22. September 2008

Selbstbewusster denn je

Interview geführt von

Travis laden zum Plausch. Am Telefon berichtet Fran Healy stolz von "Ode To J. Smith", beschreibt die Arbeit mit dem ehemaligen Beatles-Tontechniker Geoff Emerick und stellt Prognosen über zukünftige Musikformate an.Fran, Du sitzt gerade in Berlin. Du lebst dort seit April 2008 mit deiner Familie. Wie stehst du zum "German Way of Life"?

(auf deutsch) Es ist fantastisch. Wir haben eine Menge Spaß. Mein Sohn erlebt viele großartige Tage. Meine Frau, die ursprünglich aus Deutschland stammt, liebt es, denn sie kann wieder jeden Tag deutsch sprechen. Sie lebte für 20 Jahre in London. Es ist einfach schön, hier zu sein.

Wie ist dein deutsch?

(stöhnt) Nicht so gut. Aber ich habe mir selbst einen Fünfjahresplan gesetzt, in dem ich mein deutsch perfektionieren möchte.

Gute Idee. Stimmt es auch, dass du die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen möchtest?

Ich weiß wirklich nicht, woher diese Information kommt. Ich denke, es war ein Witz. Nein, ich plane das nicht, weil meine Arbeit in London ist. Ich könnte das gar nicht tun, außer die Band würde auch nach Berlin ziehen, dann wäre es eine Möglichkeit. Ich glaube aber nicht, dass das passieren wird. (lacht)

Gibt es denn etwas, das Du hier in Deutschland vermisst?

Nein, absolut gar nichts.

Ihr habt auf dem FM4 Frequency-Festival gespielt, das nicht weit von hier stattfindet.

Das Frequency war richtig cool. Wir spielten vor R.E.M., die zu meinen größten musikalischen Helden zählen. Das war auf der Bühne wirklich ein Kick. Unser Gig war auch spitzenmäßig. Ich denke jedenfalls, wir haben sehr gut gespielt. Viele Leute haben auf unserer Website geschrieben, dass sie den Auftritt sehr genossen haben. Das einzig Schlechte war, dass ich meine Kamera verloren habe.

Aber das Sonderbare: Letzte Nacht um halb zwölf kontaktierte mich so ein Typ über den Instant Messenger: "Ich habe deine Kamera." Ich frage natürlich sofort: "Wer bist du? Woher kommst du? Und wo hast du meine Kamera gefunden? Und woher hast du meinen Chat-Namen?" Er sagte, dass er diesen auf einem Foto gefunden hat. Ich habe ein Bild von meinem Sohn gemacht, auf dem wir gerade chatten und dort konnte man den Namen erkennen. Da hat er mich kontaktiert, und ich bekam meine Kamera zurück.

Das ist ja ein schöner Zufall.

Ich bin einfach überglücklich. Es gibt Vertrauen in die Menschheit, wenn du Dinge zurückbekommst. Ich wollte eigentlich nur die Bilder wiederhaben. Da waren so viele Bilder von meinem Sohn drauf oder von Teddybären und anderen Sachen.

Anderes Thema: Die Kritik schrieb nach dem FM4-Auftritt von einer immer augenscheinlicher werdenden Ähnlichkeit zwischen euch und R.E.M.

Oh, wow. Na ja, ich denke, sie meinen, dass ich immer weniger Haare habe. Das stimmt zwar, allerdings plane ich, meine Haare in ein paar Jahren wieder wachsen zu lassen. (lacht)

Habt Ihr nach den Promo-Gigs, die ihr im Februar in England gespielt habt, mit den Fans gesprochen?

Ja, das war gut, denn wir sind sehr daran interessiert, was die Leute über unser neues Material denken. Die Fans waren davon sehr begeistert. Das war auch ein Hauptgrund für unser großes Selbstvertrauen, das wir bereits vor dem Gang ins Tonstudio hatten.

Sonderfall Radiohead


Das neue Album ist aus meiner Sicht etwas dynamischer als "The Boy With No Name". Stimmst du zu, dass diese Dynamik hauptsächlich vom Hype nach der letzten Tour mit herrührt?

Definitiv. Wir kamen durch die Tour richtig in Schwung und bekamen dadurch viel Selbstvertrauen. So sehr ich hinter jedem Song darauf stehe, glaube ich, dass wir auf "Boy With No Name" nicht genügend versucht haben, andere Sachen zu machen oder herauszufinden, wo wir uns musikalisch hinbewegen möchten. Während wir mit jener Platte auf Tour gingen, fand eine Veränderung statt. Plötzlich bekamen wir mehr Selbstvertrauen und stellten fest: "In diese Richtung möchten wir uns entwickeln." Deshalb ist das neue Album sehr kohärent geworden, in sich stimmig. Ich bin sehr glücklich, in der Position zu sein, das tatsächlich sagen zu können.

Wie war die Zusammenarbeit mit Geoff Emerick (ehemaliger Tontechniker der Beatles, Anm. d. Red.)?

Letztes Jahr bekamen wir das Angebot, mit Geoff Emerick zu arbeiten. Es war für eine Radio- und Fernsehshow, in der es darum ging, einen Beatles-Song mit dem antiken technischen Equipment aufzunehmen, das die Beatles damals benutzten. Wir mussten also ein Vierspurgerät verwenden. Diese Technik unterscheidet sich sehr von den heutigen Methoden. Wir liebten es und wir dachten: "Wir sollten versuchen, ein ganzes Album so aufzunehmen."

Es gibt der Performance viel mehr Gewicht, denn schließlich sind bei derartigen Aufnahmen mehrere Bandmitglieder gleichzeitig im Raum, vieles passiert zur selben Zeit. Auf diese Weise haben wir dann auch an dem neuen Album gearbeitet. Wir haben versucht, es einfach zu gestalten. Nahmen ein Analogtape auf, verwendeten aber auch moderne Technologien, denn ich glaube ganz fest daran, dass die Beatles heute bestimmt auch auf aktuelles Equipment zurückgreifen würden. (lacht)

Ihr habt die ganze Arbeit an "Ode To J. Smith" alleine gemacht: Musik, Vertrieb und den ganzen Rest. Denkst du, dass diese Vorgehensweise auch für zukünftige Veröffentlichungen funktionieren könnte?

Natürlich. Wir haben unser eigenes Label gegründet. Ich meine, mit dem Vertrieb haben wir nicht viel zu tun, das übernimmt unser Management. Und auch die Wiederauferstehung unseres Labels war die Idee unseres Managements. In der Band dachten wir, dass es eine großartige Idee sei. Ich weiß überhaupt nichts darüber, wie man ein Label leitet. Alles was ich weiß ist, wie man den Deal macht, wie man das Artwork macht, wie man Musik macht und wie man diese Musik live spielt. Das sind die Bereiche, die wir betreuen. Die Leitung und das ganze Offizielle übernahm das Managementteam. Ich denke, die Zukunft sieht glänzend aus.

Habt Ihr euch eventuell auch Gedanken darüber gemacht, das Album als kostenlosen Download zu veröffentlichen, so wie Radiohead es gehandhabt haben?

Der Radiohead-Download war an sich nicht kostenlos. Sie haben den Leuten gesagt, sie sollten dafür zahlen, was sie möchten. Zudem haben Radiohead das Album ja danach auch physikalisch veröffentlicht. Es ging sogar auf Platz eins in den Charts. Ich glaube, für Radiohead ist diese Methode perfekt gewesen. Es gibt in ihrem Fall bestimmt fünf Millionen Leute, die das Album gerne früher hören würden. Sie wussten, dass jemand das Material vorab durchsickern lassen würde, denn jedes Mal, wenn ein Albumrelease ansteht, ist das Album schon vier bis fünf Wochen oder sogar Monate vor der Veröffentlichung im Netz erhältlich.

Dieses Mal kam ihrem Management, nicht übrigens der Band selbst, diese coole Idee: "Wieso lassen WIR das Album nicht durchsickern?" Das ist ein kluger Schachzug. Ich würde das nicht tun, denn ich denke nicht, dass es fünf Millionen Leute gibt, die unser Album vorzeitig haben möchten. Ich glaube, Radiohead befinden sich in einer perfekten Situation, so etwas zu tun. Aber wie gesagt, es ist ein kleiner Trick, sie haben das Album ja trotzdem veröffentlicht. Sie haben immer noch Plattenfirmen in den USA, Japan, Europa und Großbritannien. Sie haben immer noch einen Plattenvertrag.

Ich glaube, man muss da sehr gut abwägen. Denn wenn man Musik weggibt, nimmt man ihr den Wert. Wir haben 100.000 Pfund aufgebracht, um dieses Album zu machen, und ich möchte mindestens (spricht betont) diese Summe zurück. Man muss kostendeckend arbeiten. Das Musikbusiness verändert sich. Ich glaube, es ist eine sehr interessante Zeit für Musik und für die Art, wie die Menschen sie konsumieren.

Die nächsten 20 Jahre werden wir etwas sehr Cooles passieren sehen, was immer das auch sein mag. Es wird das Internet mit einschließen, hoffentlich exzellente Musik aus der ganzen Welt und hoffentlich Leute, die glücklich darüber sind, viel Musik zu hören. Ich nehme an, dass die Menschen immer Musik hören werden. Was ich auch noch sagen wollte, es ist überhaupt eine gute Zeit, um selbst Musik zu machen.

Autobiografie war gestern


Kommen wir zum Inhalt des Albums. Ihr habt beschlossen, von namenlosen Charakteren zu erzählen. War es ein Vorteil, über fremde oder nicht existierende Personen zu schreiben?

Ja, das war ein Motto, das sehr beim Schreiben des Albums geholfen hat. Es hat geholfen, das Augenmerk auf die Songs zu legen, denn wir hatten nur wenig Zeit zum Aufnehmen. Es vereinfacht die Sache, wenn man sich einen Rahmen vorgibt. Das hat beim Schreiben von "Ode To J. Smith" sehr geholfen. Ob wir weiter so anti-biografisch vorgehen werden, weiß ich noch nicht. Ich denke, alle Songs, auch die ausgedachten, basieren in gewisser Hinsicht auf realen Begebenheiten, sie basieren auf der eigenen Erfahrung. Ich schreibe immer aus Erfahrung.

Lass uns über den sehr emotionalen Song "Before You Were Young" sprechen. Was hat dich bei diesem Track beeinflusst?

Wenn man sich das Album als Ganzes betrachtet, wirkt es wie Film, der viele Bilder beinhaltet. Dieser Song bildet das Ende der Platte, es ist also wie das Ende des Films. Es beschreibt, wie der Hauptcharakter in den Sonnenuntergang zieht, auf sein Leben zurückblickt und mit einem geliebten Menschen spricht. Als ich den Titel schrieb, dachte ich an einen Verstorbenen, der auf einer Wolke sitzt, auf einen Menschen hinabschaut, der seinen Verlust betrauert, und sagt: "Es ist schon in Ordnung. Das Leben geht weiter und du stehst das durch." Und dann folgt die große musikalische Explosion am Ende, wie ein Feuerwerk, alles sehr visuell und filmisch.

Im Video zu "Something Anything" spielt Andy Dunlop die Hauptrolle. Wie lange musste er dich denn überreden, auch mal den Platz als Hauptfigur zu bekommen?

Das war für mich sofort in Ordnung. Sein Gitarrensolo ist einfach brillant. Es ist das Herzstück des Songs und wir dachten: "Wieso sollen wir das nicht nutzen?" Er war sehr glücklich, die Hauptfigur zu sein. Vor allem war er sehr froh, drei Meter groß zu sein. (lacht).

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