3. Februar 2010

"Bücher? Du musst nach Titten fragen!"

Interview geführt von

Mit VNV Nation-Schwergewicht Ronan Harris gibt es immer was zu quatschen. Zuletzt etwa hat der quirlige Ire nicht nur auf dem Oktoberfest in Lederhosen gesungen, er kennt auch die Nachteile der Trachten-Kleidung ganz genau!Einmal mehr ist es die Frankfurter Batschkapp, wo Ronan Harris mit VNV Nation Station macht - auf dieser Tour gleich an zwei ausverkauften Tagen hintereinander. Eine größere Halle wäre zu teuer gewesen.

Ronan ist wie immer gut aufgelegt und passt in das angesagte Chaos im Backstagebereich bestens hinein. Mir soll's recht sein, ich hantier erst einmal am Aufnahmegerät und an meiner Kamera rum, da eine ebenfalls anwesende junge Dame gern ein Bild mit dem Sänger hätte.

Moment, ich hab's gleich.

Ronan Harris: Ja is klar. Vor allem auf der Tour in Amerika hab ich eins festgestellt: Männer sind absolut unbrauchbar, wenn es darum geht, eine Pocketkamera zu bedienen. Es sind immer die Frauen, die die Bilder mit mir und dem Kerl schießen müssen. Wenn die Mädels dann Fotos haben wollen, heißt es immer nur: 'Häh, wie funktioniert das jetzt?' Frauen schießen von allem möglichen Fotos. Natur, Freunde, was auch immer. Männer nur, wenn der Kumpel grad besoffen auf die Schnauze gefallen ist. Aber genug davon. Eddy, was für abgedrehte Fragen hast du für mich?

Och, ich hab mir auf dem Weg die Treppe hoch ein oder zwei ausgedacht. Den Rest erledigst du doch eh mit irgendwelchen Geschichten selbst, oder du schweifst dermaßen weit vom Thema ab, dass sich die Frage eh erledigt hat ...

Jahaha, da hast du wohl recht. Lass mir einfach das Aufnahmegerät da, und du kannst noch ne Runde in der Stadt drehen. Das funktioniert immer.

Stimmt. Was sagen wir? Ich bin in ner Stunde wieder da und hol das Ding ab?

Sagen wir zwei. Du kannst ja nachträglich noch ein paar Sachen von dir rein schneiden, dass es wie eine Unterhaltung klingt. Warum sehen wir uns eigentlich erst jetzt wieder? Wo warst du denn die letze Zeit?

Also ich war hier, aber du warst doch andauernd in den Staaten auf Tour.

Stimmt, jetzt wo du es sagst … Hast du wirklich keine Fragen?

"Nicht jede Frau kann ein Dirndl tragen!"


Na gut, eine stell ich, um mal einigermaßen rein zu kommen. Ich hab gesehen, dass ihr gestern hier auch schon eine ausverkaufte Show gespielt habt.

Ja, bislang waren sieben Shows ausverkauft, und zwar die größeren Hallen. Die Show heute ist auch ausverkauft.

Wäre es da nicht vielleicht klüger gewesen, das Konzert gleich in ne deutlich größere Halle zu verlegen?

Was du nicht sagst, aber das Problem war einfach, dass sich weder für gestern, noch für heute auf die Schnelle eine größere Halle hat auftreiben lassen. Als wir das letzte Mal hier gespielt haben, war der Club erst an der Abendkasse ausverkauft. Wir wollten schon in ne größere Halle, aber die waren sauteuer. Deswegen haben wir einfach zwei Tage hier reserviert, für den Fall der Fälle. Der erste Tag war schnell ausverkauft, deswegen also die zweite Show heute. Für das nächste Mal müssen wir uns was anderes einfallen lassen. Die Batschkapp ist wirklich der kleinste Club dieser Tour. Sogar Rostock war größer und ebenfalls fast ausverkauft, was in Rostock eine echte Leistung ist. Sogar der Promoter war erstaunt und sagte, dass er seit Jahren nicht mehr eine so große Menge an Leute gesehen hat, bei einer Band die nicht in der Major-League spielt. Der nächste große Schritt wäre also ein ausverkaufter Gig in Eisenhüttenstadt. Ich glaube, wer das schafft, ist wirklich King! Aber bisher läuft es wirklich klasse. Sogar in München hatten wir über 1.100 Leute vor Ort, womit wirklich niemand gerechnet hätte. Außerdem habe ich "Beloved" in Lederhosen gesungen. War ja schließlich gerade Oktoberfest.

Du schämst dich auch für gar nichts, oder?

Nö, wieso denn? Ich liebe die bayerische Kultur. Ich hab sehr viel Respekt vor Volkskulturen, ich bin Ire, da hat man so was im Blut. Ich war zum ersten Mal seit Jahren auf dem Oktoberfest und wir hatten uns im Löwenbräu-Haus einen Tisch reserviert. Ich hab seit Jahren nicht mehr so viel gelacht wie an den Abend. Und Dirndl sind einfach eine großartige Sache, wenn du weißt, was ich meine (lacht). Darin sehen Frauen noch wirklich wie Frauen aus. Die sind einfach sexy und sehr feminin.

Ja, aber wenn man die Dinger aufmacht, muss man meistens erst mal in Deckung gehen, weil es passieren kann, dass einem die Hupen und die Ohren fliegen oder gleich um die Knie schlackern.

Jahaha, könnte passieren und glaub mir, ich hab auch ein paar sehr unschöne Dinge an dem Abend gesehen. Nicht JEDE Frau sollte ein Dirndl tragen! Aber auch diese Lederhosen sind nicht unbedingt ideal konstruiert. Ich meine, du sitzt da den ganzen Abend und trinkst jede Menge Bier. Die vielen Knöpfe und der ganze Kram den man erst mal aufmachen muss, wenn man auf's Klo geht ... keine gute Idee. Aber zurück zu den Auftritten, es ist wirklich erstaunlich, was für einen großen Sprung wir in Sachen Zuschauer gemacht haben und ich weiß nicht mal, woran das liegt. Vielleicht an den wirklich starken Festival Shows diese Sommer, dass sich das rumgesprochen hat und die Leute auch in die Clubs kommen. Das ist einfach klasse.

Hat sich euer Publikum verändert? Ist es mittlerweile breiter gefächert?

Ja, auf jeden Fall. Aber nicht im kommerziellen Sinne. Mittlerweile interessieren sich auch Leute für uns, die sonst eher Indie Rock oder vielleicht ein paar New Wave Bands hören. Was ich mit nicht im kommerzielle Sinne meine ist, dass die neuen Fans nicht auf uns stehen, weil wir gerade einen großen Hit hatten oder irgendwo besonders angesagt sind. Wäre das der Fall würde ich vermutlich sagen: "Ok, jetzt ist es an der Zeit für ein Black Metal Album oder was in der Art." Dann bist du solche Leute ganz schnell los. Ich will VNV Nation nie im Leben als Wegwerfprodukt behandelt sehen. Das wäre furchtbar. In den USA haben wir ein unglaublich gemischtes Publikum und wir tauchen auch in sehr unterschiedlichen Magazinen auf. Egal ob Print oder Online. Die sehen uns schlicht und ergreifend als eine Alternative Band an und im Grunde sind wir das ja auch.

Denkst du, dass deine Arbeit mit AFI dazu beigetragen hat?

Ja, auf jeden Fall, denn vor allem Davey ist jahrelang mit einem Shirt von uns rumgerannt. Und ich hab ja auch mit einigen anderen US-Bands gearbeitet, die entsprechend vermarktet wurden und sich in unseren Shirts haben ablichten lassen. Die Mundpropaganda ist auch nicht zu verachten. Wir haben über 1,7 Millionen Abrufe für das Video zu "Illusion", das ein Fan zusammen gebastelt hat. Die Leute hören von uns auf die seltsamsten Art und Weisen und vor allem auch ein paar recht bekannte Leute. Aber egal, der Markt scheint sich verändert zu haben, immer mehr Leute kommen zu unseren Shows, alle haben eine gute Zeit und VNV Nation scheinen immer noch weiter zu wachsen. Alles ist gut, nächste Frage!

Würdest du sagen, dass sich der Sound von VNV Nation seit dem letzten Album großartig verändert hat?

Ja schon, wenn auch nicht unbedingt musikalisch. Das letzte Album hat mit einer Menge Dinge experimentiert. Obwohl mir das jede Menge Spaß gemacht hat, ging es mir dieses Mal eher um schlüssige Songs und starke Melodien. Das jetzige Album ist so was wie eine Sammlung all meiner Einflüsse in VNV Nation Songs. Es sind sehr emotionale Stücke auf der Scheibe. Einige Türen wurden geschlossen und viele neue geöffnet. Mittlerweile sind viele Leute zu mir gekommen und haben mir gesagt, dass sie bei "Of Faith, Power And Glory" das Gefühl haben, sich ein Buch anzuhören. Es führt sie durch verschiedene Abschnitte ihres Lebens und ist sowas wie eine Begleitung. Das finde ich einfach großartig. Das schönste Kompliment für mich war, als mir Leute sagten, dass sie die Texte tief bewegt haben, sie die Musik aber auf eine Art von ihrem alltäglichen Leben befreit hat. Sie auf eine Reise geführt hat. In Frankreich hat uns das größte Alternative Magazin in seiner Review als eine der wichtigsten Alternative Bands der letzten Jahre bezeichnet. Sowas macht mich erst mal sprachlos. Auch allmusic.com haben sich ähnlich ausgedrückt und das war wirklich das Letzte, was ich erwartet hatte. Nachdem ich mit dem Album fertig war, war ich felsenfest davon überzeugt, dass die Leute die Scheibe weitgehend hassen würden. Das dachte ich wirklich. Ich selbst hab meine Lieder von Anfang an geliebt, weil sie für mich tonnenweise Emotionen transportieren.

"Haruki Murakami ist großartig"


Was ist da denn wichtiger für dich - die Message, der Reim, die Poesie?

Ich denke die Art und Weise wie du etwas ausdrückst, war für mich schon immer fast wichtiger, als das was du ausdrückst. Was bringen dir Texte, die den Aussagegehalt einer Inhaltsangabe auf dem Rücken einer Ketchup-Flasche haben? Die Art und Weise, wie etwas rüber gebracht wird, die Emotionen, die durch die Stimme und Tonlage transportiert werden, sagen eigentlich immer mehr aus, als das, was tatsächlich formuliert wird. Deswegen ist es für mich verdammt wichtig, dass meine Texte, meine Stimme und meine Musik die gleichen Emotionen transportieren, und DAS ist für mich auch der Teil, an dem ich sehr lange und hart arbeite.

Als Beispiel: Der Song "Illusion" ist vor einem interessanten Hintergrund entstanden. Ein Freund von mir bat mich, ein Gespräch mit seiner Tochter zu führen, die gerade im Teenager-Alter war und eine Menge Probleme mit sich und ihrer Umwelt hatte. Er konnte nicht mehr zu ihr durchdringen, weil er als Vater nur als Autoritätsperson wahrgenommen wurde. Ich war zwar ein Freund von ihrem Vater, aber auch von ihr und er bat mich, mit ihr zu reden, weil sie kurz davor war, sich selbst vollkommen zu Grunde zu richten. Wir saßen eine Nacht lang zusammen und haben uns über alles Mögliche unterhalten und auch viel gelacht dabei. Wir redeten darüber, wie dumm das Leben doch sein kann und wie dumm viele Menschen sein können. Wie wichtig es doch ist, dass man sich einen eigenen Standpunkt und eine eigene Sicht auf die Dinge und vor allem einen wachen Verstand bewahrt. "Illusion" basiert im Prinzip auf diesem Gespräch. Klare Worte, die jeder verstehen kann. Es gab keinen Grund, meine Intention sonderlich poetisch zu verpacken. Hier sind die Worte, mach draus was du willst. Meine Schwester gab den Text an ihre Kinder weiter und meinte nur: "Kids, hört euch den Song an. Darum geht es im Leben. Danke für eure Aufmerksamkeit."

Es geht doch nichts über irische Erziehungsmethoden.

Ganz recht, mein klugscheißender Freund. Ich hab absolut nichts gegen Leute, die meine Musik nur hören, weil man gut dazu tanzen kann. Super, wenn ihnen das eine tolle Zeit bringt – alles klar. Aber die meisten der Leute, die nach einem Konzert zu mir kommen und mit mir reden, sind von den Texten genauso beeindruckt wie von der Musik, und das bedeutet mir dann sehr viel, weil BEIDES für mich wichtig ist.

Ich hab das Gefühl, dass du auf der Scheibe wieder eine Spur rauer klingst. Stellenweise fast schon angepisst von manchen Dingen.

Klar, manche Dinge machen auch mich wütend. In "Nemesis" behandle ich beispielsweise eine Thematik, bei der ich einfach nicht ruhig bleiben kann. Der Song ist so was wie ein Tribut an die Pop/Punk-Bands der 80er. Und wenn man einen Punksong singt, kann man nicht gerade wie ein Chorknabe klingen. Ich zitiere in dem Song auch nur Ausschnitte aus dem Buch "Art Of War". Es ist faszinierend, wie viele Leute mich fragen, warum ich nicht einen eigenen Text dazu geschrieben hab. Ganz einfach: weil ich möchte, dass ihr das Buch lest! Lest das Buch, es ist es wirklich wert. Aber so wirklich angepisst bin ich eigentlich nirgends auf dem Album. Dazu gibt es auch keinen Grund, da mein Leben momentan recht harmonisch verläuft. Es ist eine gewisse Melancholie auf dem Album, aber es geht weitgehend eher darum, mit sich ins Reine zu kommen. Jeder hat in seinem Leben Fehler gemacht und Dinge, die er bedauert. Aber irgendwann muss man sich auch selbst vergeben und einfach einen Abschluss finden. Darum geht es weitgehend in "Ghost". In vielen meiner Songs gibt es einen hohen Grad an Spiritualität, aber darauf kann ich jetzt nicht zu explizit eingehen, weil uns das vermutlich mehr Batterien für dein Aufnahmegerät kosten würde, als dir zur Verfügung steht (lacht). Aber im Grunde geht es um innere Stärke und das Erreichen von einer gewissen Ausgeglichenheit. Ich könnte damit jetzt noch stundenlang weiter machen, aber hast du noch ne sinnvolle Frage oder war's das?

Ok, dann kommen wir zu meinem letzten Punkt, bevor du endlich Richtung Buffet verschwinden kannst. Welches Buch würdest du deinen Fans ans Herz legen?

(Wie aus der Pistole geschossen): "Norwegian Wood" von Haruki Murakami. Für meinen Geschmack ist Murakami einer der bedeutendsten Autoren unserer Zeit. Er schreibt Bücher über Modern Fiction. Es ist immer eine Schicht Mystizismus dabei, doch alles vor einem sehr realen Hintergrund. Meine Freundin hat mich auf ihn gebracht. Auch die deutschen Übersetzungen sind fantastisch. "Dance, Dance, Dance" ist ebenfalls großartig. Aber du fragst mich nach Büchern? Wie intellektuell soll das hier denn noch werden? Du solltest irgendwo das Wort Titten unterbringen, sonst liest das kein Schwein bis zum Ende.

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