laut.de-Kritik

Dienst nach Vorschrift auf 17 Tracks.

Review von

Von der Hasenheide in die Charts hat Ufo361 einen beachtlichen Weg zurückgelegt. Ursprünglich im Umfeld des "Hoodrich"-Kollektivs um Said aktiv gewesen, reifte im jungen Ufuk irgendwann die Erkenntnis, dass er mit seinen vertonten Kleintickeranekdoten gar nicht mal so viel Erfolg hat, weil, naja, seine Musik gar nicht mal so gut ist.

Damit könnte man den radikalen Stilbruch, den er ab 2016 vollzogen hat, erklären. Aus gewissen Gründen seelisch angeknackst verbrachte ich im Sommer desselben Jahres einen aufmunternd grotesken Abend in der Alten Damenhandschuhfabrik zu Leipzig anlässlich von Ufos Auftritt dort. "Ich bin Ein Berliner" schlug gerade zaghafte erste Wellen und erschien einem deutlich ambitionierter als das, was sich unter Namen wie Fruchtmax oder Juicy Gay bis dahin in Deutschland Trap geschimpft hatte.

Die Veranstalter, ihre augenscheinliche Minderjährigkeit möge es entschuldigen, hatten die Bereitschaft der Massen, im Sommer 2016 15 Euro für einen Ufo361-Gig zu bezahlen, dramatisch überschätzt. Für den Berliner war die spärliche Crowd ohnehin noch nicht ganz bereit, bestehend aus sehr jugendlichen Buckethat-Trägern, Assis undefinierbarer Szenezugehörigkeit und alternden Hipstern, die Eintritt bezahlt hatten, um sich lautstark darüber auszutauschen, dass Leipzig vor zehn Jahren viel geiler war. Er rotzte dementsprechend motivationslos in 25 Minuten ein paar Tracks runter, stellte sich dann vor die Tür und rauchte eine ziemlich dicke Jolle. Ein Bub in Snapback sprang herbei und gab dem Künstler in meiner Hörweite ein Feedback für den Auftritt, das ich nicht wirklich unterschreiben konnte ("Richtig geiles Konzert, Bruder, richtig saftig" "Danke, Bruder, danke").

Der leibhaftig anwesende Morlockk Dilemma (überlegte, ihn anzusprechen, ließ es bleiben) spielte an diesem Abend ebenso eine Rolle wie das Leipziger Forever-Broke-Kollektiv, eine Wiener Journalistin in dessen Schlepptau, sowie besagte Truppe ebenso unfähiger wie bis unter die Haarspitzen zugeballerter Veranstalter, die vom leibhaftigen Morlockk für die ganze lahme, erfolglose Veranstaltung ordentlich die Meinung gegeigt bekamen und ganz am Ende zwischen Tür und Angel einen ebenso lahmen wie erfolglosen Versuch unternahmen, die Wienerin in den Backstage hineinzuquatschen ("Wir haben auch noch richtig viel zu ziehen!"). Eine aus Morlockks Entourage auf ich weiß nicht was stolperte, ging im Lichtschein vor dem Club auf die Knie und verharrte dort; ich dachte an ein Heiligenbild.

Den Grund für diese Erzählung aus Kay Schiers bewegtem Leben? Gibt's nicht wirklich, abgesehen von der Tatsache, dass einem zu "VVS" beim besten Willen nicht allzu viel einfällt. Das interessanteste am ganzen Ding bleibt das Cover, das ich sehr ästhetisch finde, obwohl es mich gleichzeitig diffus an die Roger-Moore-Filme erinnert, in denen James Bond noch munter Frauen geschlagen hat, ohne dass das irgendwen gejuckt hätte.

Dass Ufo361 das deutsche Game revolutionierte, wie er selbst behauptet, mag übertrieben sein. Zumindest brachte er aber eine überzeugende Portion verstrahltes Charisma in den deutschen Trap, über dass oben genannte Rapperkarikaturen nicht im Ansatz verfügen, die mangelndes Talent mit einer Brechreiz erzeugend ironischen Attitüde auszugleichen versuchen. Und das tat er mit einer Selbstverständlichkeit, Energie und Begeisterung an der Sache, die er definitiv als einer der Ersten in dieser Form in Deutschland vermittelte.

Tat. Konnte. War. "VVS". "VVS / sie will Sex / fick sie easy weg". Lol. Mehr aber auch nicht, beim besten Willen. Im Studio muss es ähnlich leidenschaftslos zugegangen sein wie anscheinend im Schlafzimmer. Auf 17 Tracks verrichtet Ufo361 Dienst nach Vorschrift. Den größten lyrischen Ausbruch markiert da noch "Verändert": "Guck, wie sich mein Leben hart verändert hat (scurr)". In einer Szene, die beständig davon labert, die alten Akhis, Homies, Bratans bloß nicht mit so etwas wie charakterlicher Veränderung überfordern zu wollen, kann man das beinahe bahnbrechend nennen. Auf einem Album, auf dem man die Höhepunkte mit der Lupe suchen muss, beziehungsweise, da es ja um Trap geht, mit der Wünschelrute zu erfühlen versucht, ist das ein Ausreißer nach oben.

Nicht, dass "VVS" grottenschlecht wäre, dafür ist es schlicht zu gut produziert, und so etwas wie ein Konzept ist durchaus vorhanden. Nur schafft es Ufo zu keiner Sekunde, die offensichtliche Belanglosigkeit seiner Texte mit Flow, Delivery oder originellen Adlibs vergessen zu machen, wie ihm das früher regelmäßig gelungen ist. Das Konzept hat Yung Hurn, der seitdem ebenfalls schwächelt, zudem mit "Love Hotel" schon deutlich besser umgesetzt. Auch Ufo361 selbst hat die Mischung aus Melancholie, Lean und flüchtiger Liebe auf der "Tiffany"-EP dieses Jahr schon einmal deutlich schmackhafter angerührt. Der einzige Stimmungswechsel und Versuch eines aggressiven Clubtracks ist "Kein Fugazi", dessen Beat seltsam unfertig klingt und auf dem Ufo wiederum nicht gerade den großen Flow auspackt.

Um das Bild vom Business zu bemühen: "VVS" bietet als Produkt keinerlei Mehrwert zu irgendeinem seiner Vorgänger. Dafür gibt es auf seinen Parts gefühlt noch einmal drei Lagen Autotune mehr als sonst, ohne das es diese interessanter machen würde. Pillen poppen, Frauen vögeln, nie wieder Bahn fahren. Das konsumiert sich alles ähnlich erfrischend wie ein tabaklastiger Jointstummel vom Vortag. Im direkten Vergleich zu "VVS" bin ich umso mehr fasziniert von älteren Tracks wie "Migos", "Mister T", "Der Pate", "Tiffany" oder "Ich Bin Ein Berliner", die alle auf ihre Art einfach knallen wie Sau, obwohl es schon damals um nichts anderes ging. Die Luft ist raus, leider.

Die hochkarätigen internationalen Features ändern daran nichts. Man gönnt es Ufo vom Herzen, mit dem großen Bruder USA auf Augenhöhe zu arbeiten, nur klingt ein Quavo hier ähnlich verschnarcht wie so oft in letzter Zeit, und warum Leute Rich The Kid hören ("Sprite", Hook: "Bruder hol mal noch ne Sprite, Sprite, Sprite, Sprite, Sprite / hol mal noch ne Sprite, ey", da capo), ist mir auch nach diesem Feature schleierhaft geblieben. Ein Southside, der das sicherlich nicht für einen freundschaftlichen Handschlag gemacht hat, präsentiert auf "Antwerpen" auch nichts, was ein hiesiger Produzent für deutlich weniger Dollars nicht auch gekonnt hätte.

Kann man sich alles bestimmt irgendwie schönsaufen oder -kiffen oder -sizzurpen. Man könnte stattdessen auch mal wieder eine Runde mit dem Hund gehen oder die Tante anrufen oder Wäsche waschen. Das wäre im Zweifel aufregender. Was das Hörerlebnis von der Totaldepression unterscheidet ist vor allem die Tatsache, dass Ufo361 auf Instagram in der gefühlten Länge einer halben Bibel geäußert hat, dass nach diesem Album Schluss ist mit der Kunstfigur Ufo361. Und da ich ernsthaft daran zweifle, dass der junge Ufuk sich nun um eine Maurerlehre bemühen wird, macht das Hoffnung auf eine künstlerische Wende. Die hat er schließlich schon mal geschafft.

Schade nur, dass er das Projekt Ufo361, den man am besten in herzlicher Erinnerung behält, wie er Bombay Gin verschüttend, "Wisst Bescheid!" lallend durchs Kreuzberger Unterholz marodiert und dabei verdammt viel Spaß hat, auf diese Art beschließt. Nach diesem Album wissen wir in der Tat zur Genüge Bescheid.

Trackliste

  1. 1. VVS feat. Quavo
  2. 2. Palmen
  3. 3. Drachenanhänger
  4. 4. Vorbeikommen
  5. 5. Handgelenk
  6. 6. Verändert
  7. 7. Codein 2.0/ Verrat Dir Was
  8. 8. Paradies feat. RAF Camora
  9. 9. Tanz Der Vampire
  10. 10. 6ix9ine
  11. 11. Kein Fugazi
  12. 12. 40K
  13. 13. Antwerpen
  14. 14. Sprite feat. Rich The Kid
  15. 15. Sonnenuntergang
  16. 16. Was Nimmst Du Mit
  17. 17. VVS Outro

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4 Kommentare mit 4 Antworten

  • Vor 11 Monaten

    In seiner "Berliner" Trilogie hat er mir selten gefallen. Zu nervös, hektisch und teils völlig konzeptlos wurden haufenweise schlicht unfertige Tracks rausgehauen, nur ab und an fand sich eine echte Perle in all dem pseudoaggressiven Wust

    Dieses Jahr fährt er deutlich ruhigere Töne auf, war 808 eine Mixtur aus extrem gut produziertem Material, das mit Power wie leisen Tönen überzeugt hat und zu meinen Jahreshighlights zählt, wirkt VVS nun noch eine Spur entspannter und der drückenden Temperaturen angemessen

    Ich gehe mit einer Aussage konform, dass dies nicht auf allen 17 Tracks gleich gut funktioniert und manch Sound durchaus aus Füllware bzw bisher unveröffentlichtem B-Werk zusammengewürfelt wirkt, ferner war der Vorgänger textlich spannender, weil persönlicher

    Doch eine ganze Reihe Tracks wie die super smoothen "Vorbeikommen" und locker lässiges "40k", entspannt coole Soundwellen eines "6ix9ine" oder das hier kritisierte, doch schön eingängige "Sprite" machen schlicht Spaß

    Und mehr muss ein relaxtes Ufo-Album für mich nicht tun

    • Vor 11 Monaten

      "ferner war der Vorgänger textlich spannender, weil persönlicher"

      dabei war doch der vorgänger lyrisch schon absoluter müll.

    • Vor 11 Monaten

      Kann man so sehen wenn einem das Gesamtpaket nicht passt, muss man aber nicht. Interessant ehrliche Einblicke ins Innerstes stehen auf 808's Habensseite, obwohl Stil und Sound bei dieser Art stehts klar im Vordergrund stehen

      "VVS" betont starke Produktion und Vibe noch mehr, da punktet das Textliche natürlich kaum

  • Vor 11 Monaten

    Zum Glück hört der Clown endlich auf.

    • Vor 11 Monaten

      als wenn der wirklich aufhören würde...was soll so ein verquaster schlot denn sonst machen? seine kohle wird er in windeseile verprasst haben und dann taucht sein ananaswirsing eh wieder in irgendwelchen dahingerotzten videos auf

  • Vor 11 Monaten

    Find die platte gut. Eine entspannte, eingängige, verspielte platte mit vielen highlights und einigen fillern.

    Mag den zweiteiler codein/verrat dir was am besten. Auch die bisherigen singles sind durchweg stark.

    3/5