laut.de-Kritik

Vom Einfangen und Loslassen von Dingen und Menschen.

Review von

Das Jahr 2020 hat vieles verändert. Maskenpflicht, Hygienevorschriften und ein anderes Verständnis von Zeit bestimmen unser Leben. Viereinhalb Jahre sollen seit dem letzten Album der Indie-Pop-Institution Travis erst vergangen sein? Die gefühlte Zeitspanne liegt deutlich darüber. Umso freudiger begrüßen Liebhaber melancholischer Songperlen die Rückkehr von Fran Healy und seinen Mannen. Wenn dich deine Freunde schon nicht in den Arm nehmen dürfen, dann zumindest zehn neue Lieder aus der Feder des Schotten.

Bis auf die Tatsache, dass Healy erstmals seit dem 2003er Output "12 Memories" wieder für alle Songs alleine verantwortlich zeichnet, bleibt alles beim Alten. Das Gefühl, nach Hause zu kommen, stellt sich unmittelbar mit den ersten Tönen des Openers "Waving At The Window" ein. Kaum zu glauben, dass dieses Lied in L.A. entstand, atmet es doch viel großbritannische elegische Schwere. "This is no rehearsal, this is the take / Promises you once kept are gonna break", stellt Healy fest und offenbart einen gealterten Songwriter, in der Mitte des Lebens und seinen Realitäten angekommen.

Im folgenden Stück "The Only Thing" schaut Susanna Hoffs als Gesangspartnerin vorbei, ihres Zeichens Sängerin der Bangles. Zusammen singen die beiden ein Lied über Trennung oder mindestens das Erkalten der Liebe, unterstützt von einer traurigen Pedal-Steel-Gitarre, die im Hintergrund für ein leichtes Country-Flair sorgt.

"Valentine" erinnert stilistisch an das Travis-Debüt "Good Feeling". Die vier Schotten bringen ein paar E-Gitarren in Stellung und rocken ein wenig herum. Das Tempo bleibt dabei aber getragen, wie fast auf dem ganzen Album. Niemand muss Angst haben, dass Papa vor Schreck das Hörnchen in den Nachmittagskaffee fällt. Über die nächste Nummer "Butterflies" sagt Fran Healy: "So denke ich über Songwriting. Diese Dinger flattern herum. Und du musst sehr, sehr leise sein, sehr schnell und sehr respektvoll. Du fängst sie ein, schaust sie für einen Moment an und lässt sie wieder frei."

Der Fluss des Lebens, das Einfangen und Loslassen von Dingen und Menschen, zieht sich textlich durch die ganze Platte, auch durch "A Million Hearts". Dass Healy nach 25 Jahren Bandgeschichte immer noch so tolle Melodien aus dem Ärmel schütteln kann, ist bewundernswert und vermutlich der Grund, warum die Band noch existiert. Travis haben stets vermieden, in der kreativen Bedeutungslosigkeit zu verschwinden, weil sich auf jedem Album ein paar richtig feine Lieder fanden. "A Ghost", der einzige Uptempo-Song der Platte, reiht sich ebenfalls in diese Kategorie ein.

Viele der Stücke auf "10 Songs" entfalten schon beim ersten Hören ihr Mitsing-Potenzial, so auch "Kissing In The Wind". Man kann nur hoffen, dass uns Travis noch lange erhalten bleiben und weiter den idealen Soundtrack für lange Spaziergänge im Herbst und Winter beisteuern. Für die Freunde des Vergleichs sei noch angemerkt, dass "10 Songs" im Vergleich zum Vorgänger "Everything At Once" die Nase leicht vorn hat.

Trackliste

  1. 1. Waving At The Window
  2. 2. The Only Thing
  3. 3. Valentine
  4. 4. Butterflies
  5. 5. A Million Hearts
  6. 6. A Ghost
  7. 7. All Fall Down
  8. 8. Kissing In The Wind
  9. 9. Nina's Song
  10. 10. No Love Lost

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2 Kommentare mit 6 Antworten

  • Vor 21 Tagen

    Eigentlich konsequent, dass jetzt ein Album von Travis erscheint. Habe die Jungs in den letzten (Corona-)Monaten auf Youtube verfolgt und positiv festgestellt, wie aktiv sie dort waren. Hab gestern auch einen Teil des Livestreams zum neuen Album verfolgt und werde mir dieses nachher mal in Ruhe anhören. Anfang der 2000er haben Travis einen solch wichtigen Teil meines musikalischen Aufwachsens gespielt, dass ich schon lust hab, diese Liebe wieder etwas aufleben zu lassen. Es sind ja einfach feine Kerle mit ganz eigenem Sound, der im Prinzip zu unterstützen gehört :)

    • Vor 21 Tagen

      "Valentine" ist auf jeden Fall schon mal ein Banger.

    • Vor 21 Tagen

      Oh ja, der Track ist nice! Habe mich mit Travis eigentlich noch gar nicht beschäftigt, muss ich nachholen.

      Grüße gehen raus an meinen Bruder Liam, einer der besten hier!

    • Vor 21 Tagen

      Absolut!

      Sympathische Band die über Jahre immer wieder auf hohem Niveau abliefert. Zuletzt hat mich Idlewild vom 2016er Album Everything At Once begeistert, auch dank Josephine Oniyama. Mal sehen, wie nachhaltig die 10 Songs werden, der erste Eindruck macht jedenfalls Lust auf mehr! Für mich ein sehr gerne genommener Ohrenschmeichler im Corona-Herbst 2020.

    • Vor 12 Tagen

      Grüße zurück, Lauti! Hoffe, alles paletti bei dir!

      Und falls du's noch nicht getan hast, check mal den Oasis Kanal auf Youtube ab, da gabs jetzt zum 25jährigen Jubiläum von What's The Story... viele Specials, Dokus etc. mit Noel und so. Sehr geil!

    • Vor 12 Tagen

      Yo, alles im grünen Bereich.

      Danke für den Tipp, werden den Kanal checken, abonnieren und alle Benachrichtiungen einschalten. :)

    • Vor 9 Tagen

      Alter, der Abend wurde gestern lang, erstmal alle Fanfragen von Noel geschaut (der war ja richtig gut drauf!) und dann noch "Return To Rockfield".

      Krass wie viele junge Leute Fragen gestellt haben, die meisten von denen waren zu Release nicht mal geboren und standen da als Die-Hard-Fans, NICE! :)

      Er hat im übrigen angedeutet, dass eine Reunion nur einen einzigen Telefon-Anruf für ihn bedeuten würde.. ;)

  • Vor 21 Tagen

    Schönes Album, treffende Rezension. Und beides eine gute Gelegenheit, mich daran zu erinnern, wie sehr ich diese Band nun schon seit über zwanzig Jahren mag.