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Datum: 10. Februar 2001
Location: Velodrom
Berlin

Review

laut.de-Kritik

Review von Joachim Gauger

Als Ingo Appelt in einer längeren Umbaupause gleich eine ganze Reihe von Initiativen vorstellte, die sich mit dem Phänomen 'rechte Gewalt' und seinen Auswirkungen beschäftigen, da stand Udo Lindenberg am Bühnenrand, schmunzelte ab und zu, und wackelte, sichtlich zufrieden, gelegentlich mit dem Hut. Das scheint so langsam eine Marotte zu werden. Der Initiator der Reihe "Rock gegen rechte Gewalt", die am Samstag im Berliner Velodrom vor etwa 8000 gut gelaunten Besuchern zu Ende ging, hatte aber auch allen Grund zur Zufriedenheit: Weil alle Beteiligten sein Engagement in den höchsten Tönen lobten, und weil am Beispiel der jungen, politisch engagierten Menschen deutlich wurde: Wir können etwas tun.

So wie die "Schweißwarzen". Das ist eine Schülerinitiative am Friedrichs-Gymnasium in Frankfurt/Oder, deren Name aus den Begriffen 'weiß' und 'schwarz' gebildet ist, und die versucht, an ihrer Schule über Rassismus aufzuklären. Oder so wie Annetta Kahane. Die Leiterin der Berliner Regionalstelle für Ausländerfragen ist seit Jahren wegen ihres großen Engagements und ihrer Zivilcourage bekannt. Und sie war maßgeblich an der Gründung der Amadeu-Antonio-Stiftung beteiligt, der ein nicht unerheblicher Teil der bei den Konzerten eingenommenen Summe von etwa 600.000 DM zufließen soll.

Die Umbaupausen waren es auch, in denen tatsächlich so etwas wie eine politische Diskussion stattfand. Etwa über die Frage, ob nicht auch Residenzpflicht (die besagt, dass Asylbewerber sich nicht weiter als vier Kilometer von ihrem Wohnort entfernen dürfen) und Abschiebepraxis gegen die Menschenwürde verstoßen. Vor diesem Hintergrund wirkten Statements wie das von Nina Hagen ("Ich liebe Deutschland trotz seines schlechten Geschmacks") tatsächlich teilweise wie Lippenbekenntnisse.

Dennoch ist verwunderlich, dass ausgerechnet die linke Presse nörgelt. Gewiss ist "gegen rechte Gewalt" der kleinste gemeinsame Nenner, über den man kaum zu diskutieren braucht. Wer aber wie die taz "faschistoide Züge" ausgerechnet in Udos "Sie brauchen keinen neuen Führer" auszumachen glaubt, dem ist offenbar jeder Maßstab abhanden gekommen.

Denn musikalisch war zwar vor allem Party angesagt, weshalb Nena, Nina, Udo und die anderen ihre größten Gassenhauer spielten. Deutlicher noch als den Wille zur Party aber spürte man an diesem Abend die guten Vorsätze für die Zukunft. Die halfen dem Autor, auf dem Heimweg diszipliniert und geduldig mit dem Taxifahrer zu diskutieren (der fand an prügelnden Skinheads vor allem schlecht, "dass sie auch gegen Deutsche gehen"). Und die veranlassten den Udo, zu verkünden, dass die Reihe fortgesetzt werden soll. Das sagte er ganz ernst und ohne einmal zu wackeln.

Artistinfo

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