laut.de-Kritik

Neue Wege aus dem Synthpop.

Review von

Die Rolle des großspurigen Retro-Wavers nahm George Lewis Jr. als Twin Shadow mit Lederjacke und schnieker Frisur auf seinen Alben "Forget" und "Confess" ein. Seinen Synthpop überschütteten Kritiker mit Lob. Er deutete aber nicht nur mit seinem selbstbewussten Auftreten, sondern auch in Interviews immer wieder an, dass er sich in der Indie-Szene nicht richtig wohl fühle. Er strebe auf die großen Bühnen. Die Chance, mit seiner dritten Platte "Eclipse" bei einem Major-Label zu debütieren, hat er deswegen vermutlich gerne ergriffen.

Eine umgebaute Friedhofskapelle nutzte er für seine Aufnahmen, an denen er hauptsächlich allein und nachts arbeitete. Dem optischen Ersteindruck nach scheinen weder die neue Plattenfirma noch der finstere Entstehungsort den Sound verändert zu haben: Im Cover posiert, schwarz-grau belichtet, Twin Shadow und schwingt die Fransen seiner stylischen Jacke. Auf der Rückseite geht die Nummerierung seiner Songs mit 23 los, schließt also direkt an die Vorgänger an.

Die Verpackung täuscht. "Eclipse" ist anders. Bewusst: Lewis hatte im Voraus entschieden, öfter auf seine Gitarre zu verzichten, Synthesizer, Drums und Keyboard rücken weiter ins Zentrum. Die bauschen sich im Opener "Flatliners" zu einer Power-Ballade auf, wie sie Ende der 80er im Radio rauf und runter hätte laufen können. "Yeah, you making promises / you breaking promises", hallt es in seinem ergriffensten Tonfall über tosenden Synthies immer wieder.

Viele der folgenden Titel ähneln mit gedrosseltem Tempo und Crescendo-Chorus dem Einstieg, nur dass die 80er-Referenzen sich zunehmend mit moderneren Spielarten vermischen. Einen komplett neuartigen Sound kreiert Twin Shadow damit nicht. Er beschwört Assoziationen mit einer Reihe aktueller Chartkünstler statt eben mit The Cure oder Human League herauf.

"To The Top" etwa beginnt mit einem "Woh-ah-oh"-Chor, den er mit krächzender Stimme und Klavierbegleitung auflöst. Im aufgepumpten Synthie-Gitarren-Refrain vervielfacht sich der Gesang bei den Worten: "I know it's not the right time tonight / But I won't move until this stops / Go back to the top, back to the top." Bei so viel Pathos lassen Bands wie Imagine Dragons grüßen. Gleiches gilt für das rockigere "I'm Ready" und die "Hey"- und "Don't say"-Zwischenrufe, die die plumpen Lyrics, "hold on to me / it's the end of me / I'm right here, I'm ready / I need this love", unterbrechen.

R'n'B-Einflüsse prägten Lewis' Musik schon früher, dieses Mal geistern Klänge durch das Album, die an neuere Songs von The Weeknd erinnern. Das schwülstige Duett "Alone" mit der ehemaligen "Voice"-Kandidatin Lily Elise und die samtige Verführ-Nummer "Eclipse" kann er gleich in die Bewerbungsmappe für den nächsten "Fifty Shades Of Grey"- oder "Twilight"-Abklatsch-Soundtrack packen.

Während Twin Shadows Crooning die R'n'B-Note durchaus steht, wildert "Watch Me Go" mit verzerrter Stimme und brachialen Beats in den Dubstep-Gefilden eines Examples. Etwas Abwechslung und Mut, schön und gut. Aber spätestens seit die Werbeindustrie seit zwei, drei Jahren jeden Spot mit solchen Klängen unterlegt, will das keiner mehr hören. Schon gar nicht, wenn sie platt als Ausdrucksmittel für Zeilen wie "Just watch me go insane" zum Einsatz kommen.

Beim richtigen Mix der Einflüsse entstehen die Höhepunkte: In der D'Angelo Lacy-Kollaboration "Old Love/New Love" gelingt die Bestleistung. Glitzernde Synthies, Percussions und Dance-Elemente, die früher "Golden Light" oder "At My Heels" zu Ohrwürmern machten, vertreiben die vorherrschend verletzliche Balladen-Stimmung. Dank reduziertem In- und Outro fügt sich der Song trotzdem geschmeidig ein.

Interessant klingt daneben der kühle R'n'B-Ausflug "Turn Me Up", bei dem Zerr-Gitarren gelegentlich die Stimmung zerfetzen. Der wabernde Rausschmeißer "Locked & Loaded" schwankt textlich, "I'm all alone, phone under my pillow / Sleeping on a time bomb, waiting for your phone call", und mit viel Hall-Effekten zwischen Ballade, zu der man heimlich heult, und fieser, triefender Schmonzette.

Der Closer gerät so zu einem bezeichnenden Auswuchs von "Eclipse". Es geht fast immer um die Liebe und ihre Zerbrechlichkeit. Um das Gefühlschaos zu veranschaulichen, dramatisiert Twin Shadow manchmal aber zu sehr, stellt alles auf Anschlag. Das wirkt dann ohne Dynamik und Feingefühl weder so stadiontauglich, wie er es sich wünscht, noch so unaufhaltsam wie "Confess", sondern öde. Obwohl es an solchen Stellen hapert, tut es gut, dass er nach zwei gleichförmigen Alben nicht im bewährten Synthpop versumpft und andere Optionen abklopft.

Trackliste

  1. 1. Flatliners
  2. 2. When The Lights Turn Out
  3. 3. To The Top
  4. 4. Alone feat. Lily Elise
  5. 5. Eclipse
  6. 6. Turn Me Up
  7. 7. I'm Ready
  8. 8. Old Love/New Love feat. D'Angelo Lacy
  9. 9. Half Life
  10. 10. Watch Me Go
  11. 11. Locked & Loaded

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