5. November 2012

"Ich schreibe Songs auf Hip Hop-Beats"

Interview geführt von

Platin, Gold, diverse Auszeichnungen und ein Echo - eigentlich keine schlechte Ausbeute für ein Jahr. Das ist letztlich aber alles gar nicht so wichtig. Denn was wirklich zählt, ist der Beat. Ob im Leben, in der Freundschaft oder für gute Texte - der richtige Beat macht die Musik.Ja, auch in einem Goldkehlchen wie Tim Bendzko steckt ein wenig Hip Hop. Und welcher Ort wäre besser geeignet, uns das zu erzählen, als der Jubeltag eines Vollblut-Rappers? Keiner. Eben. Im Rahmen von F.R.s 10-jährigem Rapjubiläum spricht Tim Bendzko daher mit uns über den Beat-Picker in sich, seine Freundschaft zu F.R., Haarausfall und das "eigenartige" Gefühl, berühmt zu sein.

Nachmittags im LKA in Stuttgart: Die ersten F.R.-Fans belagern schon die Straße, während sich der Star des Abends bereits zum Soundcheck die Seele aus dem Leib rappt. Tim Bendzko ist für seinen Gastauftritt schon durch und sitzt mit F.R.-Cap etwas bedripst in der Ecke. Auf dem Weg zu einem ungestörten Platz für unser Interview offenbart er uns dann auch das Problem, das sich unter dieser Cap verbirgt: "Ey, man sieht darin erstmal, wie viele Haare man schon verliert!"

Haste da ein Problem mit?

Tim Bendzko: Ja, anscheinend! Der Stress ...

Wie lief denn der Soundcheck? Alles gut?

Ja, ich muss ja nur eine Zeile achtmal singen. (grinst)

Bei eurem Feature?

Ja. Das ist natürlich total entspannt. Selbst wenn man gar keinen Sound hätte, wäre es total entspannt.

Was sagst du dazu, dass Xavas den diesjährigen Bundesvision Song Contest gewonnen haben? Würdige Nachfolger?

Na klar! Das wurde ja gerade so schwer diskutiert. Es würde so eine Veranstaltung gar nicht geben, wenn nicht so viele unterschiedliche Leute daran teilnehmen würden. Und unabhängig davon finde ich den Song gut. Dass Savas rappen und Xavier Naidoo singen kann, steht außer Frage. Dementsprechend finde ich das nicht nur gerecht, sondern auch gut. Und es wird für alle, die dahinter stehen, einen total positiven Effekt haben. So wie das für uns im letzten Jahr nicht anders war ... Die ersten zehn sind ja alle immer noch total unterwegs und haben's ja eigentlich dadurch geschafft.

Die Kombi Singer/Songwriter und Rapper scheint ganz gut zu funktionieren. Wir treffen uns ja hier nicht umsonst im Rahmen von F.R.s 10-jährigem Rap-Jubiläum. Du wirst hier später neben Curse, Damion Davis und Onkel Zwieback als Special Guest auftreten. Was hast du denn eigentlich unter all den Rappern verloren?

Das Ding ist: der Fabian, der hat ja mal mit mir zusammen gewohnt. Ich stand in Berlin kurz vor der Album-VÖ. Ich hatte einfach kein Geld mehr und musste ein Zimmer untervermieten. Das war in der Zeit, als er nach Berlin kam und das bot sich dann natürlich an. Er wusste, was ich durchmache, weil er ja Musiker ist. Witzigerweise war er zu dem Zeitpunkt der viel viel Erfolgreichere von uns beiden (lacht). Das war ganz lustig.

Ja und dann haben wir da so drei Monate miteinander gewohnt, das Album kam raus und danach war er die ganze Zeit mit uns auf Tour als Support. Weil ich ihn einfach feiere. Ich bin immer wieder fassungslos, wie man in dem Alter so Sachen schreiben kann. Ich bin einfach Fan. Und er war immer dabei, wenn er gerade in der Stadt war. Auf seinem Album hat er ein Feature mit mir und das werden wir eben heute Abend quasi darbieten.

Ihr seid immer noch gut befreundet – was schätzt du denn an ihm? Als Mensch und als Musiker ...

Das geht miteinander einher. Das kann man nicht voneinander trennen, weder in meiner noch in seiner. Er ist für sein Alter einfach extrem geradlinig und kreativ. Und das in Verbindung gibt es einfach äußerst selten. Meistens ist es entweder das eine oder das andere. Ich meine, wie alt ist er denn jetzt? 22 oder 23? In diesem Alter das 10-Jährige zu feiern (lacht) – das ist nicht nur absurd, sondern das ist etwas, wovor ich wirklich Hochachtung habe. Wann will er das alles erlebt haben, wo er doch einfach die ganze Zeit Musik macht?

Bisher gibt's nur zwei Songs von euch beiden zu hören - "Zweifellos" auf seinem Album und ein Remix von "Nur noch kurz die Welt retten". Kann man denn noch mit weiteren Kollaborationen rechnen?

Jaja, mit Sicherheit! Wir haben gerade erst ein Lied zusammen aufgenommen bzw. geschrieben. Keine Ahnung in welcher Form und ob überhaupt das jemals irgendwo erscheinen wird, aber er lebt ja jetzt in Berlin. Dementsprechend ist die Distanz relativ gering. Und die meisten meiner Songs, schreibe ich auf Hip Hop-Beats. Das hört man dann am Ende nicht mehr (lacht), aber ...

Wie bitte? Ach komm ...

Das ist beim ersten Album so gewesen und es ist auch beim zweiten Album jetzt wieder so, dass ich einfach den ganzen Tag auf Hip Hop-Beats Songs schreibe. Und da bietet sich eine Kollaboration einfach total an. Da muss man jetzt natürlich vorsichtig sein, denn Xavas gibt's ja schon (Gelächter) Da müssen wir jetzt natürlich größere Pläne über Bord werfen.

Aber das ist schon gerade live immer wieder eine sehr schöne Sache. Ich war früher nie Hip Hop affin, hab das aber bei der ein oder anderen Band live dann doch total gefeiert. Bei meinem Publikum würde man jetzt auch erstmal nicht erwarten, dass das voll die Hip Hopper sind, aber F.R. hat da bei unserer Tour unfassbar abgesahnt. Wenn das Ding einfach gut ist, dann gefällt das auch dem ein oder anderen, von dem man das jetzt nicht erwartet hätte.

"Dass 400.000 Menschen dein Album kaufen, versteht man nicht"


Im Gegensatz zu F.R., der ja quasi hineingewachsen ist in dieses ganze Musikding, hast du ja sehr lange gewartet bis du deinen Wunsch, Musik zu machen und auch davon zu leben, umgesetzt hast.

Na, das war aber schon immer ein aktives Warten. Ich hab ja schon währendessen Musik gemacht. Ich hab nur quasi gewartet, mir 'ne Plattenfirma zu suchen und jetzt unbedingt sofort das Album machen zu wollen. Aber ich hab ständig Musik gemacht und hab auch in Berlin ständig versucht, Konzerte zu spielen.

Du hast dir bereits mit elf per Autosuggestion eingetrichtert, dass du das mal machst und dass das dann auch ganz groß wird.

Ja genau!

Und du warst dir auch sicher, dass es dann groß wird – was ja schon sehr selbstbewusst ist für einen Elfjährigen, oder?

(lacht)

War das der vorpubertäre Größenwahn oder warst du da tatsächlich schon so überzeugt von deiner Musik?

Ich hab natürlich nicht mit elf gesagt, dass das total sensationell wird – das hat sich im Laufe der Zeit so entwickelt, dass ich mir das so hart eingeredet habe. So hart, dass ich mir am Ende gesagt hab: "Jetzt hast du dir das sooo krass eingeredet, jetzt muss es auch klappen – es geht eigentlich gar nicht mehr anders." Und ich hab ja jetzt zum Glück Recht behalten. Deswegen ist das natürlich relativ entspannt. Aber es gab natürlich auch den ein oder anderen Tag, an dem man das schwerwiegend angezweifelt hat, ob das jetzt so 'ne tolle Idee ist, nicht fertig zu studieren und keine fertige Ausbildung zu haben oder zu machen.

Rückwirkend hab ich alles richtig gemacht, aber es hätte natürlich auch anders laufen können. Da bist du einmal nicht zur rechten Zeit am rechten Ort und dann läuft das ganz schnell anders. Aber um noch mal auf F.R. zurückzukommen: Als ich ihn kennen gelernt habe, war das Interessante, dass er tatsächlich den komplett anderen Weg gegangen ist als ich - nämlich damit anzufangen und sofort den Weg nach draußen damit zu suchen. Das war bei mir tatsächlich nicht so. Ich dachte, ich warte mal, um das Ding einmal ganz groß zu machen und da eben nicht so reinzuwachsen. Aber ganz offensichtlich scheint beides gut zu funktionieren.

Du hast in einem Jahr mal komplett alles aus den Angeln gehoben. Deine Single "Wenn Worte meine Sprache wären" ging Gold, "Nur noch kurz die Welt retten" Platin und du hast sogar noch'n Echo abgestaubt. Wie kommst du denn jetzt damit klar? Träume sind ja oft nur so groß und toll und aufregend, solange sie sich noch nicht erfüllt haben.

Also im Bezug auf Preise ist mir das tatsächlich auch aufgefallen. In dem Moment, in dem man die bekommt, ist das total toll – juhu eine Auszeichnung! – und am nächsten Tag spielt es eigentlich schon keine Rolle mehr. Aber das Musikmachen an sich ist ja nicht so ein einmaliges Ding. Es ist nicht so, dass dein Interesse flöten geht, nachdem du ein Konzert vor tausend Leuten gespielt hast. Deshalb wollte ich Musik machen – weil es einfach immer gut ist. Ich fahre die ganze Zeit durch die Gegend und spiele an den verschiedensten Orten, hab vorgestern noch in Valencia quasi im Meer gesungen und komm heute hier als Featuremensch an – so hab ich mir das vorgestellt und das kann gerne genauso weitergehen.

Es geht letztlich ja um das Musikmachen an sich – in welcher Größe, ist dann egal. Natürlich ist es toll, dass ich soviel Musik machen kann, aber wenn das jetzt in kleineren Hallen, vor weniger Menschen und mit weniger Auszeichnungen laufen würde, wär das total egal.

Du hast mal gesagt, dass man das als Mensch eigentlich gar nicht verarbeiten kann, was da grad so alles um dich herum passiert, und du deshalb versuchst, dich einfach gar nicht damit zu beschäftigen.

Das stimmt. Es ist ja tatsächlich so: Ich darf total viel spielen und reden, was irre ist, und die ganze Zeit wird man gefragt, wie es ist, berühmt zu werden. In allen Castingshows geht es ja zum Beispiel zu 90% nur darum: Wie werde ich schnell berühmt? Aber Berühmtsein ist doch kein Beruf. Davon hat man doch nix. Das ist eine Sache, die passiert dann, aber damit kann man gar nicht umgehen. Das ist ein ganz eigenartiges Gefühl.

Das versuche ich gar nicht an mich ran zu lassen. Wenn ich vor die Türe gehe, kennt mich jetzt jeder. Natürlich bin ich bei einem Konzert wie heute vorsichtig, ob ich da vor die Tür gehe oder nicht, oder ob ich alleine nachts in den Club gehe – da denkt man dann schon zweimal drüber nach. Aber trotzdem versucht man das soweit wie möglich von sich fernzuhalten, dass man theoretisch jemand ist, den viele Menschen erkennen würden. Das würde einen sonst einfach wahnsinnig machen. Das Gefühl, dass so viele dein Album kaufen, in meinem Fall fast 400.000 Menschen, das kann man einfach nicht verstehen. Das muss man auch nicht verarbeiten, sondern man versucht, einfach zu genießen, dass man singen darf.

"Ich schreibe Texte, um Sachen loszuwerden"


Man munkelt ja, dein neues Album lässt nicht mehr lange auf sich warten. Du wolltest das Album Ende des Jahres aufnehmen - das war zumindest mal der Plan - steht der noch?

Die Aufnahmen starten morgen. Ich hab die letzten zwei Wochen geschrieben wie verrückt und heute ist quasi einer der letzten Auftritte, naja, ich begleite Peter Maffay ein bisschen in seinem Tabalugalied (lacht). Aber ansonsten werde ich ab morgen mit der Band die Songs erarbeiten, die ich geschrieben habe. Und dann schauen wir mal. Es soll nächstes Jahr irgendwann kommen - wann genau hängt davon ab, wie schnell wir da jetzt vorankommen und wie gut die Songs sind.

Gibt's schon einen Titel?

Ja es gibt natürlich schon einen, aber der ist noch geheim.

Klar. Und was können wir da musikalisch so erwarten? Wird's da Überraschungen geben? Oder wird das ein Album im Fahrwasser deines Debüts?

In Anbetracht der Tatsache, dass wir bisher noch nicht im Studio sind, weiß man's noch nicht. Wenn ich im Augenblick der Plattenfirma die Songs vorspielen würde, würden die alle sterben vor Angst (lacht), weil 90 Prozent der Songs, die gerade da sind, wirklich purer Hip Hop sind.

Nochmal: Du schreibst tatsächlich immer auf Hip Hop-Beats?

Es gibt zwei verschiedene Varianten: Entweder schreibe ich einfach auf der Gitarre, ganz alleine. Oder ich schreibe eben auf fertige Musik, die ich suche und die irgendwie grad geil klingt. Das sind dann aber vorwiegend nicht so Songwriter-Instrumentals, sondern Hip Hop-Beats. Da werde ich zum Hip Hop-Beat-Picker! (lacht).

Das ist irgendwie ganz witzig ... Das neue Album wird nicht soweit vom ersten entfernt sein, aber ich gehe mal schon davon aus, dass man da irgendeine Weiterentwicklung hören wird - falls nicht, wäre es ein bisschen schade. Aber es gibt ein paar Songs, die wir auch schon live gespielt haben, die ein bisschen in 'ne andere Richtung gehen.

Du hast aber keine Hip Hop-Produzenten mit im Boot, die am Album mitwirken und einen Tim Bendzko für Kopfnicker rausbringen?

(lacht) Das ist tatsächlich nicht unwahrscheinlich, aber das ist eine ganz andere Baustelle. Das Album, das wir jetzt machen, wird ein Tim Bendzko-Album sein, das man in Ansätzen so erwartet haben wird mit der ein oder anderen Überraschung, ob musikalisch, textlich oder featuremäßig. Es war beim ersten Album schon anstrengend, dem Produzenten zu erklären, wie das am Ende theoretisch klingen soll. Das Schöne ist: Jetzt weiß der schon, wie's klingt und daher können wir da jetzt alle ganz entspannt rangehen und kucken was passiert.

Bevor du zur Musik kamst, warst du semiprofessioneller Fussballspieler, Auktionator und hast außerdem evangelische Theologie und nicht christliche Religionen studiert, um deine Gedanken zu ordnen. Hat das denn hingehauen?

(lacht) Das ist ja quasi ein nicht enden wollender Prozess. Sonst würde ich wohl auch nicht Musik machen. Ich schreibe ja Texte, um Sachen loszuwerden. Ich hatte ca. ein halbes Jahr nichts geschrieben und jetzt in zwei Wochen zwölf Songs. Da merkt man dann schon, dass das ein oder andere verarbeitet werden möchte und vieles nicht so klar ist.

Nach eigener Aussage führst du, seit du ständig auf Tour bist, ein "Leben in Floskeln".

Das habe ich vorher aber auch schon gemacht. So kennt man mich.

Haste zum Abschluss noch ne gute für mich?

Die kommen immer nur spontan. Aber meine größte Lebensweisheit hab ich aus der Bravo: "Man lernt sich leicht, leichter fallen." Völlig aussagelos. Mein ursprünglicher Satz war: "Man hat's nicht leicht. Und leicht hat's einen." Kam dann aber anders dort an. Schon spannend, was man manchmal so über sich selbst liest.

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