laut.de-Kritik

Auf den Spuren von "Troublegum".

Review von

Mit Therapy? ist es ein wenig wie mit Godot. Man wartet so lange, bis höchstens der Arzt kommt, aber seit 20 Jahren kein einziges gutes Album von den Nordiren. Spätestens die beiden letzten Werke "Crooked Timber" und "A Brief Crack Of Light" taugten höchstens noch zur eigenen Grablegung. Doch Totgesagte leben bekanntlich länger. Mit "Disquiet" ist endlich Besserung in Sichtweite. Therapy? machen wieder Spaß und klingen nach sich selbst. Wurde verdammt Zeit!

Seit ihrer großartigen Trilogie "Nurse" (fetter Industrial-Rock), "Troublegum" (ewiger Meilenstein) und "Infernal Love" (große Pop-Geste) bietet "Disquiet" erstmals wieder echten Wiedererkennungswert. Dabei folgt Andy Cairns stilistisch deutlich jenem Pfad, den er mit "Troublegum" so erfolgreich einschlug. Label und Band bezeichnen dieses 14. Studioalbum mithin gern als "Sequel".

Auf den Spuren von "Troublegum" holen sich Therapy? als Produzenten Tom Dalgety (Royal Blood/Band of Skulls). Der macht seine Sache durchaus ordentlich. Besonders in den härteren Momenten fehlt jedoch der mitunter der allerletzte Tropfen Nitroglyzerin zur totalen Bombe. Verglichen mit der Weltklasse-Produktion Chris Sheldons (neben "Troublegum etwa auch das grandiose Mission-Album "Carved In Sand") ist das Klangbild von "Disquiet" eher befriedigend als brillant.

Dafür ist Andy Cairns wieder deutlich besser bei Stimme als zuletzt. Die aggressive Frische des zornigen jungen Belfasters anno 1994 kann er 20 Jahre später zwar nicht mehr ganz so intensiv bringen. Doch wo ihm das Quäntchen Wucht vergangener Tage fehlt, springen ihm vor allem Schlagzeuger Neil Cooper und die selbst gespielte Gitarre zur Seite.

Im Ergebnis klingen die Vocals hier mitunter nachdenklicher als damals. "The world is fucked / And so am I" war gestern. Heute schüttelt Cairns lieber den Kopf, als einfach alles platt zu machen. Besonders schön nach zu hören im emotionalen Refrain von "Helpless Still Lost".

Die elf Lieder überzeugen endlich wieder mit alten Stärken. Die Verbindung knackiger Melodien mit punkigen Metal-Eruptionen kommt als echtes Entertainment an. Lang gab es nicht mehr so schicke Therapy?-Klopper wie etwa "Torment Sorrow Misery Strife", Insecurity" oder "Still Hurts". Alle Freunde von "Knifes" und co sollten zum Einstieg vor allem in diese drei Anspieltipps reinhören.

Mein persönlicher Favorit ist das Endstück "Deathstimate". Schabend mäandernder Sandpapierrock trifft Melancholie und Verzweiflung in Cairns Gesang. Verglichen mit den typischeren Tracks ist dieser finstere Song für ihre Verhältnisse fast schon Doom. Ein schickes Experiment, das sie gern wiederholen können.

Auch ohne große Ewigkeits-Hooks à la "Die Laughing" überzeugt "Disquiet" insgesamt mit Charme und Ideen. So gelingt Therapy? endlich genau jenes echte Comeback, an das man kaum noch glauben mochte.

Trackliste

  1. 1. Still Hurts
  2. 2. Tides
  3. 3. Good News Is No News
  4. 4. Fall Behind
  5. 5. Idiot Cousin
  6. 6. Helpless Still Lost
  7. 7. Insecurity
  8. 8. Vulgar Display Of Powder
  9. 9. Words Fail Me
  10. 10. Torment Sorrow Misery Strife
  11. 11. Deathstimate

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5 Kommentare mit 9 Antworten

  • Vor 4 Jahren

    Jetzt hab ich Bock bekommen, Troublegum mal wieder auszupacken. Vielleicht hör ich ja auch mal in das neue Material rein.

  • Vor 4 Jahren

    Da kommt der Ulf mit einem Beckett um die Ecke und der Speedi ist Feuer und Flamme. :P Um das Geschriebene sofort wieder etwas zu kritisieren natürlich.
    Gerade weil Therapy nicht so Bretthart klingen und mit letzter Konsequenz ihre Instrumente vergewaltigen, klingt das nun vorgelegte Album doch eine Spur besser als alles zwischen der Triologie und dem Jetzt so und so. Irgendwie Erwachsen geworden bzw. wer sucht findet auch, IMMER. Bitte Ulf tu dir Dookie von Green Day und dann American Idiot nacheinander in deinen Player, mach die Augen zu und stell dir Therapy? diesen und den nächsten Konzertsommer vor mit dem aktuellen Material in eine entsprechende Show verpackt. Na was siehst du?

    Gruß Speedi

  • Vor 4 Jahren

    Zu behaupten, Therapy? hätten seit 20 Jahren kein gutes Album gemacht, ist ja wohl eine Frechheit!
    "Semi-Detached" (1998) war kein Überflieger aber ein gutes Album.
    "Shameless" (2001) zeigte durchaus catchy Melodien, nachdem die Band mit "Suicide pact - you first" (1999) den Hörer eher auf die Probe stellten.
    "High Anxiety" (2003) und "Never apologise never explain" (2004) waren auch durchaus gute bis sehr gute Alben mit Songs, nach denen sich man andere Band die Finger lecken würde!
    Das Problem ist, dass die Band immer wieder an "Troublegum" gemessen wird und das wird den übrigen Alben der Band einfach nicht gerecht!
    Wenn man aber die Band - wie ich - mit "Babyteeth" (1991) und "Pleasure death" (1992) kennen und lieben gelernt hat, sieht man "Troublegum" und vor allem "Infernal Love" eher als (äußerst erfolgreiche) Experimente an.
    Therapy? sind keine Pop-Rock-Band und waren das auch nie.
    Ich bin froh, dass die Band lange Zeit kein "Troublegum 2.0" geliefert hat und stattdessen lieber das gemacht hat, was jeweils authentisch war. Genau DAS macht die Band so interessant!

    • Vor 4 Jahren

      Dieser Kommentar wurde vor 4 Jahren durch den Autor entfernt.

    • Vor 4 Jahren

      bitte genau lesen:
      in der rezi steht nicht, dass ein troublegum II erwartet wurde. sondern die souveränität der trilogie nurse/trouble/infernal in ihrer bandbreite nicht erreicht wurde.
      nicht umsonst haben die letzten (im text erwähnten) platten weder fans noch (laut)kritiker hinter dem ofen hervor geholt. ;)

    • Vor 4 Jahren

      Wenn jemand sagt, dass Crooked Timber scheiße war, lügt er.

    • Vor 4 Jahren

      Die laut.de-Kritiker sind nicht der Nabel der Welt und wie kommst Du zu der Behauptung, dass die erwähnten Platten keinen Fan hinterm Ofen hervor geholt hätten? Hast Du da fundierte (Verkaufs-)zahlen oder ist das nur Deine ganz persönliche Mutmaßung... ;)
      Wie gesagt, das Problem der Band ist die Erwartungshaltung seit "Troublegum". Wobei das eher ein Problem der "Fans" ist... die Band selbst macht das, was ihr just in dem Moment richtig erscheint und das macht sie sympathisch.
      Natürlich ist da nicht jeder einzelne Song eine Perle aber auch bei "Nurse"/"Troublegum"/"Infernal love" gibt es Füllstücke und wenn Du Dir alle Scheiben nach "Infernal love" bis zu "Disquiet" mal noch mal anhörst, wirst Du feststellen, dass es da eine sehr große Bandbreite gibt! Nicht unbedingt mit dem Hitpotential wie anno 1994, das stimmt wohl... aber dennoch mit richtig guten Songs. Man muss sich eben mal darauf einlassen. :)

    • Vor 4 Jahren

      Troublegum war geil; zum Glück haben Therapy? den Mut gehabt, rumzuexperimentieren und dabei an alle angrenzenden Musikgenres anzuecken; dabei haben sie sich musikalisch und inhaltlich weiterentwickelt, anders als die Leute, die immernoch auf das 2. Troublegum warten!

  • Vor 4 Jahren

    Habe Therapy? diesen März live in Köln gesehen; die Jungs waren super drauf, das Konzert eine Freude. Das neue Album (ich habe fast alle Alben) gibt mal wieder richtig Gas und überzeugen mit Tempo, Härte, Melodien und - typisch Therapy? - immer an den richtigen Stellen mit Disharmonieen, damit es nicht zu kuschelig wird und wir alle daran erinnert werden, dass es bei dem ganzen Wahnsinn um uns rum es eben dieser "Therapy?" bedarf ;-)! Die sind nach all den Jahren immernoch fit, kreativ und geben mit ihren treibenden, unruhigen, meldodiösen Songs einen geilen Sounttrack zu unserer oft so kranken Welt! Thumbs up, danke und Weiter so!

  • Vor 3 Jahren

    Hab eben durch Zufall diese Scheibe gehört, weil ich mich in letzter Zeit weniger mit Therapy befasst hab und bin absolut positiv überrascht! Für mich ist das auch kein Troublegum 2.0-Album, weil die Stimmung hier völlig anders ist. Und ich finde es eher ermüdend, wenn immer nur der Vergleich mit Troublegum gezogen wird. Wer das tut, hat wahrscheinlich bisher nur 1 Album von Therapy gehört: Troublegum. Und wenn dann noch direkt Songs von Disquiet mit Songs von Troublegum verglichen werden, hört`s auf. Das ist wie mit Pantera. Von denen wurde jedes Album verrissen, wenn es nicht nach "Vulgar Display of Power" klang. Echt ätzend! Disquiet ist ein richtig geiles Album mit einigen Ohrwürmern und es ist Disquiet und nix anderes!

    • Vor 3 Jahren

      die band selbst hat exakt diese platte bewusst damit verglichen und ins verhältnis gesetzt. insofern ist das hier anders, legitim und keine verlegenheitslösung.

    • Vor 3 Jahren

      Ok, kannst du mir vielleicht den Artikel zeigen, in dem sie die beiden Alben vergleichen? Danke vorab! Generell aber ist das immer und überall zu sehen, dass eine Band an einem speziellen Album gemessen wird und alles andere danach verrissen wird. Wobei Leute, die diese Rezensionen schreiben, selbst nicht unbedingt Ahnung von der Musiksparte haben, sondern selbst nur gerade mal reingehört haben weil es gerade hip war! Und diese Leute schreiben dann Berichte, mit denen man sich im Prinzip den Allerwertesten abwischen kann.