laut.de-Kritik

Ein Album wie leicht hacke am Strand liegen.

Review von

Wer Weezer nicht liebt, nie geliebt hat, möge uns anderen nun eine ruhige Minute gönnen. Alles, was ihr wissen müsst, ist: Die spielen in euren Ohren immer noch eine Variante ihres Nicht-Fisch-Nicht-Fleisch-Rock für mentale Erstsemester. So unverdrossen, dass es von Jahr zu Jahr merkwürdiger wirkt, wie wenig sich Rivers Cuomo am äußersten Ende seiner Vierziger eigentlich für seinen Pullunder schämt. Geht unterdessen an die frische Luft, eine Runde Kegeln, oder raucht mal wieder eine Zigarette, die sind lecker.

Horcht man als Weezer-Fan in einer ehrlichen Minute tief in sich hinein, ist man sich nicht sicher, was genau man von dieser Band eigentlich will. Einerseits werden sich die allermeisten einig sein, dass die völlig unironische Nummer des "white guy in his twenties complaining about life" zu mal mehr, mal weniger softem Gitarrenspiel definitiv nicht das ist, was man im Jahr 2019 von Rivers Cuomo hören möchte. Ebenfalls tief im Fanherzen sitzt aber die Verletzung, dass ihm genau diese Nummer in ihrer schamlosen, großartigen Emotionalität nie mehr so geglückt ist wie mit "Pinkerton". Deswegen findet man alles danach, den perfekten Springbreak-College-Vibe des grünen Albums außen vor, tendentiell scheiße (interessant vor allem, wenn man bedenkt, dass die Fans "Pinkerton" zu seiner Zeit so beschissen fanden, dass sich der Frontmann fast ein halbes Jahrzehnt nahezu ungestört seiner starken Depression widmen konnte).

Mit Namen und Cover des "Black Album" weckt dieser herzlose Bastard dann doch Hoffnungen, dass er sich über Nacht wieder in einen depressiven Mittzwanziger in seinem ersten Harvard-Jahr verwandelt hat und es der Welt mit melodiösen LoFi-Emo-Riffs zu egozentrischer Herzschmerz-Lyrik noch einmal so richtig zeigt. Tut er nicht. Stattdessen beweisen Weezer ein sicheres Händchen für Ohrwürmer, extrem kurzweilige Arrangements sowie das Selbstbewusstsein von Leuten, die für einen Haufen weißer Schmocks von der Uni eine ziemlich beachtliche Karriere im Musikgeschäft hingelegt haben.

Vor allem hat Songwriter Cuomo in seinem Dasein als Popschwein mittlerweile jedwede Hemmung abgelegt, sich an allem in der Musikgeschichte zu bedienen, was in einem Weezer-Song gut klingen kann. Zum Einstieg vermengt er als Hornbrillen-Hustler Mariachi-Trompeten, eine Strophe, die klingt, als hätten Led Zeppelin "Trampled Under Foot" Nachmittags im Liegestuhl am Pool eingespielt und eine Hook wie von den Scissor Sisters in ihren besten Zeiten. "Leave a five star review and I leave you one, too": Ziemlich cool, ziemlich charmant.

Direkt im Anschluss daran stoßen Weezer unerschrocken an die Grenzen des guten Geschmacks vor: "Zombie Basterds" kombiniert Lagerfeuer-Akkorde mit etwas als Refrain, das man durchaus H&M-Kabinensound nennen kann. Das liest sich deutlich negativer, als es sich anhört. Zugegebenermaßen ist das so natürlich auch kein explizites Kompliment. Wenn man aber bereit ist, die sich daraus ergebenden, sicherlich faszinierenden semantischen und erkenntnistheoretischen Fragen außen vor zu lassen, kann man damit Spaß haben. Dazu liefert Cuomo wie gehabt seinen herzerweichend naiven Schmalz in der Stimme, der Zeilen wie "walk with me between the raindrops listening to Queen" und "Music has saved my life / we don't have much time" zu der großen Highschool-Lyrik macht, die sie ist.

Klingt scheiße? Klingt toll! "Die, die, you Zombie Basterds", das ist keine Atomphysik, ergibt aber Sinn, insofern es ins Ohr geht und dort bleibt. Nun muss der Begriff "Ohrwurm" ja im Volksmund nicht zwingend etwas Gutes heißen und trifft etwa auch auf "Ai Se Eu Te Pego" (leicht verschämt mitsummend, den Blick auf den Boden gerichtet) oder (geschmacklos, wahrnehmungszerfetzend, aber auf eine perverse Weise geil) "Cotton Eye Joe" zu. Mit ihnen gemein haben Weezer den tendenziell unprätentiösen Ansatz und ein gewisses Schielen auf den Mainstream, nur schielen Weezer auf verschiedenen Zeitebenen: "High As A Kite" macht wunderbar einen auf Beach Boys, während man bei "Living in L.A." oder "Too Many Thoughts In My Head" ein "2006 hat angerufen ..." auf den Lippen hat. Aber auf Indieparties will man ja auch oft zuerst nicht, dass das einem Spaß macht, bis man den aus Versehen dann doch hat.

Zudem versteht Cuomo, der ausgebuffte alte Knabe, genügend vom Hexenhandwerk eines guten Popsongs, dass die Medizin genau richtig süß schmeckt. Er verschleiert die Zutaten so geschickt, dass dieser "Haste doch schonmal gehört"-Moment immer wieder aufkommt, ohne dass es billig wirkt. Eher wie das Gefühl eines angenehmen Wiedersehens. Natürlich kann Cuomo Beatles und Beach Boys, melodisch versüßte College-Rock-Melancholie und Indiegitarrenmusik besser als, sagen wir mal, Adlibs. Von der Hommage an den titelgebenden "The Prince Who Wanted Everything" ist es vermutlich gesichtswahrender für alle Beteiligten, dass der Geehrte seine Meinung dazu in dieser Dimension nicht mehr mitteilen kann. Uns ist er aber geradlinig stampfend und zugleich lässig genug, um einmal fünfe gerade sein zu lassen. So wie "I'm Just Being Honest" einfach ein entwaffnend sonniger Diss gegen alle Nachwuchsmusiker ist, die Cuomo ungefragt Demos in die Hand drücken, kann man sich der beschwingten Lust am Pop auf diesem Album einfach nicht entziehen und fühlt sich auch noch gut dabei.

Wem diese ganze Rezension nun eine allzu agnostische "Gut, Schlecht, wer weiß"-Angelegenheit ist, mag sich bitte vorstellen, wie man Donnerstags leicht hacke am Strand liegt, nichts wirklich Interessantes vor hat und ebenso wenig ein Bedürfnis danach. Das Wasser plätschert gegen den Bauch und die großen Fragen wollen im Kopf einfach nicht aufkommen. Man hat das alles gar nicht explizit so gewollt, aber es ist schön, dass es passiert. Deswegen summt man einfach die Melodie von "Africa" und denkt wohlwollend an Rivers Cuomo, diesen gewitzten Hundesohn.

Trackliste

  1. 1. Can't Knock The Hustle
  2. 2. Zombie Basterds
  3. 3. High As A Kite
  4. 4. Living In L.A.
  5. 5. Piece Of Cake
  6. 6. I'm Just Being Honest
  7. 7. Too Many Thoughts In My Head
  8. 8. The Prince Who Wanted Everything
  9. 9. Byzantine
  10. 10. California Snow

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7 Kommentare mit 11 Antworten

  • Vor 8 Monaten

    Verglichen mit der Weezer-Diskografie ist es eins ihrer schwächeren Alben. Aber als Platte ist das Black Album in sich stimmig und echt gut gemachter Pop-Rock. Abgesehen von Byzantine auch kein Song zum Skippen dabei und mit High as a Kite mMn ihre Beste Single seit Langem!
    4/5

  • Vor 8 Monaten

    ernsthafte frage: wieso eig immer der ganze hate gegen weezer? hab das nie wirklich mitverfolgt und verstanden, was die so verbrochen haben - kenn allerdings nur pinkerton (und finds großartig). kann das jemand erklären?

  • Vor 8 Monaten

    kurze Anwort: siehe Antwort von Jenzo1981
    lange Antwort: Aaaalso... Wer Weezer liebt, tut dies spätestens seit the green album. Oder zumindest WEGEN der ersten drei Alben. Wie bei Dir. Ein Nerd öffnet seine Seele und drückt dies durch Musik aus. Wer sich in diesem Stripteas wiederfindet -> liebt Weezer.
    Danach haben Weezer diese Tiefe verloren und Alben wie Maladroit und Ratitude mit krassen Komplettausfällen gemacht und u.a. bei the red album mit "the greatest man that ever lived" große Fragezeichen und wegen der Enttäuschung bei gleichzeitiger vermeintlicher Selbstüberschätzung des Nerds die ersten hater gesammelt.
    Danach alles in Frage zu stellen, weil man BlauPink(erton)Green erwartet und nicht bekommt, ist einfach.
    Tatsächlich habe sie mMn seit 2014 mit everything will be... keine Komplettausfälle mehr gehabt. Ich finde den modernen Style geil, lass mich drauf ein und finde den Nerd von 2019 auf the black album.
    Love it.