6. Januar 2009

Küche + Auto + Jazz = Größenwahn!

Interview geführt von

Der Mannheimer Nu Jazz-Trompeter Thomas Siffling empfiehlt, auch in Zeiten breitgetretener Krisen, vor lauter Bangemache das Leben nicht zu vergessen: "schließlich leben wir alle nur einmal". Seine Empfehlung, der Schwermut entschlossen entgegen zu treten, lautet "Cruisen"!Kann die Rettung der Volksgesundheit so einfach sein? Auto fahren und "Cruisen" hören? Nein! Denn wichtig ist nicht das Was, sondern das Wo und das Wie! Deshalb gibt's im Booklet Routenvorschläge statt dem üblichen zu klein gedruckten Text. Die sollen zum Nachfahren und Selber-Entdecken animieren. Übernachtungs- und Einkehr-Vorschläge inklusive - klaro. Schließlich geht es um Volkes Seele!

Spinnst du?

Zugegeben, ich weiß noch vom ersten Interview, dass Thomas Siffling ein humorvoller und redseliger Gesprächspartner ist.

Thomas Siffling (lacht): Du spielst bestimmt darauf an, dass man denken könnte, "ist der Siffling jetzt größenwahnsinnig geworden", gell. Erst mit "Kitchen Music" die super Küche. Dann bekennender Sportwagenfahrer. Dann noch dieses Cover der neuen CD. Und das Ganze als Jazz-Musiker. Aber ich kann dch beruhigen, es ist alles in bester Ordnung bei mir.

Na, dann bin ich ja beruhigt ...

Die Devise für die neue Platte heißt nur klotzen statt kleckern. Ich bin superstolz auf "Cruisen", und die ganze Idee die dahinter steckt, musste ja auch irgendwie artwork-technisch umgesetzt werden. Ganz im Ernst: ist doch geil geworden, oder? Und nebenbei: In Mannheim ist das ja Tradition und fast schon Verpflichtung, als aufstrebender Musiker Sportwagen zu fahren!

Da muss ich nachhaken …

nur zu (lacht) ... Stichwort Xavier ...

Komm verrat' uns ein bisschen mehr. Was gehört noch zum Mannheimer Kodex?

Ist natürlich nur Spaß. Aber der wohl berühmteste Sohn Mannheims, Xavier Naidoo, ist ja auch bekennender Sportwagen-Fan. Er besitzt ja auch etliche. Leider kann ich mir nur einen leisten, aber man muss ja noch Ziele und Platz nach oben haben (lacht).

Du Armer! Nur ein Sportwagen. Soll ich dir einen von meinen schenken?

(Lacht) ... ich hätte da schon noch ein paar Wünsche, was Autos angeht. Wenn du mir da behilflich sein willst, gerne! Lustigerweise ist die Geschichte eines Jazztrompeters mit Porsche sogar der Bild einen Artikel wert gewesen. Image ist eben alles!

"Image ist eben alles!"


Wenn das die Jazzpolizei hört, wirst du auf der Stelle verhaftet!

Wenn ich auf die "Jazz-Polizei" hören würde, dürfte ich wahrscheinlich vieles nicht machen! Und so spaßig das gemeint ist mit "Image ist alles". Wenn du versuchst, mit deiner Musik ein gewisses Lebensgefühl zu vermitteln, dann sind gewisse Sachen in der Presse halt nicht unbedingt schlecht (lacht). So nach dem Motto: 'Wow - schau dir den mal an. Der lässt es sich gut gehen, das sollte ich auch mal wieder machen'. Ich finde, man sollte den Leuten auch mal wieder vor Augen führen, dass es neben den vielen breitgetretenen Krisen auch noch andere Sachen gibt, und dass man vor lauter Bangemache das Leben nicht vergessen sollte. Denn schließlich leben wir alle nur einmal oder?

Da kann ich nicht widersprechen. Du hast vorhin mal etwas erwähnt von der Idee, die hinter "Cruisen" steckt. Erzählst du mir etwas darüber?

Generell sehe ich "Cruisen" als logische Weiterentwicklung von "Kitchen Music". Sowohl musikalisch als auch vom Konzept her.

In der Reihenfolge bitte.

Musikalisch gehen wir weiter den eingeschlagenen Weg der bisherigen Trio- CDs. Wir versuchen einen eingängigen, eigenständigen und anspruchsvollen Jazz zu machen. Eine Art Nu Jazz/Lounge-Jazz mit Tiefgang, ohne jedoch unsere Jazz-Wurzeln zu vernachlässigen oder gar zu verleugnen. Eine Musik auch oder gerade für Leute, die sonst vielleicht eher Berührungsängste mit Jazz haben.

Lounge-Jazz mit Tiefgang. Ist das nicht die Quadratur des Kreises?

Im Gegenteil. Wir haben so viele positive Reaktionen auf "Kitchen Music" bzw. auf unsere Live Konzerte bekommen, ("das war mal ein Jazz der mir gefallen hat", "so umgänglich", "so entspannt", "ganz unüblich", "ich wusste gar nicht, dass Jazz so schön sein kann", "so frisch und zeitgemäß" ...), dass uns schnell klar war, dass dies der für uns richtige Weg ist und wir Leute erreichen und berühren. Und das sollte ja das Ziel eines Musikers sein: Emotionen mit seiner Musik zu vermitteln.

Da widerspreche ich auch nicht. Erzähl weiter ...

Durch die gezielte Erweiterung durch Xaver Fischer am Wurlitzer und Veronika Harcsa am Gesang, wirkt die neue Platte im ersten Eindruck noch etwas umgänglicher als der Vorgänger. Das ist durchaus so gewollt, aber Sie versprüht auch jederzeit eine gewisse Ernsthaftigkeit und Melancholie, wirkt also nie oberflächlich. Es ist uns meiner Meinung nach wie beim Vorgänger sehr gut gelungen, auch nach mehrmaligem Hören nicht in die Belanglosigkeit abzudriften. Die Musik bleibt immer frisch und wirkt immer neu und nie verbraucht. Dafür haben wir ganz bewusst eher eine Pop-Attitüde beim Aufnehmen und Mischen gewählt. Vom Sound her also eher clean, gerade, stylisch und poppig.

Weiter ...

Zur Konzept-CD: Nachdem Erfolg von "Kitchen Music" war es klar, dass ich wieder ein Konzeptalbum machen wollte. Einfach auch, um wieder eine breitere Öffentlichkeit auf meine Musik aufmerksam zu machen. Die Frage war nur, welches Thema passt zu mir und zur neuen Platte?

Ich hätte da spontan eins - Sportwagen!

Genau, das dachten wir uns auch (lacht). Ich hätte jetzt gesagt: Durch meine Affinität zu Sportwagen jeglichen Alters, lag die Idee zum Thema cruisen nahe. Auch diesmal soll wieder ein gewisses Lebensgefühl vermittelt werden. Eine Art "easy going." Ein wohliges Gefühl, dass man eben hat wenn man ganz ohne Zeitdruck und ohne Sorgen entspannt vor sich hin cruist, gute Musik hört, die Landschaft genießt und sich an den schönen Dingen des Lebens erfreut. Wie lange auch immer, und wenn es nur mal für einen kurzen Augenblick ist.

Ich weiß überhaupt nicht, von was du redest.

Dann solltest du intensiv die neue Platte hören und dich mal wieder gedanklich treiben lassen. Dann bekommst du schon das richtige Feeling und weißt, wovon ich gerade rede. Derweil erzähle ich einfach weiter (lacht) ... zudem stellen wir im Booklet neun von uns ausgewählte europäische Autorouten mit Übernachtung bzw. Einkehr-Vorschlägen vor. Zwei in Deutschland, und jeweils eine in Spanien, Frankreich, Schweiz, Italien, England, Österreich und Ungarn. Diese sollen Einladen zum Nachfahren und selber Entdecken und das Ganze natürlich mit der richtigen Musik im CD-Spieler.

Ok, ich glaub, ich hab's verstanden. Wie kommst du auf die Gleichung Küche + Auto + Jazz = Größenwahn, die du anfänglich erwähntest mit "ist der Siffling jetzt größenwahnsinnig geworden"?

Na ja, schau dir die Küche und die Wohnung auf dem Cover von "Kitchen Music" an. Das sieht schon richtig gut aus. Dazu muss man halt auch wissen, dass man sich eben in Mannheim solche Wohnungen noch leisten kann. In anderen Städten wäre das unbezahlbar für mich.

Ist das deine Wohnung?

Ja, aber nur gemietet. Und dann noch wie jetzt schon hundertmal erwähnt, der Sportwagen ...

Du hast einen Sportwagen?

(Lacht). Da gibt es bestimmt viele, die denken, 'muss das denn alles so sein, und wenn ja, muss man das dann auch alles so nach außen darstellen.' Keine Ahnung, ob man das muss oder nicht! Ich lebe eben mein Leben so wie ich es für richtig halte und versuche es zu genießen. Schließlich lebt man nur einmal und es wird immer Leute geben, die dir das neiden oder nichts damit anfangen können. Für mich ist das eine Art Lebensphilosophie, und die versuche ich auch in meinen CDs zu transportieren: Lebe dein Leben und genieße es!

"Lebe dein Leben und genieße es!"


Du arbeitest mit Gesang und einem Tastenmann. War dir der Klangkörper des Trios auf Dauer doch zu eingeschränkt?

Nein absolut nicht. Gerade heute haben wir für unsere Indien-Tour geprobt und dabei auch die neuen Stücke mit Keys und Gesang im Trio erarbeitet - und es funktioniert auch im Trio absolut wunderbar. Liegt natürlich in erster Linie an meinen tollen Mitmusikern, ist doch klar ... (lacht).

Es war im Studio eher eine spontane Idee, Xaver zu fragen, ob er sich vorstellen könnte, ein paar Keyboard-Sounds unter unsere Musik zu legen. Dass es dann so wunderbar gepasst hat und die Musik in eine etwas chilligere Richtung lenkte, war so erst mal nicht geplant.

Und zu Veronika: Von ihr war ich ja seit unserem ersten Kontakt voll auf begeistert und wollte sie unbedingt auf der Platte haben. Ich bin eigentlich sehr gesangkritisch, dachte jedoch schon oft an eine Sängerin um das Konzept etwas zu erweitern. Aber es gab einfach keine, bei der ich auf Anhieb gesagt hätte 'WOW, die ist es'. Bei Veronika war es so. Um so mehr freue ich mich, dass sie bei drei Konzerten im Januar mit dabei sein wird.

Wie hast du sie kennen gelernt?

Sie wurde mir mit einer ihrer Produktionen für JAZZ'n'ARTS angeboten. Die fand ich sofort super und hätte sie auch gerne gemacht. Doch den Zuschlag hat ein japanisches Label bekommen. Die können Deals anbieten bei denen wir hier als kleines Indie-Label nicht mithalten können, da es einfach noch einen größeren Jazzmarkt in Japan gibt. Darauf hin hatten Veronika und ich aber Mail- und MySpace-Kontakt. Allerdings haben wir uns noch nie persönlich gesehen. Auch deshalb freue ich mich auf Januar.

Klaus, der eure Karriere gespannt verfolgt, sagt: In "Cruisen" ist ihm im Vergleich zum Vorgänger "zu wenig Siffling und Jazz drin". Was entgegnest du ihm?

Erst mal, wer ist Klaus? Aber natürlich hat er in gewisser Weise recht. Ich halte mich in der neuen Produktion etwas zurück, aber im Gesamtkontext der Platte hätte mehr Siffling auch keinen Platz gefunden - finde ich. Da denke ich, muss man sich halt ab und zu selber etwas weniger wichtig nehmen, des Ganzen wegen. Man darf auch nicht vergessen: Es ist keine Jazz Platte, sondern eher eine Nu Jazz/Lounge Jazz-Platte, und in diesem Genre sind eben ausgiebige solistische Ausflüge nicht üblich.

Ich werd's Klaus ausrichten. Sag', hab ich vorhin mal Indien-Tour verstanden?

Ja, ganz richtig. Wir sind auf Einladung des Goethe-Instituts vom 18. 11. 2008 bis 1. 12. 2008 auf Indien- und Sri Lanka-Tour, werden dort insgesamt sieben Konzerte geben und durch ganz Indien jetten. Wir werden in allen großen bekannten Städten auf internationalen Festivals spielen. Wir freuen uns auch schon sehr. Wird bestimmt eine ganz neue Erfahrung für uns werden. (Anm. d. Red.: Das Interview wurde Anfang November, vor der Indien-Tour, geführt.)

Lass uns in Europa bleiben und zu "Cruisen" zurück kehren. Stichwort Esbjörn Svensson!

Tragisch! Ich war absolut schockiert über seinen Tod. Es war kurz vor unserem Urlaub, und meine Frau und ich sind ja auch Taucher. Da haben natürlich alle meine Kollegen gesagt, ich soll bloß aufpassen. Aber ist ja gut gegangen. Für mich war EST immer eine Art Vorbild. Sie haben einen jungen, zeitgemäßen Jazz gespielt, der alle Altersgruppen angesprochen hat und sich dabei eigentlich gar nicht kategorisieren ließ. Ist es Jazz oder nicht? Das ist genau das, wo wir auch hinkommen wollen. Grenzen überschreiten, genreübergreifend einfach gute Musik für Jedermann (und Frau) zu machen. "In Motion" ist eine Hommage an EST, da die Basslinie der eines EST-Titels ähnelt. Dazu möchte ich sagen, dass ich "In Motion" kurz nach einem EST-Konzert komponiert habe.

Und wie kommt der Beatles "Abbey Road"-Opener "Come Together" auf das Album?

Ich hatte das mal bei einem Bassisten-Kollegen gehört und dachte sofort, das würde bestimmt auch im Trio Kontext funktionieren. Und es gibt ja - wenn man bereits von Tradition reden will - eine gewisse Tradition, da wir auch dem ersten Trio-Album "Change" ein Cover von Police ("Walkin On The Moon") hatten.

Stichwort Trio Elf!

Du spielst auf die Verbindung Drum'n'Bass und Jazz an? Der D'n'B-Groove z.B. in "Cruisen" kam eher zufällig zustande. Wir hatten ein wenig ausprobiert, was am besten zu der Nummer passen würde und dann hat es eben mit dem Besagten am besten geklappt. Sicherlich ist es aber auch wichtig, neue Grooves mal in einem "alten" Jazz-Kontext zu verwenden. Das hält das Ganze doch spannend oder?

Apropos spannend! Welche spannenden Projekte dürfen wir von Thomas Siffling in naher Zukunft erwarten?

Mein nächstes Projekt, das im März veröffentlicht werden wird, ist eine Kooperation mit dem Kevin O'Day-Ballett des Mannheimer Nationaltheaters. Wir haben mit meiner "Free From Electronic"-Band die gemeinsame Arbeit aufgenommen. Das ist frei improvisierte, elektronische Musik gepaart mit Ballet. Trompete, Gitarre und DJ ist die Besetzung. Die DVD entsteht gerade und das bisherige Material, das ich gesehen habe, ist der absolute Hammer. Ansonsten plane ich auch mal wieder eine Siffling-Platte in einem deutlich elektronischeren Kontext.

Und was fällt dir zum Stichwort "Ende des Interviews" ein!

Vielen Dank für das nette Gespräch. Ich hoffe das meine Message ankommt und viele Leute es sich gut gehen lassen - am besten natürlich mit "Cruisen" im CD-Spieler ;-)

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