laut.de-Kritik

So spannend wie ein Blick ins Wörterbuch.

Review von

"Pulse" bedeutet "Puls". Oder "Stromstoß". Dachte ich bisher. Nachdem das ebenso betitelte Album sowohl Herzschlag als auch elektrisierende Momente völlig vermissen lässt, klärt ein Blick ins Wörterbuch auf: "Pulse" bedeutet auch "Hülsenfrucht". Sieh an!

Ein Böhnchen kredenzt Toni Braxton also. Das könnte die Blähungen erklären, die einen in der Ödnis aus immer gleichem Piano- und Streicher-Schmonz, einhergehend wahlweise mit saftlosen Drumbeats oder frisch aufgequirlter Eurodance-Plastik-Soße wie nicht mehr ganz so frisch vom Autoscooter ereilen.

Nichts, aber auch gar nichts an "Pulse" wirkt innovativ oder originell. Langweiliges, absehbares Songwriting trifft auf ebenso langweilige, absehbare Instrumentierung. Geht es ausnahmsweise ein wenig schwungvoller zu, erstickt spätestens der Refrain jeden eventuell aufkeimenden Elan.

So rauben schillernde Synthies und andere Effekte vom Grabbeltisch "Make My Heart" die eingangs angedeutete funky Clubtauglichkeit. Ähnlich ersaufen in "Lookin' At Me" treibender Rhythmus und gelegentlich aufblitzender Bass in platter 90er-Jahre-Ästhetik.

Fehlen eigentlich nur noch die im Hintergrund "Ey! Ho!" skandierenden Homies, mit denen sich R'n'B-Grazien dieser Tage scheinbar zwingend umgeben müssen. Der Gedanke ist noch nicht zu Ende gedacht: "Ey!" Voilà, da sind sie schon. Was soll das? Braucht man neuerdings auch im Pop Street Credibility?

Den Rest vom Schützenfest bieten nach gängigem Muster gestrickte Balladen, die allenfalls in ihrer Austauschbarkeit schmerzen. Mal klingeln unvermeidliche Chimes-Kaskaden ("Why Won't You Love Me"), mal jodelt eine E-Gitarre ("Woman"). "No Way" oder "Wardrobe" setzen auf Akustikgitarre - in etwa so spannend wie eine Ausmist-Aktion im überfüllten Kleiderschrank.

Immerhin: Toni Braxton interpretiert die belanglosen Liedchen so sauber wie sicher. Ihre Stimme klingt in dunkleren Gefilden allerdings deutlich interessanter, als wenn sie sie in höhere Tonlagen klettern lässt.

Schade jedoch: Sie wirkt durch die Bank gänzlich unbeteiligt. Ob sie nun von Liebesleid ("I don't love you no more, you are so yesterday.") singt, sich im Selbstmitleid von "Woman" suhlt oder in "Pulse" recht vergeblich "Come back to life!" fleht: Außer dem unterdrückten Schluchzer, der in ihrer Kehle Dauerquartier genommen zu haben scheint, klingt nirgendwo eine Regung an.

Alles wirkt steril, berechnet und aufgesetzt, schmachtende Ooohs genau so gekünstelt wie kieksende Oh-Ohs oder die hie und da herausgepressten Worte, die wohl einen rockigen, ungezügelten Eindruck vermitteln sollen.

Textliche Offenbarungen hält "Pulse" zudem keine bereit. Eher zweifelt man angesichts mancher Zeile daran, ob die Emanzipationsbewegung überhaupt irgendeine Spur im Sand der Geschichte hinterlassen hat.

Der Versuch, sich als starke Frau darzustellen - im Gegensatz zu "some girl who don't know what she wants" - scheitert an dem zur Schau getragenen verzweifelten Heischen nach Bestätigung. "Why Won't You Love Me" fragt devot: "What can I do to be perfect to you?"

Nun, vielleicht würde es helfen, ein wenig Eigenständigkeit zu entwickeln, einen Hauch Selbstbewusstsein und - auf musikalischer Ebene - eine Spur Experimentierfreude.

Trackliste

  1. 1. Yesterday
  2. 2. Make My Heart
  3. 3. Hands Tied
  4. 4. Woman
  5. 5. If I Have To Wait
  6. 6. Lookin' At Me
  7. 7. Wardrobe
  8. 8. Hero
  9. 9. No Way
  10. 10. Pulse
  11. 11. Why Won't You Love Me

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10 Kommentare

  • Vor 11 Jahren

    Mmmh, Bardinnen in Unterwäsche, lecker ... :-) Aber mal im Ernst: Seit wann war Toni für lyrische Tiefe oder besondere Innovation in ihrer Musik bekannt? Was soll der Quatsch? Sie erfüllt das Genre perfekt. Sie hat, trotz allen Vergleichen mit den anderen R'n'B-Schicksen eine wiedererkennbare, angenehme, tiefe und erotische Stimme und ist einfach schön anzusehen. DAS nennt man Mainstream, und jeder Kritiker der etwas anderes erwartet soll bei seinem Indie-Scheiß bleiben oder die Platte hier gar nicht erst rezensieren.

  • Vor 11 Jahren

    Die ersten beiden Alben, vor allem das erste hatten ihre richtig guten Augenblicke. Aus Toni hätte mehr werden können, als das was sie heute präsentiert. Schade, dass sie so einen Weg gegangen ist, den, leider richtig, viel zu viele eigentlich gute Sängerinen gehen: Plastik-Shit.

  • Vor 11 Jahren

    @mobeat (« Ich merk gerad, dass das schon der 4 Kommentar meinerseits zu einem so unwichtigen Thema ist...Oh Gott ich brauch Hobbys...und Freunde...dringend... »):

    Ich habe den Artikel nicht gelesen und hätte es wahrscheinlich auch nicht. Ich habe nur gesehen dass das Album einen Punkt bekommen hat und habe auf die Kommentare geklickt weil mich das interessiert hat. Und nachdem ich 2 Posts gelesen habe die sich über die 2 Absätze positiv geäussert haben war mein Interesse zu groß geworden^^
    Oh mein Gott das ist jetzt schon der 2. Eintrag von mir in einem Thread der mich eigentlich garnicht interessiert. Schlimm sowas gell Mobaet :D