laut.de-Kritik

Akute Schnappatmung im aufgeblasenen Genre-Ballon.

Review von

Da sind sie also wieder, die Irren aus der Pop-Anstalt. Ween haben sich für ihr neues Werk "La Cucaracha" immerhin vier Jahre Zeit gelassen. Und diesmal ist man so richtig verstört, wenn man die dreizehn Stücke zum ersten Mal auflegt. Auch deine Gäste schauen beim genauen Hinhören zunächst verdutzt und fragen dich, wer zur Hölle ist das? Dann wollen sie einem nicht so ganz glauben, dass es sich um die verwunschenen Ironie-Kobolde Dean und Gene Ween handelt, die mal wieder intensiv mit sämtlichen Musikgenres und vulgärem Textgut jonglieren.

Bis man ihnen das Cover zeigt und sie immer noch erstaunt gucken. Den Blick kann ich sehr gut nachvollziehen. Für Überraschungen sind Ween ja schon seit ihrem offiziellen Debüt "God Ween Satan – The Oneness" bekannt. In diesem neuen Krabbeltier-Ergebnis finde ich allerdings gar keinen roten Faden mehr. Und Lachen musste ich vorwiegend wegen des Labelnamens: Schnitzel Records. Aber mal der Reihe nach.

Der Opener "Fiesta" klingt wie eine nostalgische Neuversion der Titelmelodie vom "Aktuellen Sportstudio", allerdings mit mexikanischem Temperament. Auch Ween scheinen während der Weltmeisterschaft irgendwo kleben geblieben zu sein. Darüber hinaus hätten sie noch nicht mal im Traum daran gedacht, jemals Bläser in ihre wirren Stücke zu platzieren.

Doch jetzt wimmelt es förmlich nur so von Tröten, aber wohl nur, weil sie ihren Lieblings Saxophon Spieler David Sanborn (hat u.a. mit David Bowie und Paul Simon zusammen gearbeitet) dazu verdonnern konnten, auf ein paar Stücken mitzuspielen. Okay Jungs, das wars. Die Blaskapelle ist da und der Untergang vorbestimmt.

Aber ganz so schlimm ist es noch nicht, auch wenn das "Blue Balloon"-Geblase einem schon mächtig auf den Zeiger geht. Ständig dieser aufgeblasene Ballon, der langsam aber sicher seine Luft verliert. Neben dem Holzblasinstrument ist auch die Leidenschaft des Hardrock-Dödel deutlich vertreten, wie wir dem provokativen "My Own Bare Hands" entnehmen. Allerdings versinkt die heutige Ironie in Songtexten immer mehr in Richtung Schmuddel-Poesie: "I can do so many things with my own bare hands / She's gonna be my cock professor / studying my dick / she's gonna get a master's degree in f**kin me".

Auch sonst ziehen sie nach wie vor alles durch den Dreck. "Friends" startet die internationale Tanz-Parade, Popmelodien werden darunter vermengt, die sich mit "Object" bis nach Kalifornien schlingen. Country-Gejohle lernen wir mit "Learnin' To Love" und eine rhythmische Dub-Reggae-Parodie vernehmen wir in "The Fruit Man".

"Shamemaker" lädt noch einmal auf die Tanzfläche und ist mit "Sweetheart In The Summer" noch die erträglichste Nummer. In "Lullaby" schläft dir sogar der Kaffee ein und "Your Party" beendet, natürlich noch mal mit Gaststar Sanborn, die schwindelerregende fast 50- minütige Berg-und Talfahrt.

Natürlich kommen auch schmachtende Ami-Schlager mit progressivem Zittern in der Stimme nicht zu kurz, höre "Spirit Walker". Und die schmetternden Gitarren-Brecher in "Woman And Man" darf man auch nicht vergessen. Da fallen einem schlussendlich ganz die Ohren ab.

Dieses Kakerlaken-Sammelsurium ist eine Platte für Liebhaber oder eher lästig, wie der Arschkriecher aus dem Büro. Keine Melodien zum Nachsingen, vom Hölzchen aufs Stöckchen landet man in einem wirren Haufen voller Lebensfreude. Da waren die Vorgänger "The Mollusk" oder "White Pepper" durchaus geselliger und rühmenswerter. Natürlich muss man das Ganze durch die bekannte Ween Humor-Brille sehen, der allerdings stark nachgelassen hat.

Es sei vielleicht zu erwähnen, dass das Album unter schweren Bedingungen aufgenommen wurde. Ein vesifftes, modriges Landhaus, irgendwo in Pennsylvania. Laut Dean Ween würde er dort noch nicht mal seinen Hund zum Scheißen ausführen. Gut, während Dean mit Tuberkulose zu kämpfen hat, leide ich an akuter Schnappatmung. Man darf sich von "La Cucaracha" durchaus überfordert fühlen.

Trackliste

  1. 1. Fiesta
  2. 2. Blue Balloon
  3. 3. Friends
  4. 4. Object
  5. 5. Learnin' To Love
  6. 6. My Own Bare Hands
  7. 7. The Fruit Man
  8. 8. Spirit Walker
  9. 9. Shamemaker
  10. 10. Sweetheart In The Summer
  11. 11. Lullaby
  12. 12. Woman And Man
  13. 13. Your Party

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5 Kommentare

  • Vor 11 Jahren

    jaa... Der Titel sagt mal wieder einiges. :D

    Auf der Homepage:
    Yes, the new Ween album has a name, "La Cucaracha". The album kicks ass, I'm not really sure what else to say about it other than I really can't wait for it's release. There's not a wasted minute of music on there. We wrote and recorded a ton of material before we whittled it down to it's present state. We recorded the album to two inch 24 track tape and it sounds amazing. As always, it was produced and mixed by Andrew Weiss. It's due to be released in late September and we have already booked our American tour, which runs from mid-October until X-mas break. It will be our first full scale tour since "Quebec" was released. We will be playing pretty much every major city in the U.S. I'm not so sure yet about Europe, Australia, New Zealand, and Japan but it looks like we'll get there next year. I really, I mean really can't wait for you guys to hear it. I think you're gonna be floored.

    Bananas and Blow...

    :smoke: Bin sehr gespannt...

  • Vor 11 Jahren

    leider kenne ich bis heute nur "the mollusk", aber das ist ein schönes kleinod obskurer popmusik. in die neue höre ich auf jeden fall rein. :)

    abgefahrene homepage übrigens, sehr witzige navigation.

  • Vor 11 Jahren

    Meine Meinung zu diesem Album ist zwar gespalten, aber als alter Fanboy kann ich denen aber auch gar nichts übelnehmen. Die dürfen sogar Eurotrash.
    Ween ist Ween ist Ween.
    Buenos tardes Amigo!

  • Vor 11 Jahren

    Selten eine Rezension gelesen die so sehr das übersieht, worauf es ankommt.

    Ween haben verstanden, dass Popmusik Realität in eine Wunschwelt spiegelt und werfen wiederum Popmusik durch einen (Zerr-)spiegel auf den Hörer zurück. Sie sind zwar gelegentlich witzig, aber in erster Linie irritierend. Diesmal mehr denn je: Blue Balloon mischt Mythos mit MarioBros Ästhetik, Friends ist ein nur auf den ersten Blick oberflächlicher Party-Song über einen Homosexuellen, der sich vor der Erfüllung seiner Wünsche fürchtet ('Scary to think that I could be happy'), gefolgt von einem simplen und nachvollziehberaren (!) Blick in die Seele eines Frauenmörders 'But I've got my pride and my time isn't free - you're just an object to me', gefolgt von überdrehtem Rodeo Country, dann ein Song über den viel übersehenen Macho-Charakter der Wissenschaft "I can clone your DNA with my own bare hands", usw bis hin zu einem episch-religiösen Aufruf zum Kampf "Killing for live - living is: fighting together" bis am Ende die Geräusche von Maschinenfeuer und Sterbenden nahtlos in die saxophongetünchte Huldigung einer Wohnzimmerparty übergehen.

    Und das Irritierendste: alles ist - meiner Ansicht nach - wunderbar unterhaltsam. Ganz objektiv sollte jedenfalls auffallen, dass das Album (Pop-)musikalisch auf höchstem Niveau gespielt und sorgfältig produziert wurde.

    Übrigens, Frau Lütz: betreffs 'Blaskapelle'. (echte) Bläser kommen abgesehen vom Intro in genau einem Song vor, nämlich dem letzten. Außerdem würde es mir schwerfallen, bei einem Wiegelied für Soldaten meinen Kaffee zu trinken.
    Geschmäcker sind verschieden, und das Album muss man beileibe nicht mögen - Ihre Abneigung haben Sie ja ausgiebig kundgetan. Aber ich kann nicht verstehen, wie Sie auf einer vielbesuchten Seite so leichtfertig das Entscheidende aussparen können. Gut nur, dass die 'Liebhaber' denen das Album eher 'lästig' ist, Sie mit einer derzeit 5/5 Wertung widerlegt haben.