12. Februar 2018

"'Beloved Antichrist' ist unser 'Jesus Christ Superstar'"

Interview geführt von

"Beloved Antichrist" ist unzweifelhaft Christofer Johnssons Opus Magnum. Geschlagene drei Stunden dauert das sechzehnte Studioalbum seiner Band Therion. Wobei die Begriffe "Album" und "Band" in Zusammenhang mit dem vorliegenden Werk nicht wirklich passen...

15 Sänger, 29 Figurenrollen, etwa 50 Seiten Lyrics, unzählige Stunden Kompositions- und Recording-Zeit – mit "Beloved Antichrist" legen Therion ein wahrhaft monumentales Werk vor. Mastermind Christofer Johnsson ist ohnehin kein schweigsamer Bursche, wenn es um seine Musik geht. Anlässlich seines bisher größten Projekts kommt er aus dem Erzählen gar nicht mehr heraus. Ob es dabei um Breitband-Internet, Studiotechnik, die Storyline seines Musicals oder Zukunftspläne für eine Theateradaption desselben geht, spielt keine Rolle. Wortschwall ab:

Hi Christofer. Du meintest im Vorfeld, klassisches Telefonieren wäre dir lieber als zu skypen, weil deine Internetverbindung sehr instabil ist. Du lebst draußen im schwedischen Nirgendwo – versuchst du ein bisschen auch, vom Internet wegzukommen?

Naja, ich hab' schon Internet, nur nicht besonders zuverlässig. Manchmal ist es drei Minuten lang total schnell, die nächsten fünf dafür extrem langsam. Aber ich brauche es sowieso in erster Linie für E-Mails. Wir haben eigentlich eine Funkantenne ganz in der Nähe, blöderweise zeigt sie aber in die falsche Richtung und da wir in einem Tal leben, gehen die Signale quasi über uns drüber. Vielleicht kriegen wir aber bald Glasfasernetz für eine Breitwandverbindung. Das wird uns hier in der Gegend etwa 5000 Euro pro Haushalt kosten.

Ich sprach das an, da der Ausgangspunkt für die Story in "Beloved Antichrist" ein Solarsturm ist, der sämtliche Elektrizität zunichte macht und somit die Gesellschaft weit zurückwirft. Kritisierst du damit die heutige Abhängigkeit der Menschen von Technologie?

Das ist sehr deutsch, zu versuchen, einen politischen Twist im Ganzen finden zu wollen, haha. Okay, es ist eigentlich auch typisch schwedisch, wenn ich ehrlich bin. Aber nein: Es soll reine Unterhaltung sein. Es gibt keinen politischen Teil, keinen religiösen Teil oder sonstwas – wir möchten einfach unterhalten. Es ist auch quasi nichts mehr wie in der Originalgeschichte (Wladimir Solowjows "Kurze Erzählung vom Antichrist", Anm. d. Red.). Vielleicht drei oder vier Szenen und drei Figuren entsprechen noch dem Buch. Im Grunde ist es unsere eigene Story – inspiriert vom Buch. Den Solarsturm bauten wir ein, um auf das technologische Level des 19. Jahrhunderts zu kommen. Ich mag keine Opern mit moderner Kriegsführung. Krieg ist zwar nie ruhmreich, aber wenn du es ein bisschen so aussehen lassen möchtest, funktioniert das besser mit Schwertkämpfen à la "Braveheart" als mit Bildern vom Irakkrieg, wo amerikanische Soldaten Kinder wegbomben. Deshalb zielten wir auf den Technologiestand ab, den zum Beispiel Richard Wagner hatte. Diese Romantik-Epoche der Oper hat es uns angetan. Wobei es auch nicht zu primitiv sein sollte. Reiche haben in unserer Welt Elektrizität, es gibt die Dampfmaschine und so weiter. Es herrscht ein bisschen Steampunk-Flair, da stehe ich drauf.

Anfangs hatten wir auch noch einige geopolitische Passagen drin, die wir später aber rausnahmen. Solowjow erwähnt zum Beispiel die USA kurz im Buch, vor allem ging es aber um China und Japan – Länder die immer stärker wurden, aber nicht christlich waren und deshalb als große Bedrohung für die christliche Welt angesehen wurden. Afrika dagegen hat niemand als Bedrohung angesehen – dort gabs nur von Europa kontrollierte Kolonien und niemand machte Anstalten, sich auszubreiten. Wir hatten bereits einige Szenen für eine große Schlacht zwischen Ost und West relativ zu Beginn der Geschichte verfasst, entschieden dann aber, uns lieber nicht auf diesen Boden zu begeben. Wahrscheinlich wäre es auch nur schwer im Theater umsetzbar gewesen. In einem Film wäre sowas wohl besser aufgehoben. Und wir hatten ohnehin schon über vier Stunden Musik. Damit uns das nicht aus dem Ruder lief, mussten wir eine Menge Szenen rausschneiden. Du kannst einfach kein verdammtes Vierstunden-Ding veröffentlichen. Schließlich habe ich es auf drei Stunden und vier Minuten runtergebrochen. Aufgenommen haben wir dreieinhalb Stunden. Eine halbe Stunde unveröffentlichtes Material liegt also noch herum und eine weitere halbe Stunde ist fertig komponiert, aber nicht recordet.

Planst du, das Extramaterial zu einem späteren Zeitpunkt zu veröffentlichen?

Irgendwann, ja. In ein paar Jahren vielleicht. Momentan habe ich zu viele andere Dinge um die Ohren. Es hängt natürlich auch von den Reaktionen ab. Wenn "Beloved Antichrist" ein großer Erfolg wird, wird man Druck auf mich aufbauen, das zu veröffentlichen. Wenn der Erfolg aber ausbleibt, eilt das überhaupt nicht. In der Hinsicht sieht es momentan aber echt gut aus. Dass du eine "10 von 10 Punkte"-Review in einem großen Magazin bekommst, passiert selten. Sowas hat fast Klassiker-Potenzial – à la "Operation: Mindcrime". Wir bekamen bereits einige Male 10 von 10 Punkte! Deshalb bin ich guter Dinge. Wie es schlussendlich ausgeht, kann man daran zwar nicht festmachen. Magazine sind wichtig, trotzdem kann es sein, dass die Leute eine ganz andere Meinung vertreten. Ein gutes Beispiel: Metal Forces gab Celtic Frosts "Into The Pandemonium" 0 von 100 Punkten – letztendlich entpuppte sich das Ding als Meilenstein. Wir freuen uns wahnsinnig über die medialen Reaktionen, möchten uns aber unseres Sieges lieber noch nicht zu gewiss sein.

Völlig unabhängig von den Ratings steht außer Frage, dass du mit "Beloved Antichrist" etwas geschaffen hast, das es vorher noch nicht gab und damit einzigartig ist. Wer hat denn bitte schonmal eine dreistündige Metal-Oper als Album veröffentlicht?

Schon, aber wenn es eine schlechte Rock-Oper wäre, würdest du natürlich auch schlechte Bewertungen kriegen. Es ist sogar schwieriger in diesem Bereich zehn Punkte zu kriegen. Immerhin musst du Musik schreiben, die drei Stunden lang spannend bleibt. Wenn ich eine Review über so etwas schreiben müsste, wäre ich wohl sehr kritisch. Denn warum zum Teufel muss es so lang sein? Nimm doch einfach die besten Songs und mach' ein Album draus.

Ich möchte noch was zum Begriff "Rock-Oper" sagen. Es ist meine Schuld, dass wir es jetzt so bezeichnen, denn ich habe das der Plattenfirma so verkauft und die hat es als solche vermarktet. Später stellte ich dann fest, dass die Terminologie eigentlich irreführend ist. Denn eine "Rock-Oper" ist ein Album mit einer Storyline. "Beloved Antchrist" ist allerdings etwas anderes. Besser passt finde ich: "Rock/Metal-Musical mit Operngesang". Es ist gewissermaßen die Therion-Version von "Jesus Christ Superstar". Niemand käme auf die Idee, "Jesus Christ Superstar" als "Album" zu bezeichnen. Es ist ein Rock-Musical, das auch auf CD erhältlich ist. Genauso verhält es sich mit "Beloved Antichrist". "Beloved Antichrist" ist ein theatralisches Bühnenstück. Die Platte ist nur eine Alternativversion.

Der Unterschied zu "Jesus Christ Superstar" ist, dass wir es quasi umgekehrt angegangen sind: Erst erscheint die CD, die Live-Performance folgt erst später. Das ist so, als würdest du erst den Soundtrack und dann den Film veröffentlichen. Wir mussten das aus wirtschaftlichen Gründen so handhaben. Denn um einen Musical-Promoter an die Angel zu bekommen, müssen wir ihm die Musik vorlegen. Partituren werden sie vermutlich nicht durchlesen, also müssen wir es aufnehmen. Dafür muss natürlich jemand bezahlen. 100.000 Euro kommen dabei locker zusammen. Ich hab das nicht mal eben in der Tasche. Also brauchst du eine Plattenfirma, die dafür aufkommt. Damit sie das macht, muss natürlich am Ende ein Verkaufsprodukt entstehen. Unser Label (Nuclear Blast, Anm. d. Red.) ist das beste der Welt, aber freilich betreiben sie dort auch keine Wohlfahrt. Sie müssen schließlich ebenfalls Rechnungen bezahlen und das Unternehmen am Leben halten. Also veröffentlichen wir "Beloved Antichrist" jetzt zunächst als Album und versuchen anschließend, es auf die Bühne zu bekommen.

"Bei Musicals schert sich niemand um Originale"

Hast du mal darüber nachgedacht, "Beloved Antichrist" unabhängig von Therion umzusetzen und vielleicht einfach die Storyline einer Opernperson/Opernmusikern vorzulegen und zu versuchen, einen Fuß in die Tür zu bekommen?

Ja, um ehrlich zu sein, sehe ich "Beloved Antichrist" als mein persönliches Projekt, für dessen Realisierung ich Therion benutzte. Ich empfinde es keineswegs als notwendig, Therion da mit hineinzuziehen. Unsere Fans fänden es natürlich cool, ein paar Special Shows zu bekommen. Aber wenn du genauer über alles nachdenkst, merkst du: Die Band ist tatsächlich ein Problem für das Bühnenwerk. "Jesus Christ Superstar" ist dabei wieder ein gutes Beispiel: Wenn wir ins Theater gehen, um uns dieses Stück anzuschauen, hocken wir da nicht und sagen: "Oh, guck dir mal den Bassist an!" Dich interessiert auch nicht, ob der Schlagzeuger die ganze Zeit 4/4-Takt spielt. Du achtest auf die Sänger – sie sind die Schauspieler, sie tragen die Story. Eine Band stünde dabei nur im Weg. Deshalb gibt es Orchestergräben. Du musst das ganze Projekt also in großen Venues mit Orchestergraben umsetzen. Das wird natürlich sehr teuer und du bist darauf angewiesen, viele Zuschauer anzuziehen. Wahrscheinlich würde das schon für einige Special Shows hinhauen. Aber ich würde es gerne als Franchise aufziehen, nach dem Vorbild anderer Musicals. Vielleicht auch mit Playback-Musik, wobei nur die Sänger live performen. So kannst du es auf verschieden große Venues anpassen.

Selbst so wird es noch eine unfassbar teure und komplizierte Produktion. Du bräuchtest einen Tag, um alles aufzubauen, einen, um alles abzubauen und einen weiteren für den Transport. Um das finanziell zu rechtfertigen, musst du drei bis vier Shows pro Woche und Stadt spielen. Wir brauchen also Musical-Mainstream-Publikum – das gleiche Publikum, das sich auch "Rock Of Ages", "Phantom der Oper" oder "Jesus Christ Superstar" angucken würde. Diese Leute wissen aber freilich nicht, wer Therion ist. Und es ist ihnen auch herzlich egal, wer Therion ist. Wenn sich jemand "Jesus Christ Superstar" angucken möchte, fragt er nicht: "Wo ist Ian Gillan? Ich habe eine Platte von 1974 und er singt darauf." Bei einem Musical schert sich niemand um die Originale. Es zählt einzig, ob es gut inszeniert ist und ob die Schauspieler gut sind. Dann werden die Leute glücklich damit sein. Sicher werden einige sagen: "Oh, es stammt von einer Band – Therion." Aber die meisten wird das nicht kümmern. Es ist wie bei einem Film: Niemanden interessiert, wer der Regisseur war.

Stimmt, die Schauspieler stehen mehr im Fokus. Leonardo DiCaprio auf dem Poster wird mehr Leute ziehen als sein Regisseur.

Beim Musical geht es bei den Schauspielern auch nicht wirklich um Namen. In der Regel weißt du ja gar nicht, wer dort gerade singt. Du guckst dir einfach etwas an.

Von einer Kollegin habe ich gehört, du überlegst, ein Crowdfunding für die Realisierung der Bühnenshow zu organisieren.

Ich kann mir mehrere Szenarien vorstellen. Durch unseren Sänger Thomas Vikström (in "Beloved Antichrist" Darsteller der Hauptrolle Seth Thanos, Anm. d. Red.) haben wir ein paar Kontakte. Er hat viele Musicals in Spanien absolviert, unter anderem ein Queen-Musical, ein ABBA-Musical, "History Of Rock", in Schweden hat er zwei Saisons lang "Rock Of Ages" performt. Vielleicht finden wir einen Musical-Promoter, der "Beloved Antichrist" als seine nächste Produktion aufzieht. Er hätte das Geld, das Personal, die Routine, die Organisation. Wir müssten uns um nichts mehr Sorgen machen. Das wäre fantastisch. Sollte das nicht klappen, werde ich es selbst in Angriff nehmen müssen. Das ist nicht so einfach, wie es klingt. Denn um ehrlich zu sein, habe ich absolut keine Ahnung, wie man ein Theaterstück auf die Bühne bringt. Ich weiß, wie man eine Rockshow zusammenbaut, aber nicht, wie man Theater oder Musical macht.

Nehmen wir als Beispiel mal die Sänger: Wir haben 29 Rollen, die auf dem Album von 15 Sängern übernommen werden. Das sind 15 Leute, die essen müssen, die irgendwo schlafen müssen, die sich vor und nach der Show irgendwo aufhalten können müssen. Sie brauchen Make-Up, wir müssen Klamotten für sie designen und schneidern lassen, sie müssen transportiert und natürlich bezahlt werden. Allein die Sänger erfordern gigantische Logistik und Budgets! Obendrauf kommt dann noch all das andere Zeug. Mir ist auch klar, dass ich vieles noch gar nicht auf dem Schirm habe. Ich werde also umfassende Recherche betreiben müssen – auch, um das Geld zu bekommen. Denn die erste Frage potentieller Financiers wird sein: "Wie viel Geld brauchst du wofür?" Ich habe keine Ahnung, was sowas kostet, ich habe momentan nur eine Vision und Vorstellung davon, wie es auf der Bühne aussehen soll. Du machst schließlich auch keinen Film durch bloßes Denken. Soll aus einer Geschichte ein Film werden, steckt eine Menge Arbeit dahinter. Theater ist dahingehend sogar noch aufwendiger, denn viele Parts der Story erfordern auf der Bühne kreative technische Lösungen.

Ich brauche also Profis an meiner Seite. Auf mich allein gestellt würde wahrscheinlich allein die Recherche schon ein halbes Jahr Zeit verschlingen. Wir werden sehen. Entweder wir finden einen Investor oder – wenn das nicht klappt und wir es auf die komplizierte Weise machen müssen – es wird auf Crowdfunding hinauslaufen. Aber ideal wäre eben, wenn ich es aus der Hand geben könnte, Profis übernehmen und ich tauche dann mit einem Glas Wein bei der Premiere auf, haha.

"Allein das Editieren dauerte mehrere Wochen"

Hast du manchmal Angst, dieses Megaprojekt könnte dich ruinieren?

Ehrlich gesagt war schon die Produktion ein totaler Albtraum. Wir nahmen dreieinhalb Stunden Musik auf – das wäre genug Material für vier Alben! Und meine erste Reaktion danach war keineswegs enthusiastisch. Es war eher: "Endlich ist dieser Albtraum vorbei. Wir haben überlebt." Ich gebe dir ein Beispiel: Normalerweise nimmst du Schlagzeug für zehn Songs auf. Danach hast du ziemlich satt, Schlagzeug zu hören. Wir haben Schlagzeug für über 50 Szenen aufgenommen! Kannst du dir vorstellen, wie satt du es danach hast? Dann verpisst sich der Drummer und der Bassist kommt rein – ich bleibe aber freilich da. Und dann exerzieren wir dasselbe nochmal mit den Bassspuren durch...

Für die Gitarren hatte ich schließlich gleichzeitig die beste und schlechteste Idee meines ganzen Lebens. Ich wollte Overdubs im Stil der 80er machen. Nimm zum Beispiel "Balls To The Wall": Diesen Sound wirst du niemals mit nur einer Gitarre und Amp hinbekommen, dafür musst du mehrere Spuren übereinander legen. Normalerweise hast du zwei Gitarren, vielleicht vier Gitarren. In der Technik, die ich benutzt habe, schraubst du die Distortion auf ein Minimum herunter – eine einzelne Gitarre klingt also scheiße. Aber wenn du das dann mindestens sechzehn Mal doppelst, klingt es wie eine normale Gitarre, nur wesentlich klarer. Das macht es viel einfacher, Platz dafür in der Produktion zu schaffen. Denn bei solch aufwendigen Sachen wie Therion, wo so viel passiert, kommt immer das Problem auf, dass du plötzlich bestimmte Instrumente nicht mehr richtig hörst – sagen wir zum Beispiel die Gitarren. Drehst du die aber lauter, hörst du stattdessen vielleicht das Orchester nicht mehr. Also drehst du das Orchester rauf, das dann wiederum das Schlagzeug verdeckt. So machst du immer weiter, wirst aber nie ein Level finden, mit dem du total zufrieden bist. Wenn aber alles weniger Platz braucht, ist das Zusammensetzen wesentlich einfacher.

Das ist wie puzzlen. Eine saubere Gitarre bringst du sehr viel leichter unter als eine mit jeder Menge Dreck. Also wählte ich oben angesprochene Technik. Das Problem dabei allerdings ist, dass du die Parts dann viel öfter einspielen musst. Wir wollten drei Amps benutzen, splitteten die Gitarre also in insgesamt 18 Overdubs. Jede Gitarrenspur, die du auf dem Album hörst, sind also tatsächlich 18 eingespielte Gitarren. Leider ist es keineswegs so, dass 18-mal Einspielen genügt, um die 18 finalen Takes zu bekommen. Du probierst mehrere Takes aus, behältst die guten und sortierst dann unter diesen aus. Ab und zu hatten wir dann eben 50, 60 Takes pro Riff, aus denen wir dann 18 herausfilterten. Jetzt stell dir mal vor, wie lang es dauert, dreieinhalb Stunden Musik 50- bis 60-mal zu spielen... Ich bat den Bassisten, bei den Gitarrenparts zu helfen, sonst hätten wir das niemals hinbekommen. Aber egal, wer gerade aufgenommen hat ich war natürlich als Ingenieur vor Ort.

Wenn die anderen Musiker völlig erschöpft nach Hause gehen konnten, war ich derjenige, der weitermachte. Jetzt ist der Gesang an der Reihe! 15 Sänger! Für jeden einzelnen brauchst du ein neues Setup und Soundchecks. Dann machst du erstmal eine halbe Stunde Takes, um in die richtige Stimmung zu kommen, bevor es richtig losgehen kann. Daran schloss sich wiederum das Editieren an. Denn je nachdem, was dir in welchem Take am besten gefällt, kannst du sie natürlich ineinander schneiden und crossfaden. Allein diese Nachbearbeitung des Gesangs nahm zehn volle Arbeitstage in Anspruch – ein Arbeitstag sind bei mir mindestens zwölf Stunden. Für die Gitarren gilt natürlich dasselbe. Im Endeffekt habe ich mehrere Wochen nur mit Editieren zugebracht. Orchestrierung und Mix habe ich noch nicht einmal angesprochen... Ich glaube nicht, dass ich irgendjemandem verständlich machen kann, wie viel Arbeit das alles war. Ich nahm quasi vier Alben gleichzeitig auf. Stell dir vor, du hättest zwölf Kinder – das kommt vielleicht in etwa ran, hahaha.

Wie lange dauerte es eigentlich das alles zu komponieren? Die ersten Entwürfe – damals noch rein klassischer Natur – entstanden ja soweit ich weiß bereits in den frühen 2000ern. Um 2010 herum hast du dann glaube ich richtig mit dem angefangen, was nun als "Beloved Antichrist" vorliegt oder?

2012 entschied ich, dass mein ursprüngliches Vorhaben einer klassischen Oper gescheitert war. Ich begann, da,s was ich bereits geschrieben hatte – einige der Highlights –, umzuarrangieren. 2013 fingen wir schließlich damit an, neues Material zu komponieren.

Im Frühjahr geht ihr auf Tour, spielt allerdings normalgroße Konzertclubs. Für allzu große Produktion wird also kein Platz sein. Planst du überhaupt, Material von "Beloved Antichrist“ vorzutragen?

Ja, am 1. Februar gehts los. Wir spielen 63 Shows in Europa, dann fahren wir kurz nach Hause zum Sockenwaschen, bevor es für 20 weitere Konzerte nach Südamerika geht. Und ja, wir werden einige neue Songs spielen. Auf Tour werden wir "Beloved Antichrist" wie ein reguläres Album behandeln. Denn sind wir ehrlich: Das Gros der Fans will keine verdammte Rock-Oper, sondern einfach ein neues Album. Ein richtiges Studioalbum haben wir seit 2010 ("Sitra Ahra", Anm. d. Red.) nicht mehr veröffentlicht. Es wird wohl einfach Zeit, wieder eine Platte rauszubringen und damit zu touren. Geben wir also zunächst mal den Fans, was sie wollen: Neue Songs, alte Klassiker, ein paar seltene Perlen, die wir teils noch nie live gespielt haben. Wir möchten jede Tour einzigartig gestalten und etwas machen, was wir vorher noch nicht gemacht haben oder wenigstens nicht mehr seit sehr langer Zeit. Wenn das alles erledigt ist, gucken wir mal, wie es mit der Theaterversion aussieht. Wie gesagt: Bei dieser kann es gut sein, dass Therion nicht einmal mitwirken.

Wärst du "Beloved Antichrist" angegangen, hättest du vorher gewusst, wie viel Arbeit es im Endeffekt in Anspruch nehmen würde?

Haha, das ist der falsche Zeitpunkt für diese Frage. Frag mich bitte später nochmal, wenn ich weiß, ob "Beloved Antichrist" ein Erfolg wurde oder nicht! Wenn ich zwischen lauter Goldenen Schallplatten sitze und mir eine Villa in der Schweiz geleistet habe, sage ich bestimmt: "Na klar würde ich das nochmal machen!" Aber wenn es sich schlecht verkauft und mir alle an den Kopf werfen: "Warum zur Hölle hast du all diese Songs für diese beschissene Oper verschwendet?!", werde ich das wahrscheinlich eher nicht sagen, hahaha.

Grundsätzlich aber bereue nicht gern. Auch wenn es vielleicht manchmal nicht ganz so läuft, wie ich es mir ursprünglich vorgestellt habe, wertschätze ich doch die Erfahrung. Wahrscheinlich wäre ich es also so oder so angegangen. Wir haben Touren durch die USA organisiert, bei denen ich jeweils 10.000 Euro verloren habe und wir wie Scheiße behandelt wurden. Ich hasse das Land wirklich. Trotzdem bereue ich die Touren nicht, weil sie eine Erfahrung waren. Ich unternehme gerne Neues. Ich bin stolz darauf, das hier erreicht zu haben – auch wenn ich vielleicht nichts verkaufe. Aber momentan deutet alles auf einen Erfolg hin. Die Nuclear Blast konnte die Erstpressungen bereits im Vorverkauf ausverkaufen. Sie waren so schnell weg, dass ich sogar Probleme bekam, Exemplare für die Konzerte parat zu haben. Und die Reviews bisher sind fantastisch. Ich glaube nicht an einen Flop. Es wird okay oder besser laufen.

Dann bleibt mir nichts anderes mehr zu sagen übrig als: Viel Glück und hoffentlich sehen wir das Ding eines Tages auf einer Opern- oder Musicalbühne!

Das wirst du! Wenn das nicht passiert, wird es für mich persönlich ein Fehlschlag epischen Ausmaßes gewesen sein. Deswegen kann ich dir versichern: Es wird passieren. Und sei es im Zweifel nur für eine einzige Special Show irgendwo auf diesem Planeten.

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1 Kommentar

  • Vor 3 Monaten

    Anmerkung: Auch "Jesus Christ Superstar" wurde zuerst auf Tonträger veröffentlicht (1970, mit ian Gillan), ehe sich jemand fand, der das Risiko für eine Bühnenfassung übernehmen wollte (1971 Uraufführung). Kommt im Musical-Sektor häufiger vor, insofern ist der gute Herr Johnsson in bester Gesellschaft.
    Gruß
    Skywise