laut.de-Kritik

Das ist die neue Neue Deutsche Welle.

Review von

Ist eigentlich keinem aufgefallen, dass das weltweite Disco-Revival für Deutschland eine Goldmine hätte sein sollen? Hätte nicht irgendeiner von den hiesigen Pop-Menschen sich dazu durchringen können, in den reichhaltigen Fundus von funky deutscher Musikgeschichte zu greifen, statt den dreihundertsten Track Fahrstuhlmusik in Therapeutensprache abzufassen? Nein? Also bleibt es jetzt an einem prolligen Bremer Graffiti-Dude hängen, die Retrowelle nach Deutschland zu bringen. Auch, wenn "Straßenpop" sorgfältig und analytisch mit einem ganzen Strauß an geilen Oldschool-Electro- und Hip Hop-Einflüssen spielt, ist dieses neue Tightill-Album doch vor allem eines: Eine neue Neue Deutsche Welle.

Das sieht man schon an der Single "Sexroboter"; einem fleischköpfigen, freidrehenden Spiel mit James Browns unkaputtbaren Funk-Staple. Aber auch, wenn Tightill sich über dem groovenden, mitreißendem Beat ein bisschen ins Absurde flüchtet, ist die Nummer doch erfrischend unironisch. Die Dynamik zwischen Goldy.mp3 und Tightill schafft eine angenehme Balance, sich weder als unrealistische Sexgötter zu verklären, noch sich verschämt vor dem Darstellen der eigentlichen Sexualität wegzuducken. Und auch, wenn die Lyrics zwischendurch halb nach Foyer des Arts klingen, wirken sie doch zwischen aller Albernheit tatsächlich irgendwie sexy. Dass man das noch erleben darf; ein deutscher Rapper rappt über Sex und es klingt regelrecht so, als mache Sex Spaß? Eine Weltneuheit. Konterpart Goldy.mp3 singt "ich fühl mich gut, ich fühl mich gut" und man möchte es ihr geradezu glauben.

Er ist halt einfach ein ziemlicher Charakter, dieser Tightill. Gesegnet mit der perfekt käsigen, nölenden Stimme, versetzt seine bloße auditive Anwesenheit den Hörer in eine nach Fisch-Skeletten riechende Cartoon-Seitenstraße. Der Mann klingt nach Supermarktbierfahne, Achtziger-Schnurrbart, nach Skateboard, von dem alte Punk-Sticker blättern, und hat doch irgendwie die Subtilität und Nuance, um den Songs eine gewisse Tiefe zu geben. Er wirkt im Gegensatz zu vielen Rappern, die mit möglichst wenig Denken wirken wollen, als dächten sie sehr viel, wie ein Rapper, der sehr viel darüber nachdenkt, möglichst unverkopft zu wirken.

Das macht die spaßigen, eingängigen Nummern catchy. "Kool Wie Du Weißt"? Banger. "The Drill"? Banger. "Kekse"? Verdammter Banger. Bemerkenswert ist vor allem die Bandbreite an Einflüssen, die sich im Laufe der Platte sichtbar machen. Disco, Neue Deutsche Welle und Houston-Rap klingen klar hervor, aber auch die Anfänge der elektronischen Musik, Detroit-Techno und allen voran Miami Bass strömen der Platte aus jeder Pore. Nicht nur als Konzept oder Kostüm, die Leute, die hier an den Reglern sitzen, wissen genau, was sie tun und was sich wie verträgt.

Dass dann auch noch LA-Urgestein Egyptian Lover mit einem instrumentalen Feature um die Ecke kommt, setzt dem Ganzen nur die Krone auf. "Egyptian Lover gibt mir die Cowbells auf die Ohren", rappt Tightill und macht den Überhit der Platte. Aber nicht nur der kurzweilige Spaß funktioniert, auch die persönlicheren Facetten ergeben Sinn. "Dealer" ist nicht wahnsinnig deep, aber gibt einen stimmigen Einblick in ein chaotisches, dezentrales Lebensgefühl. Kurse für Stoff auf der Straße werden verglichen, dann für vier Wochen bei dem Homie gecrasht, nur um dann auf dem Skateboard in den Sonnenuntergang zu segeln und sich wieder wie der King zu fühlen.

"Vampir" denkt laut über Alkoholismus und seine fließenden Grenzen nach, "PTBS & ADHS" gehen ungeschönt und ungefiltert mit dem Seelenleben seines Protagonisten um. Es gibt keinen Zeigefinger, nicht einmal eine klar vorformulierte Moral. Es sind einfach Beobachtungen, manchmal mahnende, manchmal aber auch Angebereien, die nach zwei Drittel der Flugkurve bemerken, dass sie nie welche gewesen sind.

Nicht, dass Tightill ein ambitionierter Storyteller wäre, aber er ist authentisch. Er spricht in seiner unverwechselbaren Lingo, verwendet seine derbe und ungefällige Delivery und zeigt scharfsinniges Gespür dafür, deutsche Sprache und Habitus in einen Rap-Kontext zu legen. Heißt natürlich nicht, dass es nicht auch ein paar Duds gibt, aber die etwas weniger effektiven "Spieler" und "Tüdelüt" wiegen die restliche Laufzeit an Killern auch nicht auf. Das ist wohl das Risiko einer klanglich so vielseitigen Platte, dass nicht jeder Sound mit jedem Hörer connecten wird.

Am Ende ist "Strassenpop" eine Erfolgsgeschichte gerade dafür, dass es so gut versteht, was es gut kann. Tightill rappt mit den Beats und ordnet sich derer größtmöglichen Effektivität unter, findet dabei aber trotzdem genug Plattform, um sich als Charakter und Performer extrem breit zu machen. Es nimmt Sounds aus der Vergangenheit und bettet sie gekonnt und subversiv in die Landschaft zwischen modernem Pop und Rap. Und so simpel viele seiner Darbietungen hier auch wirken mögen, stecken sie doch voll von Zwischentönen, die von seiner eindringlichen Auseinandersetzung mit Genre-Geschichte und Sprache an sich zeugen.

Trackliste

  1. 1. Kekse
  2. 2. Sexroboter (feat. Goldy.mp3)
  3. 3. Wohin?
  4. 4. Tüdelüt
  5. 5. Vulkan (feat. The Egyptian Lover)
  6. 6. Dealer
  7. 7. Alles
  8. 8. PTBS & ADHS
  9. 9. Plaza
  10. 10. The Drill
  11. 11. Vampir (feat. Jay Pop & Doubtboy)
  12. 12. Kool Wie Du Weisst
  13. 13. Spieler

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8 Kommentare mit 16 Antworten

  • Vor einem Monat

    Klingt wie eine eklige Mischung aus Eizi und Deichkind. Hilfe!

  • Vor einem Monat

    Das ist in machen Teilen grandios (Kekse, Dealer, Plaza), in manchen Teilen unfassbar nervig (PTBS&ADHS), punktet aber immer mit einfach geiler Attitüde. Und hat mit Rap noch so viel zu tun wie Joy Division mit Cock Sparrer.
    Irgendwie schon geil. 3/4 mit möglichem Wachstum nach oben.

    • Vor einem Monat

      Word. Bin auch seit 1,5 Tagen so gespalten wie schon lange nicht mehr von einer neueren Entdeckung und das fasziniert mich... "Kekse", "Dealer", für mich definitiv auch "Sexrobotor" sind jetzt schon Titanen deutschsprachiger Popkultur (zum Leidwesen und der gegenteiligen Ansicht eines großen Teils meines Sozialkreises), "PTBS&ADHS" ein gelungenes Beispiel für einen der stets immer noch durch Attitüde geretteten Totalausfälle...

  • Vor einem Monat

    Ich habe auch meine Zeit gebraucht, um Tightill lieben zu lernen, vor allem die Stimme ist am Anfang ein größeres Hindernis. Und jetzt auch noch diese Popsachen, Mensch!

    Es ist aber ein sehr rundes Ding geworden. Themenwahl, Performance und Delivery findet man wohl so nirgendwo anders, und hat man sich erstmal an die Stimme gewöhnt, kommen viele Sachen auch einfach besser raus. Der ein oder andere skipwürdige oder nervige Track ist zwischendrin tatsächlich dabei (Vampir, Spieler), die Highlights wiegen das aber wieder auf (Sexroboter, Wohin?, Dealer, Kool wie du weißt).