laut.de-Kritik

Wenn ein Albumtitel Realität wird ...

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Das vorliegende Album war gerade vier Tage auf dem Markt, da erschütterte die Reggae-Welt die Nachricht, dass Toots Hibbert, Think Tank von Toots And The Maytals, auf einer jamaikanischen Intensivstation in ein künstliches Koma versetzt wurde. Zuvor klagte der 77-Jährige über Atemprobleme. Bald folgte die Entwarnung: Hibbert sei außer Lebensgefahr, sein Zustand stabil, die naheliegende Vermutung einer Covid-19-Infektion blieb unbestätigt. Got To Be Tough!

Den besonderen Status des Sängers verdeutlicht die Meldung, dass die jamaikanische Kultusministerin soeben die Insel-Bevölkerung per öffentlicher Mitteilung um Blutspenden für den Musiker gebeten hat. Toots Hibbert ist nach dem Tod von Bob Marley, Desmond Dekker und Laurel Aitken neben dem 72-jährigen Jimmy Cliff der letzte wichtige Repräsentant und Miterfinder einer Musikrichtung, die die UN-Kulturorganisation Unesco 2018 zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit kürte. Mit dem Song "Do The Reggay" gab er dem Genre 1968 erst seinen Namen.

"Got To Be Tough" ist das erste neue Maytals-Studioalbum seit "Flip And Twist" von 2010, über das glücklicherweise jede Menge jamaikanisches Gras gewachsen ist. Denn auf Konserve erging es Hibbert leider nicht besser als anderen Legenden wie den Rolling Stones oder den Red Hot Chili Peppers, mit denen sich der Jamaikaner bereits die Bühne teilte: Die Brillanz des Frühwerks stellte das neu aufgenommene Material häufig in den Schatten.

Dieser misslichen Lage entzieht sich "Got To Be Tough" mit Bravour. Insbesondere auf dem Titeltrack und auf "Warning Warning" greift der Musiker wieder auf jenen Songwriting-Kniff zurück, der ikonische Platten wie "Sweet And Dandy" oder "Funky Kingston" so einzigartig machte: Eine auf zurückgenommenen Offbeats und mitreißenden Bassläufen basierende kompositorische Leichtigkeit, die anhand von Hibberts nach wie vor beeindruckendem Ausnahmeorgan seinesgleichen sucht. Zwei Songs, die man dem Mann nach der farblosen Vorgängerplatte nicht mehr zugetraut hätte. Mit Texten zu wirtschaftlicher Ungerechtigkeit, dem Klimawandel und Rassismus ist Toots im Jahr 2020 zudem aktueller denn je.

Mehr noch als auf früheren Platten tragen die neuen Songs Hibberts Handschrift. Nachdem er 2013 während eines Auftritts von einem Zuschauer eine Wodkaflasche an den Kopf geworfen bekam (der Sänger bat den Richter anschließend um ein mildes Urteil), konzentrierte sich Hibbert auf die Arbeit in seinem Home-Studio. Auf "Got To Be Tough" spielt er Bass, Gitarre, vereinzelt auch Keyboards und Drums, schrieb Bläser-Arrangements und produzierte erstmals ein Album. Zur Studioband lud er außerdem bekannte Freunde wie Drummer Sly Dunbar und Gitarrist Zak Starkey, der das Label Trojan Jamaica mitgründete.

Reggae allein genügt als Umschreibung seiner Musik schon länger nicht mehr. Toots integriert mit Funk, Soul und Blues zahlreiche Elemente in seinen Sound, wie der rocklastige Opener "Drop Off Head" belegt, der Hibberts friedliebendes Lebensmotto im Refrain unterstreicht: "Just try, try and try / don't let the enemies get you down / Just try, try and try / don't let the enemies win your crown". Hier zeigt sich allerdings anhand des sehr vollen Klangbilds schon das große Problem des Albums: Wer mit einer derart göttlichen Stimme gesegnet wurde, muss keine Armada an Instrumenten und Sounds auffahren, die vom Thema ablenken. In "Just Brutal" oder dem Ska-Feger "Having A Party" geht Toots beinahe unter. Auch die endlose Wiederholung des Refrains trübt das Hörerlebnis.

"Freedom Train" passt sich seinem klischeegetränkten Titel an und blubbert belanglos vor sich hin. Die anklagende Ballade "Stand Accuse" und das funkinfizierte "Struggle" funktionieren in ihrer Reduktion deutlich besser und geben Toots' Stimme die Bühne, die sie verdient. Dennoch scheint auf "Got To Be Tough" die alte Weisheit zuzutreffen, dass zu viel Zeit im Studio nicht zwingend die besten Ergebnisse liefert. Die Idee, das weltbekannte "Three Little Birds" in einen Upbeat-Song umzugestalten und Bobs Sohn Ziggy Marley als Gastsänger hinzuzuholen, geht zwar klar. Die Umsetzung in fünfeinhalb Minuten gerät aber wieder deutlich zu übertrieben.

Den Spaß an der Produktion ist Toots Hibbert jedoch jederzeit anzumerken - sicher keine Selbstverständlichkeit nach sechs Jahrzehnten gelebter Musikbusiness-Erfahrung. Noch vor kurzem äußerte er sich zur Pandemie-Situation: "Towards this corona thing that's going around, you have to be tough. To overcome it, you have to be strong." Ein positives Signal, das die Kämpfernatur nun hoffentlich selbst beherzigt.

Trackliste

  1. 1. Drop Off Head
  2. 2. Just Brutal
  3. 3. Got To Be Tough
  4. 4. Freedom Train
  5. 5. Warning Warning
  6. 6. Good Thing That You Call
  7. 7. Stand Accuse
  8. 8. Three Little Birds (Ft. Ziggy Marley)
  9. 9. Having A Party
  10. 10. Struggle

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