laut.de-Kritik

Etwas zu viel von allem, um als echtes Meisterwerk zu gelten.

Review von

Drei Jahre nach dem umstrittenen Gothic Kabbalah setzt Christofer Johnsson seine thematisch recht unübersichtliche Quadrologie fort. Mal wieder soll das große Tier die Herzen der symphonischen Metalfans entern. So geht es munter weiter mit trendy Hobbykabbalistik und allerlei Hindu/Kelten-Mythologie im Gepäck. Also alles beim Alten und doch gleichzeitig zumindest ein wenig neu.

"Sitra Ahra" heißt das neue Opus des Schweden. Der hebräische Begriff (Die andere Seite) bezeichnet die Gesamtheit alles Verderbten in einer unheilig übernatürlichen Kraft; das bösartig verdrehte Spiegelbild zur göttlichen Macht. Rein musikalisch gesehen verfehlt der Stockholmer leider beide Pole. Der evil Spirit von "Ho Drakon Ho Megas" oder "Lepaca Kliffoth" ist ja schon seit längerem versiegt. So richtig göttlich klingt diese Platte auch nach häufigem Genuss nicht. Johnsson gibt vielmehr den in konzeptioneller Schönheit sterbenden Schwan. Etwas zu viel von allem, um als echtes Meisterwerk zu gelten.

Viel Gutes darf man dennoch erwarten. Seinen ganz eigenen Mikrokosmos, den Chormetal, hat der Skandinavier längst perfektioniert. Sein großes Plus ist die Rolle, die er dem klassischen Ensemble zuweist. Der Chor verkommt an keiner Stelle zur klebrigen Klassiksoße wie bei vielen Kollegen. Er ist federführender Dialogpartner des Sängers, der Gitarre und tragendes Fundament jedes Songs. Die tollen Tracks "Sitra Ahra" und "Hellequin" unterstreichen dies nachdrücklich.

Die Leadvocals des 2009 aufgesammelten Sängers Thomas Vikström hingegen überzeugen nicht immer auf ganzer Linie. Oldschool Doomfans kennen ihn sicherlich noch von seinem 1992/93er Candlemass Gastspiel her. Schon damals scheiterte der Sohn der schwedischen Opernlegende Sven Erik Vikström am atmosphärischen Mangel seines Gesangs. Hier passt er zwar besser in das bunte Klangbild, dennoch geht er mit seinem eher beschränkten Volumen neben den Klassikvokalisten komplett unter wie eine havarierte Kogge. Verwunderlich, warum der Perfektionist Johnsson solch einen groben Kontrast durchgehen lässt.

Solcherlei unfreiwilliges Licht- und Schattenspiel bieten auch die qualitativ sehr unterschiedlichen Kompositionen. Das amüsant jüdisch angehauchte "The Shells Are Open" verliert sich am Ende selbst in seinem Streben, unbedingt ein Klassikdiamant sein zu wollen. "Unguentum Sabbati" bedient sich allzu deutlich bei Lloyd Webbers Phantom der Oper-Schmonzette. Einen solchen musikalischen Harakiri haben Therion wirklich nicht nötig. Und das zehn minütige Kernstück "Land Of Canaan" ruiniert seine eigentlich spannende Progrock-Natur mit einem Übermaß selbstverliebter Schnörkel. Von der Neil Young-Harp über mittelalterlichen Folk, und Walzer bis hin zu Barockelementen erstickt der Song an seinem eigenen Schmuck wie ein überdekorierter amerikanischer Weihnachtsbaum.

Doch es geht zum Glück auch anders. "Kings Of Edom" vermeidet genau diese Fehler und folgt stringent dem eigens ausgelegten würdevollen Songfaden. Auch die gälische Heldensage "Cu Chulain" gerät mit der leicht wagnerianischen Manowar-Note ("The Crown And The Ring") zum metallischen Spektakel. Das finale "After The Inquisition: Children Of The Stone" versöhnt als Hymne mit spacigen 70er-Untertönen vollends.

Der gute Christofer Johnsson bleibt also weiterhin ein überbordend kreatives Füllhorn. Das Gute: Er bringt in einem Song mitunter mehr Ideen unter, wie Kollegen à la Nightwish oder Tarja in ihrer gesamten Diskographie. Das Schlechte: Eben genau diese Tendenz zum Überladen. "Sitra Ahra" ist am ende wie Sanssouci. Für den Moment schön anzusehen; aber wer will schon dauerhaft darin wohnen?

Trackliste

  1. 1. Sitra Ahra
  2. 2. Kings Of Edom
  3. 3. Unguentum Sabbati
  4. 4. Land Of Canaan
  5. 5. Hellequin
  6. 6. 2012
  7. 7. Cu Chulain
  8. 8. Kali Yoga III
  9. 9. The Shells Are Open
  10. 10. Din
  11. 11. After The Inquisition: Children Of The Stone

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6 Kommentare

  • Vor 10 Jahren

    Ulf, ich bin immer wieder erstaunt, über dein Hintergrundwissen zu bestimmten Gebieten. Allerdings kann ich diesem Machwerk musikalisch sowas von gar nichts abgewinnen. Für mich werden Therion mehr und mehr zu pseudo-intellektuellem Firlefanz. Boring as fuck ...

  • Vor 10 Jahren

    Mann, Mann, wieder so ein verkopfter Eso-Unfug. Langsam kann man bei Therion einfach den Deckel draufmachen. Die kommen nicht mehr wieder. Schade...weil sie mal wirklich gut waren.

  • Vor 10 Jahren

    Word! Spätestens seit den Doppelalben "entwickeln" die sich aus reinem Selbstzweck. Secret Of The Runes und v.a. Theli fand ich aber gut. Heute hat die Band einen langen, langen Baaaaaaaaaaaaaart. Wenn man das mal so ausdrücken will.

  • Vor 10 Jahren

    ein als/wie-fehler von kubanke! das gibt's ja gar nicht. mindestens der weltraumfrieden ist nun in gefahr.

    ich würde mir auch die therion von "theli" zurückwünschen, aber das wird wohl nichts mehr.

  • Vor 10 Jahren

    ich finde einfach, dass der chor hier um lägen spannender eingesetzt wird als zb bei den zu unrecht hochgelobten corvus corax werken oder sonstigem klassikmetal reißbrett gedengel.

    das haben meiner ansicht nach in deutschland nur noch haggard so gut drauf, wenn auch in anderem kontext.

    wenn man sich mal von der idee befreit, das therion album unbedingt als metal wahrnehmen zu wollen (was zugegeben schwierig ist nach den frühen gleien sachen), geht das ohnehin viel besser ins ohr. ich gestehe aber auch meine zeitweilige anfälligkeit für handwerrklich gut gemachtes pathos.

    ....und als kabaalistischer diskussionspartner hat der chris sicherlich auch mehr drauf, als madonna. das ist ja auch was.

  • Vor 10 Jahren

    Therion machen noch immer einen guten Job, so gut es die Besetzung eben zulässt. Der Weg vom Durchschnitt zur Oberklasse wäre ja nicht besonders weit, aber ich denke der Song "Kings of Edom" beschreibt das Album indrekt ganz gut... hätte man einfach bei 4:30 (so in etwa) aufgehört wärs n brauchbarer Rocksong, so ist es ein elendslanges Stück geworden. Von dem, was die Herren Vikström und Shaw da so gesanglich verbrechen will ich mal nicht reden...

    Mit so viel Glitter wird jede noch so schöne Frau nur Bordsteinschwalbe. Mehr Rock, nur n bisschen auf den ganzen Prunk scheißen und ein ordentlicher Sänger (bin bekennender Fan von Mats Leven) und ich denke, der gute Christofer könnte wieder ein neues Meisterwerk vollbringen...

    Übrigens ist wohl in Christian Niemann auch ein genialer Songwriter verloren gegangen, wenn man u.A. Son of the Sun anhört.