22. Januar 2013

"Unsere Platte ist nicht für MP3s optimiert"

Interview geführt von

Zum zwanzigjährigen Jubiläum veröffentlichen Tocotronic in dieser Woche ihr zehntes Album. Ein Gespräch über das Glück des Zufalls, moderne Zeiten und alte Technik sowie das Leben in der Zitatehölle."Möchtest du eine Cola Light?", fragt Dirk von Lowtzow seinen Bandkollegen Jan Müller, während sich beide an einen Konferenztisch im siebten Stock des Berliner Universal-Gebäudes zum Interview mit uns niederlassen. "Frag doch erst unseren Gast", macht der Bassist ihn auf seinen Mangel an Etikette aufmerksam. "Ja, das hätte ich jetzt dann auch", gibt der Sänger kleinlaut zurück. "Also: Cola, Cola Light, Wasser, Kaffee?"

Ich entscheide mich für das Erstgenannte und antworte "Eine richtige Cola hätte ich gern." Worauf sich Jan wiederum bei Dirk beschwert: "Die wurde mir gar nicht angeboten." Dirk schüttelt den Kopf: "Du kriegst doch keine richtige Cola. Bist du verrückt?"

Kurzes Lachen und dann gehts los: Tocotronic wirken auf der letzten aus unzähligen Interviews bestehenden Etappe vor der Veröffentlichung ihres Albums "Wie wir leben wollen" entspannt und aufgeräumt. Gerade kommen sie vom Mittagessen und einem Interview in einer benachbarten Radiostation zurück, jetzt folgen bis kurz nach sechs am Abend weitere Gesprächstermine. Vielleicht kein schlechter Einstieg, zunächst zu erfragen, wie denn das werte Befinden damit ist.

Ihr seid für "Wie wir leben wollen" jetzt im Promotionmarathon. Beschreibt doch mal den Grad eurer Genervtheit?

Dirk von Lowtzow: Das sind wir im Moment überhaupt nicht, denn wir machen das so häppchenweise. Wir haben Anfang der Woche geprobt und heute machen wir beide wieder ein paar Interviews. Wir sind frisch, fromm, fröhlich, frei. Im Vergleich zu vielen Künstlern im Showbusiness hält es sich bei uns immer noch die Waage. Wenn wir alle zwei, drei Jahre ein Album rausbringen, hat man halt ein paar Tage sehr geballt Interviews.

Das kann ein bisschen neurotisierend sein, weil man eben nicht gewohnt ist, das zu machen im Gegensatz zu anderen Leuten in der Unterhaltungsindustrie. Filmschauspielerinnen und Filmschauspieler beispielsweise müssen für jeden Film die Promotion und so weiter und so fort ...

Jan Müller: Oder die Politiker und die Sportler.

Die stehen ja permanent im Fokus und denen wird dauernd ein Mikrofon unter die Nase gehalten. Das ist bei euch anders. Selbstgewählt?

DvL: Nein, aber es stimmt, worauf du hinaus willst mit deiner Frage: Wir legen sehr viel Wert darauf, dass man auch ein Privatleben hat. Und wir legen nicht unbedingt Wert auf gesteigerte Öffentlichkeit, abgesehen von der Auskunft darüber, was wir musikalisch machen, vulgo: Uns zieht's nicht gerade auf rote Teppiche und ins Rampenlicht und ähnliche Scheußlichkeiten.

Ist das auch der eher anstrengende Teil der Arbeit am neuen Album? Nach Aufnahme und Fertigstellung der Welt erklären zu müssen, was das Ganze eigentlich soll?

JM: Anstrengend wird das nur, wenn dieser Anspruch zu stark ist. Es ist ja bei manchen Journalisten so: "Erklärt mal, erklärt mal!" Im Idealfall ist es aber so, dass ein Album für sich steht und gar keiner weiteren Erklärung bedarf. Darüberhinaus haben wir schon das Bedürfnis, über die Umstände, wie das entstanden ist oder was für Hintergründe dieser und jener Song haben, zu sprechen. Ich erlebe es so, dass das alles zusammengehört und eine gewisse Dramaturgie hat: Erst entstehen die Songs, dann werden sie im Proberaum arrangiert und aufgenommen, dann kümmert man sich um das ganze Design der Veröffentlichung.

Und diese Pressetermine gehören auch dazu. Es hat einen Grund, warum das so abläuft. Das läuft dann alles auf die Konzerte zu und das ist nochmal ein Höhepunkt. Aber ich finde, alle diese Punkte bergen natürlich anstrengende und auch sehr schöne Seiten. Das gehört für mich auch zusammen. Wenn nichts anstregend wäre, dann wäre es auch sehr langweilig.

DvL: Wobei ich von mir jetzt schon behaupten kann, dass es Teilaspekte dessen gibt, was wir machen, die ich schöner finde als das hier. Mit Verlaub gesagt.

Ist dabei auch schon ein Kampf um die Deutungsrichtung des neuen Albums da? Ihr habt vorab vor allem die besondere Aufnahmetechnik und die verwendeten Instrumente in den Vordergrund gestellt: Dass das jetzt was Neues war, was Besonderes, auch für euch natürlich.

DvL: Also, wir haben es nicht so in den Vordergrund gestellt. Ich glaube, es ist für viele Journalistinnen und Journalisten eine gute Geschichte oder ein guter Aufhänger, weil es sehr sehr schwierig ist, über Musik zu schreiben und Worte dafür zu finden.

Ja gut, aber in Vorabaussendungen eurer Plattenfirma wurde diese Aufnahmetechnik in den Vordergrund gestellt. Und die Berichterstattung der Presse hat das aufgegriffen. Was war zuerst da?

DvL: Es ist eben eine außergewöhnliche Sache, dass wir diese Vierspurtechnik gewählt haben, zusammen mit Moses Schneider, unserem Produzenten. In Deutschland macht das einfach kein Schwein. Es war ein ziemliches Wagnis, aber es hat sich gelohnt. Das hielten wir für mitteilenswert, auch vom Ergebnis her. Wir finden, dass das Album einfach fantastisch klingt und vielleicht – ohne jetzt zu selbstüberzeugt zu klingen – auch klanglich und von der Produktion her heraussticht.

Darüberhinaus habt ihr in den Vorabaussendungen ein Zitat der französischen Literaturwissenschaftlerin Hélène Cixous verwendet: "Schreiben ist eine Höllenfahrt und der Einstieg darin ist der eigene Körper." Und dann eben auch gesagt: Thema des Albums ist der Körper. Also gebt ihr schon eine Lesart vor. Im Gegensatz dazu sagt ihr aber auch: "Wir machen ja nur Musik und das Ergebnis dessen soll für sich stehen." Wie passt das zusammen?

DvL: Nein, das ist nicht ganz richtig. Diesen Text, auf den du ansprichst, haben wir selber geschrieben, der ist unterzeichnet mit Tocotronic. Es war uns schon wichtig, in aller Kürze auf diese Aspekte hinzuweisen. Zum einen hinsichtlich der Thematik der Platte, bei der es ganz grob vereinfacht um zwei Themenbereiche geht: Den des Körpers und den der Befreiung. Dem vorangestellt haben wir dieses schöne Zitat von Hélène Cixous.

Ich glaube jeder Mensch, der schreibt, sei es jetzt Poesie oder Prosa oder auch journalistische und theoretische Texte, weiß, was dieses Schreiben ist: Es ist eine Art Höllenfahrt, weil es sehr tief reingeht oder man da viel aus sich herausholt. Es war, wie so vieles bei uns, natürlich auch ein Zufall, dass wir auf das Zitat gestoßen sind und es schon ein Lied gab mit dem Titel "Höllenfahrt am Nachmittag". Das hat einfach gepasst.

Der Zufall scheint bei diesem Album sowieso eine große Rolle gespielt zu haben. Die Geschichte mit dem Vierspurgerät ging ja angeblich so: Euer Produzent Moses Schneider liest ein Buch über die Aufnahmetechnik der klassischen Beatles-Platten und stolpert dann über die Candy-Bomber-Studios, wo genau so ein Gerät herumsteht ...

JM: Das war so ein Zufall. Moses hat dieses Buch gelesen und Rick, unser Gitarrist, der auch ein Studio in Hamburg hat, hat das gelesen, deshalb passte das einfach gut. Es hat ja schon einen Grund, wenn sich zwei Leute, einer aus der Band und einer aus dem direkten Umfeld der Band damit beschäftigen.

DvL: Vieles, was bei uns sehr in Stein gemeißelt erscheint oder sehr ausgeklügelt oder konzeptuell, ist im Grunde genommen Zufall. Du darfst nicht vergessen: Von diesen Vierspurgeräten gibt es überhaupt noch fünf auf der Welt, die funktionieren. Natürlich ist es ein toller Zufall, dass eine davon ausgerechnet in Berlin im Candy-Bomber-Studio steht. Da kam alles zusammen, um mal wieder eine neue Tür aufzustoßen. Das waren sehr glückliche Fügungen.

Das empfinde ich auch als ein wichtiges Prinzip in der Kunst allgemein: Dass es einen aleatorischen Faktor gibt, dass man Sachen zulässt und sich davon leiten lässt. So war es bei uns von Anfang an. Das ist etwas, was auch im Gegensatz zu einer Art Rockmusik steht im Sinne eines erlernbaren Berufs. Wo man als Musiker heute erstmal auf die Pop-Uni geht und dann lernt, Business-Pläne zu erstellen und so etwas.

Jeder soll selbst entscheiden, wie er das angeht, aber für uns war es schön, dass wir in viele Dinge einfach reingeschlittert sind. Unsere ganze – in Anführungszeichen – Karriere beruht auf dem Zufall, dass Jan und ich uns kennengelernt haben, weil wir zur gleichen Zeit am gleichen Ort waren und ich über Jan dann Arne kennengelernt habe. Gut, man kann auch sagen, dass das ganze Leben eine Aneinanderreihung von Zufällen ist, aber in diesem Fall scheint es mir schon erwähnungsbedürftig zu sein.

Du hast bezüglich der Aufnahmetechnik gesagt: Das macht ja heute kein Schwein mehr.

DvL: Nöö. (lacht)

War das also auch eine bewusste Absage an moderne Zeiten und moderne Technik? Zu sagen, wir machen das jetzt mal ganz anders, um zu zeigen: Es geht auch so.

JM: Wir sind da nicht so sehr vom Allgemeinen ausgegangen, sondern von uns selber. Wir versuchen, Routinen zu vermeiden und das war jetzt ein sicherer Weg, Routinen zu vermeiden und sich abzugrenzen von den letzten drei Platten. Klar: Das ist eine ganz tolle hochwertige Technik, die aber etwas in Vergessenheit geraten ist oder verdrängt wurde, weil andere Möglichkeiten schneller sind. Die moderne Technik lässt an jedem Zeitpunkt alle Wege offen, diese Art der Technik aber nicht. Man muss Entscheidungen früh fällen und das hat Moses und uns auch interessiert.

Wie hat denn diese Technik euer Songwriting beeinflusst? Oder war es so, dass die Songs schon fertig waren und dann gesagt wurde: Jetzt gehen wir damit ins Studio und spielen die einfach ein?

JM: Ganz so war es nicht. Die ersten Songs sind entstanden, bevor diese Idee ins Spiel kam mit der Vierspur-Maschine. Aber es war erst ein Teil. Drei, vier Lieder, oder?

DvL: Ja, so ungefähr.

JM: Aber das hat dann schon einen Einfluss ausgeübt. Wir haben begonnen, uns mit den erwähnten Beatles und den Beach Boys auseinanderzusetzen und uns gefragt: Wie wurde denn das aufgenommen?

DvL: Es gab auch von Anfang an beim Songwriting den Wunsch, jetzt in eine etwas weniger, ich sag mal, rockige Richtung zu gehen.

JM: Die letzten drei Alben, vor allem "Kapitulation" und "Schall und Wahn", sind für unsere Verhältnisse sehr rockig. Das haben wir dort ganz bewusst eingesetzt, weil wir wussten, wir würden viel mit natürlichen Räumen und Übersprechungen arbeiten. Und genauso wussten wir jetzt, dass wir viel mit künstlichen Räumen und Hallsachen arbeiten. Das hat in jedem Fall die Arrangements beeinflusst, auch schon das Songwriting.

DvL: Wir waren als Band schon immer sehr gespalten. Es gab immer ein Faible für Rock und Punk oder auch Hardcore und Garagenrock. Für dieses sehr eruptive und laute. Aber wir hatten auch immer ein Faible für die kleineren, schrulligen Pop-Entwürfe oder für das bisschen funkelnde, glamouröse, was Pop anhaftet. Das war von Anfang an in der Band, weil wir von Grunge beeinflusste Gitarrenmusik gemacht haben, gleichzeitig aber unser Outfit und der konzeptuelle Überbau viel stärker von Pop oder von so etwas wie Art School Pop beeinflusst wurde.

Durch die Art sie aufzunehmen, ging es auf den letzten drei Alben in eine rockige Richtung. Das hat auch das Livespiel beeinflusst, und unser Livespiel wiederum die Platten, Stichwort: Crazy Horse-Gitarrensoli. Jetzt hat uns eben so eine Art – im weitesten Sinne – Psychedelic-Pop-Folk stärker interessiert und das passte sehr gut zu dieser Aufnahmetechnik.

"Alles ist luftiger, offener, psychedelischer"


Gab es dabei Dinge, die ihr als Musiker völlig neu lernen oder anders angehen musstet, weil es mit dieser Technik nur so funktioniert?

JM: Nein, man musste nur sehr gründlich sein.

DvL: Ja doch, es gibt sehr viele Akustikgitarren. Es war für mich als Songwriter, Gitarrist und Rhythmusgitarrist eine Herausforderung, bestimmte Picking-Techniken zu erlernen. Das Album ist auch das mit den ausgefeiltesten Bassmelodien überhaupt. Wir haben wahnsinnig lange an den Basslinien gefeilt, weil da jeder Ton sitzen muss. Das war auch eine ziemliche Herausforderung.

JM: Wobei ich das eher als Verfeinerung sehen würde. Das war auch der Zeit geschuldet, die wir dafür hatten. Ich konnte mich länger damit beschäftigen und es hat mich interessiert, das Instrument auch mit den Gesangslinien abzustimmen. Bei den letzten Platten waren die Texte noch nicht so weit fertig, dass das so detailliert möglich war. Es hat auch wirklich Spaß gemacht, mit Tonhöhen und Textbedeutungen so zu spielen, dass es aufeinander eingeht.

DvL: Gleiches gilt natürlich auch für das Schlagzeug und für Ricks Solo-Gitarre. Das kommt auch daher, dass wir auf dem Album mehr Platz haben. Bei den Live-Aufnahmen vom letzten Album sind die Basslinien auch super, aber es ist ein wahnsinniges Geschwurbsel und Gemache und ...

JM: Differenziert eben.

DvL: Das ist auch der Aufnahmetechnik geschuldet. Dieses Vierspur-Band ist sehr gesättigt, es geht sehr weit in den Bassbereich runter. Etwas, was bei heutigen Produktionen auch durch dieses MP3-Format selten wahrgenommen wird. Es war auch Ziel des Albums, diesen Bass weiter in den Vordergrund zu schieben und dafür etwas weniger von der typischen Singer/Songwriter-Gitarre von mir zu haben. Oder die durch eine Akustikgitarre zu ersetzen, die eine andere Körperlichkeit hat.

So sind wir etwas weggekommen von diesen rockigen, sehr von meiner rechten Hand geprägten, durchgescrummten Gitarrensounds, hin zu etwas, was luftiger, offener ist, psychedelischer. Wo man mehr mit anderen Instrumenten arbeiten und damit auch mal eine durchgeschlagene Rhythmusgitarre ersetzen kann. Auch der Gesang bekommt dadurch viel mehr Platz und steht freier. Das sind alles Prinzipien und Ideen, die man aus den frühen Beatles- oder Beach Boys-Produktionen raushören kann. Damals haben die Produzenten sozusagen aus der Not eine Tugend gemacht, was diesen Aufnahmen immer noch diesen unverwechselbaren Charakter verleiht.

Das Schöne daran ist, dass es nicht rückbezüglich ist, dass es nicht nostalgisch ist. Es ist ja keine Garagen-Rock-Platte oder eine 60s-Platte. Darum ging's uns nicht. So eine Retro-Anmutung oder Patina wird ja heutzutage oft künstlich hergestellt, also den Sachen mittels digitaler Technik verliehen. Bei uns war es umgekehrt: Wir hatten das Gefühl, dass der Sound dieser Geräte super zeitgemäß klingt. Das ist toll daran.

Weil du gerade das Phänomen MP3 erwähnt hast: Neulich bin ich auf eine Karikatur gestoßen, in der der moderne Produktionsprozess von Musik dargestellt wird. Es gibt ganz teure und leistungsstarke Geräte für die Aufnahme, das Mixen und das Mastern und am Ende kommt alles als MP3 für 99 Cent beim Konsumenten an, der das dann über die Mini-Kopfhörer seines Mobiltelefons hört.

DvL: What can you do? Das scheint der Weg zu sein, wie die Leute heutzutage Musik konsumieren möchten.

Gut, aber ist das aus eurer Sicht nicht etwas schade? Immerhin habt ihr ja viel Mühe aufgebracht, Feinheiten herauszuarbeiten, die im Endeffekt von vielen gar nicht wahrgenommen werden.

DvL: Ach, das klingt auch autoritär und ein bisschen spießig. Der Impuls, den Rockmusik geben kann, sollte doch unabhängig vom Abspielgerät sein. Ich hatte als Teenager auch epiphanieartige Erlebnisse mit David Bowie-Platten und nur einen Kofferplattenspieler, worüber ich sonst Kinderhörspielplatten gehört habe. Das war sicher auch nicht so im Sinne der Aufnahme. (lacht)

JM: Das ist auch die Kunst: Dass die Musik überall funktioniert, und wenn man sie in guter Qualität wahrnehmen will, es auch diese Möglichkeit gibt. Aber ja, mir tut's manchmal schon weh – da klinge ich jetzt wie ein alter Mann – wenn ich Jugendliche sehe, die mit ihren blechernen Handylautsprechern Musik hören. Es ist dennoch interessant, dass die Musik für die Leute ja funktioniert. Das klingt natürlich irgendwann scheußlich, aber ...

DvL: Viel Musik ist natürlich auch darauf hinproduziert.

JM: Und das macht die Sache interessant. Dass es da wieder eine Rückkopplung gibt.

DvL: Ein eigenes Genre fast.

JM: Nicht nur ein eigenes Genre, sondern dass die Musikproduktion sich darauf einstellt. Und dem verweigern wir uns schon, weil unsere Platte natürlich überhaupt nicht für MP3 optimiert ist. Das geht von der Aufnahme und dem Songwriting bis hin zum Mastering. Das ist ja auch so eine Sache: Es gibt ja heute einen Lautstärkekampf. Alles ist darauf ausgelegt, dass es möglichst laut ist und wer am lautesten wahrnehmbar ist, der ist am ehesten wahrnehmbar. Das machen wir ganz bewusst anders.

Mal zum Design der Platte: Jan, die Worte "Wie wir leben wollen" auf dem Cover stammen aus Briefen einer Frau, die Du während Deines Zivildienstes betreut hast, mit der Du eine Brieffreundschaft geführt hast und die 1994 verstorben ist. Warum hast Du gerade ihre Handschrift verwendet?

JM: Der erste dieser Briefe ist schon im Magazin eines Freundes veröffentlicht worden. Parallel dazu hatte ich mit der Band abgesprochen, daraus das Design des Albums zu gestalten. Es erschien einfach sehr passend, weil diese Schrift im besten Sinne sehr lebendig ist und sowohl inhaltlich in den Briefen als auch vom Schriftbild her viele Gefühle, mit denen sich Rock- oder Popbands befassen, von Wut über Verzweiflung bis hin zu Liebe in diesem Schriftbild erkennbar sind. Computerschrift oder normale, gesetzte Schrift hat doch etwas sehr Formatiertes und diese Schrift überhaupt nicht, weil jeder Buchstabe sein eigenes Gefühl hat.

DvL: Sie ist auch sehr roh und das passt einfach auch schön zu den Inhalten des Albums.

JM: Und so haben wir das ganze Design des Albums gehalten. Es ist nicht auf Hochglanz gedruckt, wovon wir ja sonst immer Fans waren: Rohe Inhalte zu nehmen und die auf polierte Materialien zu ziehen. Zum Beispiel haben wir ja bei der "Sag alles ab"-Single auch eine Schmierschrift mit Bleistift verwendet und dann hochkopiert, aber auf Hochglanz. Diesmal wollten wir einen anderen Weg gehen, mit Papier und Pappe, was eine gewisse Rohheit wiederspiegelt.

"Die Smiths sind das Paradebeispiel einer extrem referenziellen Band"


Kaum ein Text oder Interview über und mit euch, kommt ohne Verweise auf Zitate in euren Texten oder der Musik aus. Darauf angesprochen, reagiert ihr dann mal erstaunt nach dem Motto "Hoppla, das ist uns gar nicht aufgefallen", mit "Sehen wir so nicht" oder ihr sagt: "Ja genau, das ist so gewollt".

JM: Im Idealfall, ja.

Aber wie entsteht so etwas? Lasse ich einen Song wie "Die Revolte ist in mir" ganz bewusst mit den Worten beginnen "Erfolgreiche Freunde, Geißel der Menschheit", weil ich weiß, dass sich dann viele an Morrissey erinnert fühlen? Oder schleicht sich das einfach so unbemerkt rein?

DvL: Zum Großteil schleicht sich das so ein. Manche Sachen werden aber bewusst zitiert, weil man Fan von etwas ist und man das irgendwie featuren will: Das ist toll, hört es, lest es oder schaut es euch an. Jetzt fallen mir natürlich wieder keine Beispiele ein, das ist echt so: Blackout. Andere Sachen passieren unbewusst. Und wieder manche Dinge, auf die uns andere Leute stoßen, hat man gar nicht gewusst. Da kommt man auch nicht drauf.

Aber diese Debatte um Referenzialität von Popmusik finde ich ehrlich gesagt ein bisschen überflüssig oder doppelt gemoppelt. Popmusik ist ein extrem referenzielles Genre, einfach weil man bei fast jeder Rock- oder Popband irgendwelche Verweise findet. Manche Bands benennen sich nach Büchern, nach Filmen, geschichtlichen Ereignissen oder was auch immer. Es ist dem Genre einfach immanent, dass es referenziell ist und zwar schon seit Elvis-Zeiten. Das als Thema zu benutzen, finde ich deshalb immer nur so mittel erregend.

Und zu Morrissey: Allein schon die Band The Smiths. Ihre Cover verweisen auf Filme von Paul Morrissey, Morrissey hat sich selbst nach ihm benannt. Es gibt unzählige Literaturzitate bei den Smiths, Plattencover aus Jean Cocteau-Filmen und so weiter und so fort. Die Smiths sind das Paradebeispiel einer extrem referenziellen Band. Wir sind da beileibe kein Einzelfall.

Nein, sicherlich nicht. Mir ging es nur um die Frage, wie so etwas entsteht und wie ihr das als Mittel einsetzt.

JM: Also es gibt alle drei Möglichkeiten, denke ich mal.

DvL: Was natürlich noch dazukommt: Musikalisch, und das ist auch kein Geheimnis, wenn man das ausplaudert, sind nun wirklich alle möglichen Akkord-Progressionen und Harmoniewechsel in der Rockmusik irgendwo schonmal gemacht worden. Also so viele Möglichkeiten gibts da auch nicht mehr. Deshalb bietet es sich an, dass man zitiert und variiert. In der klassischen Musik ist es ja bis hin zur Zwölftonmusik ziemlich ähnlich gelaufen.

Im Interview mit dem Rolling Stone hast Du gesagt: Pop der berühre, sei dezidiert nichts Autoritäres, keine Vorschrift. Den Satz musste ich mir gleich anstreichen, denn auf mich hatten die Slogans und Aufforderungen, die sich ja zuhauf auf euren früheren Platten finden, auch oft vorschriftenhaft gewirkt, und damit einhergehend auch ein Stück weit autoritär. Oder täusche ich mich da?

DvL: Ja (lacht). Du meinst Sätze wie "Sag alles ab" oder "Stürmt das Schloss" und so ...

JM: Imperative!

DvL: Genau. Also wenn, dann sind das Imperative oder Appelle oder vielleicht Propaganda. Ja, es hat etwas propagandistisches. Das sind Formen, die uns Spaß machen und die sich meist auch mit den etwas lauteren und schnelleren Stücken verbinden lassen. Gleichwohl scheint es mir schwer möglich, eine Aufforderung wie "Sag alles ab" als autoritär zu verstehen, weil es natürlich ein Paradoxon ist: Eine autoritär vorgebrachte Aufforderung dazu, nichts zu tun, ist ungewöhnlich. Meiner Meinung nach speist sich daraus vielleicht auch der Witz der Sache.

Was bei uns nicht unterschätzt werden sollte: Wir sind nie ironisch oder so. Das würde ja bedeuten, dass man etwas sagt, aber etwas anderes damit meint. Das sind wir nicht. Aber wir neigen zur Übertreibung. Es sind bewusst oft Gags oder meinetwegen Albernheiten, die uns inspirieren. Mir würde es im Herzen wehtun, wenn das jemand als autoritär empfinden würde, weil es an sich schon jegliche Autorität unterläuft.

Nun gut, in jedem Fall ist es etwas, was ich aus eurem neuen Album nicht heraushöre. Vielmehr beinhaltet der Titelsong "Wie wir leben wollen" einen klaren Verweis auf das Angebothafte dieser Platte. Es sei keine Erzählung, nur ein Protokoll schließend in einen Vorschlag: "Wir können davon lernen, wie wir leben wollen." Mal ganz naiv gefragt: Wer ist denn dieses "wir"? Seid ihr das, oder alle?

DvL: Och, das erinnert mich ein bisschen an die Parodie des "Wort zum Sonntag" von Otto Waalkes: Wer ist wir? Was sind wir? Wir alle? Oder sind wir gar vier? Also ... (lacht)

JM: Jeder, der sich angesprochen fühlt, kann das sein.

DvL: Genau. Das ist ein bisschen so die Art, wie man selber über Texte nicht reden kann, weil man das vielleicht auch ...

JM: Gar nicht so bewusst, so intentiös verfasst.

DvL: Ja, und die Art darüber zu kommunizieren, erinnert mich merklich an literaturwissenschaftliche Seminare, wo Studenten zusammensitzen und über ihre Gefühle bei den Texten reden. Das ist etwas, mit dem ich wahnsinnig schlecht etwas anfangen kann. Wer sind wir? I don't know.

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