laut.de-Kritik

Vom Suchen und Finden der Vollkommenheit.

Review von

Es gibt sie noch. Solche Platten, für die man auch in Zukunft seine Lanze brechen wird und sie ohne Bedenken herzallerliebst in sein persönliches Meilenstein-Inventar aufnimmt. Und damit ist kein Evergreen oder verschlissen geglaubter Geheimtipp gemeint, sondern Wilcos neues Zauberwerk "The Whole Love".

Wilco fordern niemanden heraus und sind doch unschlagbar. Vielleicht, weil sie mit der ganzen Wahrheit rausrücken, ihre Fertigkeiten vollends ausspielen und Popmusik schreiben können, die seit der Ablösung vom Tonband zu den Digital Files öfters gern auf Abwege gerät. Kein Attest gibt es, um das "The Whole Love" betteln müsste, um sich zu entschuldigen und keine Ungereimtheiten, die sich mangels Ungeschicklichkeit ergeben.

Es sind die sattelfesten Harmonien und die brillanten, oft nur marginalen Chöre, winzige Details am Synthie, die sich so gut ins Gesamtbild einfügen, die mäandernden, knackenden Basslinien, eine zunächst durch den Dreck gezogene, dann wie auf Hochglanz polierte Gitarre und die ausufernden, aber im richtigen Moment filigranen Rhythmusspielereien, die allesamt einen Unterschied ausmachen, der mehr offensichtlich als fein ist. Nicht nur der letzte Schliff bedeutet Perfektion, sondern genauso das Anpacken. Schließlich wirft auch der Schweiß seine Perlen.

Alle Jahre wieder verpassen sich Wilco das fast schon selbstverpflichtete Upgrade. Ein Song wie der nächste, ein Album wie das letzte, diese Routine ist auch dieses Mal nicht eingekehrt. Ganz lapidar gesagt, kann diese Band das einfach nicht. Wer das nicht aus freien Stücken durchwinken möchte, kann sich legendäre Cover-Performances besonders totgehörter Songs via YouTube ansehen, um sich zu bekehren zu lassen. Selbst der flachste von ihnen gewinnt an Höhe und Witz, wenn da ein Wilco-Mitglied in die Saiten greift.

Aus dem Bandkarussell, das sich einst salopp drehte, ist bis heute eine treue Truppe geworden, bei der sich der Genius Jeff Tweedy seit geraumer Zeit traut, mehr Demokratie zu wagen als in früheren Tagen. Das Wort bleibt nicht mehr allein beim Rudelführer, es sitzt der ganze Tross im Boot, der bestimmt, wo es lang geht.

Süße Ironie ist es dann, wenn gleich zu Beginn ein Stück wie "Art Of Almost" zu solch einem kollektiven Rundumschlag ausholt. Ob der Tempomat Glenn Kotche nun auf Dauerwirbel schaltet oder Nels Cline mit viel Gewalt ein Grollen heraufbeschwört, das nicht einmal von Neil Youngs kaputtestem Verstärker ausgehen könnte, dieses Glück ist nur der Anfang.

"Sunloathe" ist ein Musterbeispiel des Tweedy-Kosmos und tönt wie ein schwerer Sommertag, der nach einem versöhnlichen Abschluss schielt. Klines sanftes Picking an der Gitarre verspricht ein Eldorado wie zu George Harrisons besten Zeiten. Unaufdringlich stehen "Black Moon", "Open Mind" und "Rising Red Lung" direkt und ungetrübt vor dem eigenen Auge, dass es nicht schwer fällt, von jedem dieser einzelnen Rohdiamanten den noch so kleinsten Schimmer einzufangen.

Aber der Klangapparat aus Chicago kann auch anders: Jahrmarktorgeln, wippender Takt und schnalzende Finger im beschwingten "Capitol City", ein nölender Tweedy im wabernden "I Might". Zwischen den Liedern werden die Extreme vertauscht, von laut geht es nach leise, von Krawall zu Harmonie. Schnell muss es sein, langsam aber auch. Aber nicht politisch, lieber introvertiert.

Das mitternächtliche Barpiano-Szenario "One Sunday Morning (Song For Jane Smiley's Boyfriend)": eine Endlosschleife. Aber eine mit Querverweis, denn so kann es weitergehen. Zwölf Lieder, von denen keines der Klassenprimus sein möchte, weil sie alle in der ersten Liga spielen.

Trackliste

  1. 1. Art Of Almost
  2. 2. I Might
  3. 3. Sunloathe
  4. 4. Dawned On Me
  5. 5. Black Moon
  6. 6. Born Alone
  7. 7. Open Mind
  8. 8. Capitol City
  9. 9. Standing O
  10. 10. Rising Red Lung
  11. 11. Whole Love
  12. 12. One Sunday Morning (Song For Jane Smiley's Boyfriend)

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LAUT.DE-PORTRÄT Wilco

Wilco gehören wie Radiohead oder Giant Sand zu jenen beneidenswerten Bands, deren Werke schon vor ihrer Veröffentlichung zu Meisterwerken erkoren werden.

13 Kommentare

  • Vor 7 Jahren

    @nicolas stolz (« @catweazel
    ach unto the locust ist recht zarm.
    haste die bon iver schon mal gehoert?
    wobei ich nach den 5 songs vom neuen noel gallagher album eher noch warten sollte bevor ich bon zum sieger kuere. da kommt naemlich ein verdammt großes werk auf uns zu. »):

    jo, im vergleich zu the blackening ist es eher auf grooves ausgelegt und die riff brutalität wurde zurückgefahren.
    /
    hab mir das neue bon iver am ersten tag direkt zugelegt. wunderschönes album, nur der letzte track ist widerlichster 80er jahre porno soft rock für meinen geschmack. :D

  • Vor 7 Jahren

    ja der letzte song stach raus. das album ist zum erstling aber eine riesen steigerung. fand den ein bisschen langweilig und hilightlos. PS : weiss immer noch nicht an welcher stelle von kanye wests "monster" bon iver singt. hoere den voll net raus.

    machine head sind eh ueberbewertet. ist ne coole truppe aber machen jetzt (finde ich) keine besondre mukke. da haut mich cavalera mit seiner neuen band vieeeeel mehr vom hocker.

  • Vor 7 Jahren

    highlightlos*

    schreib dich nicht ab....