laut.de-Kritik

Reggae got Soul: der Otis Redding des Ska.

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Es war gerade so rund gelaufen für den 21-jährigen Jamaikaner Toots Hibbert, da sperrte man ihn 1966 einfach weg. Aus und vorbei schien der große Traum einer Musiker-Karriere, die so vielversprechend begann:

Gleich mit den ersten Songs seines Vocal-Trios The Maytals öffneten sich ihm zwei Jahre zuvor die goldenen Tore von Sir Coxsone Dodds Studio One, eine der Top-Adressen am Platz für den neuen Sound der frisch unabhängig gewordenen Insel. Was immer dieser junge, tief religiöse Sänger anfasste, so schien es, wurde zu Gold

Das zog natürlich auch an Ska-Superstar Prince Buster nicht geräuschlos vorüber. Er warb die Maytals kurzerhand für sein Studio ab, musste das Trio aber seinerseits bald zu Byron Lee weiterziehen lassen, ebenfalls eine Jamaican Ska-Legende.

Dann das Seuchenjahr 1966: Zunächst läuft eigentlich alles nach Plan. Mit "Bam Bam" gewinnen die Maytals einen wichtigen Festival-Contest in Jamaika. Alle Zeichen stehen auf Durchbruch. Doch Hibberts Weg führt nicht, wie erhofft, über den großen Teich zu den jamaikanischen Exilanten nach England, wo Landsleute wie Laurel Aitken, Desmond Dekker und Buster auf Händen getragen werden, sondern in den Knast. Ihm wird Marihuana-Besitz vorgeworfen, was die örtlichen Behörden mit einer horrenden Haftstrafe von 18 Monaten sanktionieren.

Bis zum heutigen Tag bestreitet Hibbert die Vorwürfe. Er habe zu dieser Zeit noch nicht einmal geraucht, beteuert er. Stattdessen entwickelt der Sänger eine eigene Theorie: In den ländlichen Gegenden Jamaikas, aus denen er stammt, war damals der Glaube verbreitet, dass einer unschuldigen Person aus heiterem Himmel Unglück widerfährt, sofern sie Zielscheibe böser Mächte wird. Für Toots steht fest: Gewisse Leute neiden ihm seinen Erfolg und wollen ihn aus dem Verkehr ziehen.

Dass Hibberts Geschichte an dieser Stelle nicht zu Ende ist, verdankt er seinen treuen Bandkollegen Henry 'Raleigh' Gordon und Nathaniel 'Jerry' McCarthy. Die lassen sich nicht von anderen Combos abwerben und warten auf ihren talentierten Songwriter. Als Toots entlassen wird, steckt er voller Wut, Energie und Tatendrang.

Produzent Leslie Kong, aufgrund seiner chinesischen Abstammung auch 'Chinaman' genannt, reagiert am schnellsten und bietet sich als neuer Mäzen an (Rivale Prince Buster disste ihn im Song "Blackhead Chinaman"). Toots erkennt wiederum, dass Kong im Gegensatz zu anderen Labelchefs mit Desmond Dekkers "007 (Shanty Town)" und "Israelites" bereits erfolgreich Singles nach England exportiert hat, und sieht somit darüber hinweg, dass Kong seine Maytals ein paar Jahre zuvor nicht unter Vertrag nehmen wollte.

Der Songwriter nutzt die guten wirtschaftlichen Ausgangsbedingungen meisterhaft und komponiert mit "54-46 - That's My Number" einen Song über seine Zeit im Gefängnis, heute ein Ska- & Reggae-Klassiker und einer seiner langlebigsten Songs. Die zum Mythos gewordene allgemeine Annahme, "54-46" sei die Nummer seiner Gefängnisuniform gewesen, stimmt jedoch nicht ganz. Toots musste die ihm zugeteilte Nummer songdienlich verändern. Im Prinzip nachvollziehbar, weder "30-70" noch "77-11" hätten beispielsweise nur annähernd so gut im Versmaß gegroovt.

Neben der Genugtuung, dass seine Gefängnisuniform nun jemand anderes trägt, beklagt Toots auch die Ungerechtigkeit, die ihm widerfahren ist: "As I was innocent of what they done to me / they was wrong / let me tell me one more time / they were wrong." 1969 heißt der Song noch "54-46 - That's My Number", erst später nimmt die Band ihn als "54-46 Was My Number" neu auf, vielleicht, um auch im Titel einen deutlichen Schlussstrich unter das düstere Kapitel zu ziehen.

Erst in dieser zweiten Version baut Toots den berühmten, wie für seine Predigerstimme geschaffenen Teil "Stick it up, Mista / Hear what I say, Sir, yeah" zu Songbeginn ein. Spätestens hier erkennt jeder: Reggae got Soul! Toots besitzt eine dieser wahrhaftigen Stimmen, wie sie vielleicht wirklich nur eine Jugend in Gospelchören herauszuarbeiten imstande ist.

Auch "Pressure Drop" behandelt textlich seine Freiheitsberaubung. Dort bricht es förmlich aus Hibbert heraus und er sinnt nach Vergeltung: "Der Titel war eine Bezeichnung, die ich oft verwendet habe: Wenn mir jemand Unrecht getan hat, gehe ich nicht wie ein Krieger auf ihn los, sondern ich sage: The pressure's going to drop on you.'" Rache, dargereicht als böses Karma.

"Pressure Drop" wird später unzählige Male gecovert. Der ansteckende Refrain mit der hinausgeschrienen Zeile "It is you" gießt Hibberts positive Ausstrahlung in Songform, eine ähnlich eingängige gesummte Hook hört man erst gute zwanzig Jahre später bei den Crash Test Dummies wieder.

1969 erscheinen beide Songs auf dem Longplayer "Sweet And Dandy", der, wie so viele jamaikanische Veröffentlichungen von damals, heute für abenteuerliche Summen gehandelt wird. In diesem Fall haben sogar MP3-Fans noch einen Vorteil gegenüber Streamern, die bei Spotify und Co. auf circa 20 Best-Ofs zurück greifen müssen, wo aber die meisten großen Songs der Frühphase gelistet sind. Empfehlenswert ist die Anthologie "Time Tough" von 1996.

"Sweet And Dandy" ist nicht nur das erste Album unter dem Signet Toots And The Maytals, es beinhaltet auch den dritten Monster-Hit aus der Feder des Chefs: "Monkey Man", ein Klassiker des Genres, das 1969 an der Schnittstelle zwischen Ska und Reggae steht.

Der Turbo-Ska der frühen Jahre ist langsamer geworden, heißt nun Rocksteady oder Bluebeat, und Hibberts Songs passen da nicht nur genau rein. Mit seinem souligen Crooning macht er sie auch für Fans anderer Musikrichtungen interessant. Toots ist der Otis Redding des Ska, was auch Island-Chef Chris Blackwell realisiert und die Band später dem europäischen Rock-Publikum schmackhaft macht. Unter anderem supporten sie The Who.

Dass der Song "Do The Reggay" aus dem Vorjahr nicht auf dem Album enthalten ist, der obendrein für das weltberühmte Reggae-Genre Pate stand, erscheint aus heutiger Sicht sicher kurios. Doch im Single-Zeitalter der späten 60er auf Jamaika schien eine Albumtracklist sowieso eher den Launen des Produzenten oder anderen Geldgebern zu entspringen. Das nachfolgende Studioalbum 1970 etwa heißt "Monkey Man" und beinhaltet neben dem Titeltrack ebenfalls "Pressure Drop" sowie weitere Stücke. Ähnlich wurde auch auf "From The Roots" (1970) verfahren.

Spätestens nach dem Erfolg des Kultfilms "The Harder They Come" mit Jimmy Cliff 1972, wo die Maytals mit "Pressure Drop" und "Sweet And Dandy" vertreten waren, erscheinen Maytals-Platten weltweit, und hinter jedem vermeintlichen Studioalbum lauert am Ende eine Best-Of. Das "Funky Kingston"-Album von 1973 kennt eigentlich jeder nur in der europäischen Island Records-Version von 1975.

So oder so: Die Faszination der Maytals liegt einerseits in Hibberts einmaliger soulgetränkter Stimme, die selbst Tonleitern zitieren kann, ohne zu langweilen ("Do-re-mi-fa-so-la-ti-do" in "Pomp & Pride", 1973). Das Songwriting steht aber auch einer späteren Ikone wie Bob Marley in nichts nach, was sich selbst an den weniger bekannten Tracks ablesen lässt.

Das nur vom Titel her nach Inspirationslosigkeit klingende "Bla Bla Bla" begeistert mit dem guten alten Ruckel-Offbeat. In "We Shall Overcome" verquickt der Friedensprophet wieder einen bekannten Song mit seinen Ska-Beats, hier noch Pete Seeger, auf dem "Monkey Man"-Album dann Lennon/McCartney in "Give Peace A Chance".

Ob The Specials, The Clash oder Amy Winehouse: Der Einfluss der drei Jamaikaner bemisst sich nicht nur in glorreichen Coverversionen. Leider mündete die Heldenverehrung 2004 auch in die emotionslose Koop-Platte "True Love", wo unter anderem No Doubt und Shaggy so ziemlich alles falsch machen (einzige Ausnahme, natürlich: Bootsy Collins mit The Roots).

2013 wird Toots bei einem Konzert in Virginia von einer Wodkaflasche am Kopf getroffen und erleidet eine Gehirnerschütterung, die schwerwiegende mentale Beeinträchtigungen nach sich zieht. Von Depressionen, posttraumatischem Stresssyndrom und Sprachstörungen ist die Rede. Er verklagt die Konzert-Organisatoren auf 20 Millionen Dollar, 2016 einigen sich beide Parteien stillschweigend auf einen Vergleich. Drei Jahre lang tritt er nicht auf. Zwischenzeitlich wird bekannt, dass der Sänger wohl pleite ist.

Worin auch immer die Gründe zu suchen sind: 2017 hat der für seine positiven Vibes bekannte 74-jährige Vollblutmusiker wieder Europa-Konzerte angekündigt. Gehet hin und feiert die Legende. Nicht umsonst heißt ein Album seiner Maytals "Roots Reggae", die Wurzeln des Reggae. Toots Hibbert war nicht mittendrin, er lief vorne weg.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Monkey Man
  2. 2. Pressure Drop
  3. 3. I Shall Be Free
  4. 4. Bla Bla Bla
  5. 5. Just Tell Me
  6. 6. We Shall Overcome
  7. 7. Sweet & Dandy
  8. 8. Scare Him
  9. 9. Alidina
  10. 10. I Need Your Love
  11. 11. 54-46 - That's My Number
  12. 12. Oh Yeah

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