Porträt

laut.de-Biographie

Vizzion

Interessiert man sich nicht sonderlich für das Elektrofahrzeug-Konzept eines großen deutschen Automobilherstellers, entpuppt sich eine Onlinesuche nach "Vizzion" als mühsame Angelegenheit. Um den Rapper gleichen Namens zu finden, muss man schon ein wenig graben.

Wer tief genug schürft und sich auch von der dann zuerst ins Auge springenden Kontroverse nicht abschrecken lässt, stößt irgendwann aber doch auf Tom Dehos aus Darmstadt. In seinen Zeilen,geht Hand in Hand, was auf den ersten Blick nicht zusammen zu passen scheint: scharfsichtige Sozialkritik, Selbstreflexion und rasender Zorn.

Widersprüche aushalten gehört für Vizzion dazu. "Linksgerichtet und antikapitalistisch", so beschreibt er sich selbst. Manch zartem Gemüt erscheinen die Texte jedoch zu kompromisslos, zu gewaltbereit, zu blutig.

Insbesondere im Verbund mit Vizzions martialischer, stark körperbetonter Selbstinszenierung - er betreibt Fitnessport, seit er 17 ist - landet das gerne einmal im falschen Hals. Damit, zu polarisieren, hat Vizzion jedoch kein Problem.

"Ich will Denkanstöße geben", erklärt er. "Dogmatismus vermeiden, weil sonst schnell die Scheuklappen zugehen." Deswegen hinterfrage er auch laufend seine eigenen und die Aussagen anderer: "Geht es um die Message? Oder sagst du etwas nur, weil du denkst, es kommt gut an?"

Den Rap als Ausdrucksform entdeckt er mit etwa 13 Jahren für sich: "'Electro Ghetto' hat mich zum Deutschrap gebracht", erinnert er sich und klingt fast ein bisschen beschämt, wenn er zugibt: "Damals war ich ein richtiger Aggro-Fan."

"Davor habe ich auch schon geschrieben, aber das waren eher Gedichte. Irgendwann hab' ich angefangen, im Kinderzimmer mit dem Headset ein bisschen was aufzunehmen, hab' das auf dem Schulhof gezeigt und kam mir wie ein Vollidiot vor."

Zeiten ändern dich, manches ändert sich jedoch nie: "Ich finde es immer noch surreal, dass es Leute gibt, die das hören wollen", so Vizzion viele Jahre später. "Es ist einfach so weit weg von meiner Eigenwahrnehmung. Ich will keine Projektionsfläche sein, ich bin kein besonderer Mensch."

Wohl aber ein Mensch mit einem besonders ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn und Mut zum Aufbegehren. Gründe dafür gibt es viele. Im Kleinen verschafft sich Vizzion Luft, um sich über das problematische persönliche Umfeld auszukotzen, im Großen stellt er Staat und System in Frage.

Bis er seine Tracks aber auf einen Tonträger bündelt, dauert es. "Brutkasten" erscheint erst 2018, macht seinem Titel dafür aber alle Ehre: "Ich gelte zwar als Newcomer, mache aber seit über zehn Jahren Musik", erklärt er gegenüber Melodie&Rhythmus.

"Weil sich in dieser Zeit vieles angesammelt hat, das mich beschäftigt, und ich eine menschliche und politische Entwicklung durchgemacht habe, war klar, dass ich keine bloße Battle- oder Conscious-Rap-Platte machen werde. Es ging darum, sich seinen Platz zu erkämpfen und zu sagen: 'Hier bin ich!' - politisch und musikalisch."

Danach geht es allerdings Schlag auf Schlag: "Rotes Tuch" folgt bereits 2019, "Tellerrand" erscheint 2020 pünktlich zum 1. Mai, und jede Veröffentlichung wirkt noch wütender als die vorangegangene.

Keine Scheu vor Provokation bedeutet für Vizzion auch, keiner Diskussion aus dem Weg zu gehen, schon gar nicht in inner-linken Kreisen, auch wenn manche ihn dafür empört zum "antisemitischen Sexisten" deklarieren. Wer sich mit Vizzions Aussagen in seinen Lyrics und abseits davon befasst, findet darauf keinen Hinweis, dafür aber einen Mann, der Streit für eine Form des Dialogs und damit für erstrebenswerter als jedes Dogma hält.

Auch, wenn seine Ansichten stark in seine Texte einfließen, warnt er doch vor allzu schlichten Rückschlüssen: "Jeder Song zeigt nur eine Facette", betont Vizzion, "aber jeder Mensch hat unendlich viele davon."

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