laut.de-Kritik

Ein wahrlich farbengeiles Antidepressivum.

Review von

Todd Rundgren ist einer der popkulturell einflussreichsten Taufpaten der vergangenen 50 Jahre. Nicht nur, weil er in gewisser Weise der wahre Vater von Liv Tyler ist. Sondern vor allem, weil er den Geburtshelfer multimedialer Konzepte und zahlloser Genres spielte und in Pop wie Progressive Rock gleichermaßen tiefe Spuren hinterließ. Mit dem großartigen "Global" gelingt dem Altmeister ein furioses Comeback.

Die lebenslange Bandbreite Rundgrens zwischen komplexem Prog, melodischem Pop und diversen Crossoververbindungen von Spacerock bis Blackmusic (das Projekt Utopia) bringt er auf "Global" ebenso lässig wie unterhaltend auf den Punkt. Die Platte wendet sich bewusst an kein spezielles Szenepublikum: Herauskommt ein sonnendurchflutetes Antidepressivum, das im Sommer jede Party rockt und im Winter die Füße wärmt. Die Hitdichte der Platte ist beeindruckend.

Bereits vor drei Jahren haute Rundgren mit "State" ein hymnisches Progjuwel vor den Latz. "Global" ist nunmehr Teil eines ebenso kreativen wie medialen Doppelschlags. Bei dieser One Man-Show besorgt Onkel Todd als Rockmädchen für alles typischerweise mal wieder sämtliche Arbeit selbst. Er komponiert, spielt jedes Instrument, arrangiert, produziert und verlegt.

Wenige Tage später erscheint das Schwesteralbum "Runddans", das er ebenso bewusst als Kollabo mit jüngeren Kollegen anlegt. Beide Alben stehen einerseits autark im Raum, bilden konzeptionell gleichwohl das Yin und Yang derselben Medaille.

Aller Prog bleibt dieses Mal konsequent ausgesperrt. Die Zeichen stehen auf Unterhaltung. So streift Rundgren durch all jene Dekaden, die er mitprägte. Den 60ern entnimmt er den Hang zur großen Melodie. Den Seventies entlehnt er eine gehörige Portion P-Funk. Schon damals war er der nahezu einzige Weiße, der mit George Clintons Funkadelic mithalten konnte. Und den 80ern zapft er eine gehörige Portion Synthiepop ab. Alles schön eklektisch und zur farbengeilen Spacerocksuppe angerührt, die mitreißt.

Nahezu jeder "Global"-Song würde als Single taugen. "Everybody" etwa schlägt mit fettem Rockriff rechts, quietschender Orgel hinten links und tollem Bubblegum-Refrain sofort in den Bann. "Flesh & Blood" verschmilzt seinen treibenden Rhythmus mit einer bärenstarken Melodie und setzt als Sahnehäubchen in der Strophe eine catchy New Wave-Synthiehook drauf. Ohnehin achtet Synthesizer-Pionier Rundgren bei den zwölf Tracks auf eine stets pikante Würze von Moog bis Korg ("Rise").

Die kraftvoll eingesungenen Funk und Soul-Nummern from outer Space ("Earth Mother", "Skyscraper") stehen Rundgren dabei besonders gut zu Gesicht. Der Veteran klingt hier so dynamisch und energetisch, als feiere er demnächst seinen 40. Geburtstag und nicht etwa den 70. Zur Krönung gibts noch große, schillernde Melodien wie "Terra Firma" oder den fetten Dancerock-Stampfer "Global Nation". Beim Oldschool-Balladenkiller "Soothe" hört man dann genau jene Intensität, mit der er bereits 1986 den Kultsong "Loving You's A Dirty Job" an der Seite von Bonnie Tyler einsang.

Mit "Global" gelingt Rundgren mithin die Abkehr vom ewig vorauseilenden Avantgarde-Künstler, ohne dass es Abstriche bei der Qualität gäbe. Das Verquirlen dutzender Stilelemente zum schmackhaften Cocktail zwischen retro und zeitlos passt dabei wie ein Maßanzug. Keine Zutat wirkt abgetragen. Gut gebrüllt, alter Löwe!

Trackliste

  1. 1. Evrybody
  2. 2. Flesh & Blood
  3. 3. Rise
  4. 4. Holyland
  5. 5. Blind
  6. 6. Earth Mother
  7. 7. Global Nation
  8. 8. Soothe
  9. 9. Terra Firma
  10. 10. Fate
  11. 11. Skyscraper
  12. 12. This Island Earth

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4 Kommentare

  • Vor 5 Jahren

    Hallo, hässlichstes Cover des Jahres 2015.

  • Vor 5 Jahren

    VÖ 10.4. unter welchem Stappel an CD´s ist das den bei dir verschimmelt Ulf? Hab mich letztens noch mit irgendwem hier rumgefetzt weil er drei Tage vor VÖ mit einem Durchschnittsalbum mit seinem Review raus war. Sei ehrlich das der gute Todd nochmal ein gutes Album heraus bringt, hast du selbst nicht dran geglaubt. ;)

  • Vor 5 Jahren

    doch, doch....ich finde die "state" von 2012 ja auch richtig gut. und zur vö: das passt schon so. denn die "runddans" - seine erwähnte parallelplatte - steht ab freitag in den regalen. es lohnt sich, beide hintereinander zu hören. die sind komplett unterschiedlich.
    das rundgren-portrait ist übrigens auch neu. es lohnt sich, (bei interesse) dort mal zu checken, wie vielseitig der todd ist, wievielen künstlern er unter die arme griff etc. außer steven wilson fällt mir in der gegenwart echt niemand ein, der sowohl als producer wie auch als solokünstler so viel grundverschiedenes gerissen hat.

  • Vor 5 Jahren

    Danke für den Tipp mit dem Portrait, so was an eine etwas größere Glocke hängen wäre doch eine Idee. Soll jetzt kein Laut.de Starschnitt werden, aber in den News ein Hinweis, aus dem Anlass XYZ haben wir dem Künstler XYZ etwas neue Farbe ins Gesicht gepinselt, kuckt doch mal hier, blub. In meiner Vorstellung kämmen da Dinger raus. :P Man drückt dem 21 Jahre altem Volontär einen 80 Jahre Jährigen auf seinem Pinkelbeutel musizierende Woodstock Legende das neu zu schreibende Portrait (sicher dass das so richtig geschrieben?) auf sein Auge.......ok mein Gaul geht gerade durch. :P