde schon. Wie das genau passiert ... wenn ich das wüsste, würde ich vermutlich viele, viele Nummer 1-Hits schreiben (lacht).

Ich wollte eher darauf hinaus, ob so ein Text schneller geschrieben ist und leichter zu Papier zu bringen ist als die eher nachdenklichen, besinnlichen? Auf Musik übertragen so in dem Sinn von: eine Punknummer schreibt man in einer halben Stunde, an etwas Progressiverem sitzt man ein paar Tage dran.

Also musikalisch macht das überhaupt keinen Unterschied und textlich eigentlich auch nicht. Auch bei "Goldenes Kind" braucht jede Formulierung seine Zeit. Schließlich will ich stilistisch dabei nicht absacken, nur weil es eben mal ein humoristisches Thema aufgreift. Ich denke, das Schwerste an einem leicht klingen Song ist es, die Nummer so leicht klingen zu lassen. Gerade in diesen Texten steckt verdammt viel Arbeit drin, um den sprachlichen und gedanklichen Flow wirklich rund zu bekommen. Oft fange ich extrem bedeutungsschwanger mit den größten Dingern an und koch das dann runter, bis dann die Worte übrige bleiben, die das so scheinbar locker und sinnvoll auf den Punkt bringen. Dabei ist dann total egal ob es eine eher flachsige Nummer wie "Goldenes Kind" ist, oder ein Thema wie "Gebrannte Kinder", bei der man ein wenig tiefer in die Materie taucht. Das macht für mich keinen echten Unterschied.

Der Text zu "Kamikaze" bleibt ebenfalls im Gedächtnis. Für mich stellt sich da die Frage, ist das ironisch gemeint, oder beschreibst du dich damit tatsächlich selbst?

Hahaha, das ist leider reine Selbstreflektion. Da bin ich nicht wirklich stolz drauf, aber das ist nun mal die reine Wahrheit. Man denkt sich zwar immer: hey, du bist jetzt eigentlich erwachsen, du kennst die Regeln und du weißt doch, dass man nicht auf die heiße Herdplatte fasst. Aber selbst, wenn man den Herd abschafft, um idiotensicher zu leben, kommt irgendwann der Punkt, an dem ich wieder los zieh und mir einen mit noch mehr Herdplatten besorge. Dann ist mir alles zu geordnet und ich brauche die Herausforderung, den Wahnsinn, das Chaos. Dann wird wieder aus allen Rohren geschossen, ich setz mich in die Kanone und lass mich abfeuern. Das IST leider so und ich hab die Hoffnung auch schon aufgegeben, dass ich mich in der Hinsicht irgendwann mal ändern werde. Irgendwann kommt einfach der Punkt, an dem ich mal wieder am Rad drehen muss und dann geht das Ganze von vorne los (lacht).

"Mit dem BMX-Rad die Treppe runter"


Greifen "Kamikaze" und "Strom Der Zeit" dann auch ein wenig die gleiche Thematik auf? "Kamikaze" eher mit Ironie, "Strom Der Zeit" mit dem von dir gewohnten Tiefgang?

In gewisser Weise. "Kamikaze" bezieht sich natürlich explizit auf mein eigenes Leben, dass ich selbst heute noch mit dem BMX-Rad unbedingt noch mal die Treppe runter fahren muss, um mich richtig auf die Fresse zu legen – nur mal als Beispiel. "Strom Der Zeit" greift eher die Muster im inneren Bereich auf, also wie man mit anderen Menschen in Beziehungen umgeht, die Prägungen die man hat, worauf sich auch "Gebranntes Kind" bezieht. Man bekommt einfach von seiner Abstammung einen bestimmten Stempel schon aufgedrückt. Von seinen Eltern, Großeltern und wenn man noch weiter zurück geht, findet man in seiner DOS-Programmierung vermutlich sogar Einträge aus der Zeit, als der erste Affe mal den Gang auf zwei Beinen versucht hat. Das führt zu der Erkenntnis, dass man eben gewisse Verhaltensmuster hat, gegen die man sich kaum wehren kann. Es ist so, wie es ist. Ob das gut oder schlecht ist, ist nebensächlich. Die Thematik findet sich aber in diversen Texten auf der Scheibe, da es sich wie gesagt um eine Momentaufnahme des letzten Jahres handelt. Wenn man sich so mit einem Thema befasst, erläutert man sich das quasi selber und kommt dabei immer wieder auf andere Aspekte der selben Sache, die sich dann in einem neuen Text manifestiert. Somit sind "Kamikaze", "Gebrannte Kinder" und auch "Hol Mich Heim" quasi Songs, die aus einem Denkfluss entstanden sind, der aus der gleichen Quelle kam. So und jetzt will ich sehen, wie du dieses ganze Gefasel in einen sinnvollen Text umwandelst (lacht).

Das bekomme ich schon hin, mein Lieber. Aber wenn man dir so zuhört, scheinst es für dich im Endeffekt nur auf das Duell Genetik gegen Erfahrung heraus zu laufen.

Wenn man es bis nach unten reduziert, geht es wohl im Endeffekt in diese Richtung.

Also legt die Genetik für dich den Grundstein, was aus einem Menschen wird?

Davon bin ich überzeugt, ja.

Aber würde das nicht bedeuten, dass Menschen quasi schon böse geboren werden?

Puh, das ist ne schwere Frage. Also ich kenne jetzt keinen von sich aus bösen Menschen. Was auch damit zusammen hängt, dass ich natürlich kein Interesse habe, so jemanden kennen zu lernen. Die verschwenden meine Zeit, wenn ich mal mit Titeln um mich werfen darf. Das sind auf jeden Fall wieder schöne Thesen, über die man sehr gut diskutieren kann. Wie siehst du das denn?

Ich will sowas eigentlich nicht glauben. Ich wehre mich gegen die Annahme, dass Kinder schon böse oder mit Hass in sich geboren werden. Für mich sind das Verhaltensmuster, die anerzogen werden und von der Umgebung beeinflusst werden.

Klar, aber dann sind wir ja wieder beim Thema. Wenn du von deinen Eltern diesen bestimmten Stempel aufgedrückt bekommst, weil du zu wenig Liebe oder Aufmerksamkeit bekommen hast, dann bringt dich das doch bereits in eine bestimmte Richtung. Warum haben die Eltern ihrem Kind die entsprechende Liebe und Aufmerksamkeit nicht gegeben? Weil ihre Eltern vielleicht schon genauso waren. DAS ist die Art und Weise, wie ich das meine. Das ist weniger ein Problem vom genetischer Programmierung, sondern einfach von eigenen Erfahrungswerten, die man durch seine Aktionen und Reaktionen an den eigenen Nachwuchs weiter gibt. So bekommt jeder seinen Schlag schon von frühester Kindheit an mit – oder eben nicht.

Klar, eine gewisse genetische Vorbelastung mag man durchaus schon mitbringen und den Rest erledigt das Umfeld und die eigene Erfahrung. "Strom Der Zeit" interpretiere ich für mich dahingehend, dass manche Fehler immer und immer wieder wiederholt werden. Um den Klassiker zu zitieren: "Wer aus der Vergangenheit nicht lernt, ist verdammt sie zu wiederholen". Was mich interessiert ist: was löst so eine Erkenntnis, dass es doch immer wieder gleich abläuft, in dir aus? Macht dich das wütend? Eher lethargisch? Oder denkst du, jetzt erst recht?

Also ich bin jemand, der immer wieder versucht, sich mit der Musik selber an den eigenen Haaren raus zu reißen. Wenn man das Problem erkennt und akzeptiert, ist es bestimmt einfacher, damit zu leben, anstatt ständig zu versuchen, es zu verleugnen. Wenn ich mir dann sage, dass am Ende jeder mit sich alleine klar kommen muss, dann heul ich deswegen aber nicht rum, sondern dann versuche ich erst einmal für mich selber, damit umzugehen. Es ist schon irgendwo eine Schande, dass man weder im Privaten, noch in der Politik oder was auch immer aus den gemachten Fehlern seine Lehren zieht, aber irgendwie zieht sich das doch durch die ganze Menschheitsgeschichte.

Das ist wohl wahr. Hat sich eigentlich in der Herangehensweise an deine Songs irgendetwas verändert? Gehst du mit komplett fertigen Songs ins Studio, oder experimentierst du da auch schon mit gewissen Sounds oder Möglichkeiten?

Bei mir war das bis jetzt schon immer so, dass ich in gewissen Momenten einfach Lust habe, eine Gitarre in die Hand zu nehmen und dann kommt in aller Regel auch was dabei heraus. Das fixier ich dann meistens sofort. Egal, ob das auf nem Diktiergerät ist oder hier auf dem Rechner. Die Aufnahmen liegen dann erst mal rum und irgendwann hab ich auch mal wieder Lust mehr daran zu arbeiten und am Ende habe ich dann zumindest ein Grundgerüst an Songideen. Das kann ein Strophenthema oder eine prägnante Melodie sein. Wenn dann das Studio ansteht, dann zieh ich mich in ein Loch zurück und höre mir die ganzen Sachen nochmal an. Und wenn mich dann davon etwas direkt wieder flasht, dann arbeite ich das auch weiter aus. Meistens muss ich diese Sachen dann nur anspielen und weiß sofort wieder, was ich mir dabei gedacht habe. Das ist für mich dann ein sicheres Zeichen, dass da etwas in mir ist, das raus muss. Daraus entsteht dann der Song, und die Melodie und die Emotionen, die DAS in mir auslöst, beeinflusst letztendlich die Gedanken, worum es in dem Stück gehen könnte. DANN kommt der schwierige Teil, dass man das in Worte fassen muss. Dann fängt man an zu buddeln und kommt von Holz auf Stöckchen und irgendwann hat man 20 Texte, die das Thema immer mehr umkreisen und irgendwann macht man ne Punktlandung und fragt sich, wie man überhaupt dahin gekommen ist (lacht). Das ist dann auch für mich selbst immer so ein Aha-Erlebnis. Der ganze Weg dahin ist aber auch schon interessant. Eigentlich müsste man das mal dokumentieren und irgendwie aufzeichnen, wie ein bestimmter Song überhaupt entstanden ist. Das dürfte da draußen gar keiner raffen, was da an Strecke weggeackert worden ist.

"Rechner auf den Rücken, Kamera aufs Hirn"


Das wäre doch mal was Schönes für eine Bonus-DVD, oder?

Schon, aber dann müsste ich mir nen 80 Terrabyte-Rechner auf den Rücken schnallen und ne Kamera aufs Hirn. Und außerdem muss ich mir nen Idioten suchen, der das Ganze dann sichtet und bearbeitet (lacht).

Allein schon im Studio wäre es doch mal interessant, wenn ihr da ne Kamera stehen habt und entsprechendes Material verwendet.

Ich habe tatsächlich schon mal überlegt, mit einer Art Webcam im Studio zu arbeiten, dass die Leute mal einen Eindruck von unserer Arbeit dort bekommen. Aber letztendlich will man in dem Moment doch erst mal allein sein. Man sitzt da doch mit runtergelassener Hose und in solchen Momenten könnte ich keinen Zuschauer ertragen, weil das doch ein sehr zerbrechlicher Moment für mich ist. Sobald eine Kamera läuft, ist man eigentlich schon befangen und macht sich über alle möglichen Dinge Gedanken, die einen im Studio eigentlich nicht interessieren sollten. Das stört einfach enorm. Wenn ich gerade einen kreativen Prozess im Studio habe, dann will ich da auch mal in der Nase bohren oder die Haare raufen können, ohne darauf zu achten, wie ich aussehe. Da kommen auch schon mal ein paar schiefe Töne bei raus und das muss dann ja nicht jeder mitbekommen.

Auf "Akustik Voodoo" habe ich immer wieder das Gefühl, dass du deinen Blick nicht mehr maßgeblich nach innen richtest, sondern dich auch mit deinem sozialen Umfeld mehr auseinander setzt. Ist das tatsächlich der Fall, oder drückst du dich einfach anders aus, hast deine Formulierungen also angepasst? Musik hat ja meist auch therapeutische Wirkung. Bist du ein paar Dämonen los geworden?

Hm, ich kann dir da nur bedingt zustimmen, da ich der Meinung bin, dass auch die Texte auf "Akustik Voodoo" weitgehend auf mich selber bezogen sind. Allerdings habe ich sprachlich versucht, das alles ein wenig bildhafter zu gestalten, allgemeiner zu halten. Jeder soll die Möglichkeit haben, sich selber eine Vorstellung davon zu machen. Ich bin nach wie vor die Blaupause für die ganzen Texte, aber ich weiß ja, dass das nicht nur mir so geht, sondern ganz vielen anderen Menschen auch. Also versuche ich mich mittlerweile derart zu artikulieren, dass sich diese Leute in meinen Texten auch wiederfinden und sich damit identifizieren können.

War es für dich also schwieriger oder intensiver, deine Texte jetzt auf diese Art und Weise zu formulieren?

Naja, ich sage mal, dass es zwangsläufig so passiert ist, denn mit Sachen wie "Mon Amour" oder "Heute Weiss Ich" hab ich ja alles zu dem Thema und in der Art schon gesagt. Auch wenn mir jetzt ein ähnliches Gefühl widerfährt, dann muss ich ja dennoch sehen, wie ich das anders verpacken und artikulieren kann. Von daher war das eine ganz logische Entwicklung. Entsprechend wird es mit den kommenden Alben immer komplexer und schwieriger, wie ich manche Sachen jetzt verpacken kann, ohne mich dabei ständig zu wiederholen (lacht).

Ein bisschen muss man sich aber schon fragen, ob du deine inneren Dämonen denn mit deiner Musik tatsächlich bekämpfst, oder ob du überhaupt was aus deinen eigenen Erkenntnissen lernst.

Hey, also komm (lacht). Klar lern ich was draus. Für mich ist immer wieder die Chance, mir die Sachen von der Seele zu schreiben und es funktioniert für mich auch bestens. Ich hoffe natürlich auch, dass das bei dem Zuhörer ebenfalls ankommt und vielleicht sogar auch bei denen klappt. Am Ende mach ich das natürlich maßgeblich für mich. Wenn anderen Leute daran teilhaben und es für sie funktioniert, ist das super. Deswegen auch dieser Akustik Voodoo-Aspekt. Nach dem Motto: das ist etwas, was dich selber rettet, aber vielleicht auch als Antibiotikum bei anderen anschlägt.

Lass uns noch kurz auf das Thema MySpace kommen. Als wir uns das letzte Mal noch über "Erdling" unterhalten haben, war das quasi DEINE Plattform und das maßgebliche Mittel für dich, auf dich aufmerksam zu machen und mit deinen Fans in Kontakt zu treten. Mittlerweile hat sich MySpace selber ins Aus geschossen. Nutzt du dein Profil dort nach wie vor noch?

Ich bin auf jeden Fall täglich mal drauf und schau, dass es parallel zu allem anderen aktualisiert wird, aber man sieht an den Statistiken dort ja ganz deutlich, dass das alles den Bach runter geht und kaum mehr genutzt wird. Ich habe dort immer noch 13-14.000 Leute als Freunde, die ihr Profil dort noch nicht gelöscht haben, aber sonderlich aktiv ist dort eigentlich keiner mehr. Vielleicht haben die mir aber auch einfach nichts mehr zu sagen, wer weiß (lacht). Ich halte es nach wie vor am Laufen, aber der Nutzen ist mittlerweile sehr gering. Ich bin auf Facebook mittlerweile recht aktiv und muss halt jetzt schauen, wo es in Zukunft hingeht. Als Marketingtool werde ich Facebook allerdings nicht nutzen. Auch bei MySpace bin ich nie hingegangen und habe Leute angeschrieben. Alle, die bei mir gelandet sind, haben das von sich aus oder auf Empfehlung von Freunden getan. Daran werde ich auch in Zukunft nichts ändern. Und wenn ich dann mal was zu sagen habe auf meiner Seite, kann ich somit auch relativ sicher sein, dass es diese Leute tatsächlich interessiert und dass die dann auch dran bleiben. Wenn ich da 20.000 irgendwie angeschrieben hätte, die dann mal aus ner Laune raus auf 'gefällt mir' drücken und dann von mir zugetextet werden, denken die doch nur: was nervt der Typ denn jetzt schon wieder ab?

Du hast aber auch einen recht fließenden Übergang zu iMusic1 hingelegt.

Ja, das war eine glückliche Sache. Die haben sich relativ früh mit dem Thema Wirtz anfreunden können und sind ja auch in Frankfurt ansässig. Ich kenn die Jungs alle schon lange und von daher bin ich natürlich froh, mit denen so eng zusammen arbeiten zu können. Genauso wie du und ich uns die nächsten Jahre hoffentlich noch häufiger sehen werden, so ist das eben auch mit iMusic1. Wir kennen uns und man trifft sich hin und wieder. Die waren dann eben auch von dem Video zum Titeltrack total geflasht und hatten was dermaßen Hochwertiges aus Deutschland halt lang nicht mehr gesehen. So führte dann eins zum anderen und die Jungs sind genauso ambitioniert und mit vollem Herzen dabei, wie wir das hier sind. Von daher ist das echt klasse. Wenn dann bei der Premiere des Videos bei denen der Server zusammen bricht wegen Überlastung, dann wissen die ja auch, dass sie irgendwas richtig gemacht haben.

Mit dem Video habt ihr es ja auch richtig krachen lassen.

Ja, aber das war auch wieder so ein Ding unter Künstlern. Jeder, der an dem Video beteiligt war, ist wirklich von Herzen dabei und macht das, weil er da richtig Bock drauf hatte und sich künstlerisch entfalten konnte. Wenn wir das alles hätten bezahlen müssen, wäre das von vorne herein schon am finanziellen Aspekt gescheitert. Die Leute, die in dem Video mitspielen, das sind Akteure vom Antagon Theater in Frankfurt. Das ist ein 20 Jahre altes Straßentheater, die in einer kleinen Kommune am Stadtrand autark leben und für ihre Auftritte quer über den Globus reisen. Die waren einfach Feuer und Flamme und hatten Lust, dabei zu sein. Genauso unser Kameramann. Auch ihn kenne ich schon seit Jahren und er hatte einfach Bock drauf, als ich ihm das Szenario erklärt hatte.

Sieht man dich von Labelseite her eigentlich schon als Gefahr an? Immerhin hältst du dich ohne den ganzen Labelscheiß mehr als achtbar. Das stößt doch manchen sicherlich sauer auf?

Das kann ich mir jetzt nicht wirklich vorstellen. Ich weiß, dass das beobachtet wird, vor allem auch von vielen anderen Bands. Aber letztendlich wäre mir das auch egal. Ich mach hier meinem Kram und muss damit über die Runden kommen, was auch nicht ganz so leicht ist, wie sich das manch einer vielleicht vorstellt. Zumindest versucht mittlerweile niemand mehr, mich auf sein Label zu holen oder mit einem dicken Scheck zu locken. Mich sprechen immer mehr Bands an, wie ich das denn genau mache, was ich mache und wie ich damit über die Runden komme. Viele haben die Schnauze voll davon, von den Labels verarscht zu werden. Es ist natürlich für jeden Künstler der absolute Traum, sein eigener Chef zu sein, ohne dass einem jemand rein quatscht. Man steckt viel mehr Herzblut mit rein und hat bei wirklich jeder Entscheidung das letzte Wort und weiß das viel mehr zu schätzen. Auf der anderen Seite ist es verdammt viel Arbeit, eine große Verantwortung und ein nicht weniger großes Risiko. Letztendlich lohnt sich der Aufwand aber – zumindest für mich als Künstler (lacht).

Dann gib uns mal noch einen Buchtipp mit auf den Weg.

Oha, also für Leute, die auf die typische Wirtz-Lyrik stehen, wo auch ruhig mal ein paar Schimpfwörter auftauchen dürfen, die dürften wohl an "Macht Und Rebel" von Matias Faldbakken Gefallen finden. Sowas hatte ich bis dato auch nicht gelesen.

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