laut.de-Kritik

Halb Frank Ocean, halb Lil Uzi Vert.

Review von

Chicago blüht. In keiner anderen Stadt Amerikas geben sich momentan so viele faszinierende alternative Hip Hop-Acts die Klinke in die Hand wie in der Stadt der Winde. Und selbst in diesem Umfeld, in einer Woche, in der wie Chance The Rappers "The Big Day" und Lil Durks "Lovesongs To The Streets 2" release, sticht Tobi Lou noch einmal heraus. Der Halb-Sänger/Halb-Rapper kultivierte bereits auf seiner ersten EP einen einzigartig heimeligen Sound zwischen Hip Hop und R'n'B. Sein Debütalbum verfeinert dieses Konzept mit einem der selbstbewussten, quirligsten, aber auch weichsten und queersten Projekte des Jahres, irgendwo zwischen Frank Ocean und Lil Uzi Vert.

Bereits die Leadsingle "Waterboy" präsentiert Tobi charakterstark und sympathisch. "They wanna see me in a casket / Can't kill me – I'm a bad bitch", sagt er da auf einem nostaglisch warmen Trap-Instrumental. Über 22 Nummern von "Live On Ice" rappt er mit der Sorglosigkeit und Selbstsicherheit eines Profi-Eiskunstläufers. Wer diesen Sport – oder zumindest Yuri On Ice – je gesehen hat, kennt die selbstverständliche Eleganz, mit der die Athleten sich aufs Eis begeben. Das ist der Swagger, mit dem auch Tobi Lou seine Kür auf den Instrumentals vollzieht.

Die Palette reicht von smoothen Lo-Fi-Skates wie "Berlin/Westside", auf denen er einfach ein samtig fließendes Oldschool-Instrumental mit der Präzision eines Metzgermeisters zerlegt. Es gibt aber auch verwundbare, emotionale Nummern wie "I Was Sad Last Night I'm OK Now" oder "Sometimes I Ignore You Too", die nicht nur wie ein schweigsamer, verregneter Nachmittag mit einem verständnisvollen Freund klingen – oder sanftmütige, aber doch jovial stolze Liebeslieder wie das zuckersüße "Smiling At My Phone".

Spaß macht auch, dass Tobi im Herzen offensichtlich selbst massiver Fanboy ist. Wen die liebevolle, alberne und doch irgendwie respektvolle und optimistische Interpolation von Lil Uzi Verts "Money Longer" auf "Sometimes I Ignore You Too" nicht zum Lächeln bringt, der lächelt generell nicht allzu viel. Ansonsten gibt es Respekt für alles, was nicht bei drei auf den Bäumen ist, von "Ghetto Superstar" bis "Killing Me Softly" werden etwa die Klassiker aus dem Fugees-Umfeld gesamplet.

Wenn man bedenkt, wie arglos er Elemente aus traditionellem R'n'B, Neo-Soul bis hin zu Soundcloud-Rap zu einem komplementären Wimmelbild zusammenfließen lässt, ist das äußerst beeindruckend. Die Grooves auf "The Old Nu-Nu" oder "Orange Reprise" stecken an, die melancholischen Momente auf Nummern wie "Theme Music" oder "Crying In The Club" wirken potent.

Tobi Lou debütiert mit einer wunderbaren Kür. Warmherzig und bunt wie die Cartoon-Charakter der vergangenen Szenenjahre nimmt er sich selbst nicht ernster als er muss und bleibt nicht unnötigen Männlichkeitsbildern stecken. Und dennoch zeichnet die Platte Emotionen, Stimmungen und kleine Eindrücke des modernen Lebena so präzise und lebhaft nach, dass man sich die Details seines Alltags quasi ausmalen kann. In der legeren Schwebe zwischen R'n'B, Hip Hop und Neo-Soul ist Tobi Lou vielleicht genau der Charakter, auf den man gewartet hat.

Trackliste

  1. 1. 100 Degrees
  2. 2. Waterboy
  3. 3. I Was Sad Last Night I'm OK Now
  4. 4. Sometimes I Ignore You Too
  5. 5. That Old Nu-Nu (feat. Erica René)
  6. 6. My Party
  7. 7. 8702
  8. 8. Deserve It (feat. Rocki Fresh)
  9. 9. Smiling At My Phone
  10. 10. Delete My # Baby
  11. 11. Berlin/Westside
  12. 12. Cheap Vacations (feat. Facer)
  13. 13. Looped Up (feat. VERNON)
  14. 14. Favorite Substitute (feat. Ryan Destiny)
  15. 15. Humpty Dumpty
  16. 16. Like My Mom
  17. 17. Range Reprise (feat. LEJKEYS)
  18. 18. Theme Music
  19. 19. Crying In The Club
  20. 20. Ice Cream Girl
  21. 21. 17cg

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