laut.de-Kritik

Mit bittersüßer Traurigkeit in den Mainstream.

Review von

Zu Beginn seiner Karriere galt The Weeknd als Phantom. Lediglich seine Musik bekam man zu hören. Fotos, Hintergrundgeschichten oder Interviews? Fehlanzeige. Als brandheißer Geheimtipp kursierten einzig seine Lieder durch die Blogs. Mittlerweile befindet sich der Kanadier auf dem Zenit seines Erfolgs. Sein Beitrag zum Soundtrack von "Fifty Shades Of Grey" besitzt inzwischen mehrfachen Platinstatus, und selbst die Provinzradiosender in Deutschland spielen den aktuellen Hit "Can't Feel My Face" rauf und runter.

Sein Weg vom Internet-Mysterium zum gefeierten Superstar spielt auf The Weeknds neuem Album "Beauty Behind The Madness" eine entscheidende Rolle. Die geheimnisvolle Aura, die den R'n'B-Sänger auf seinen drei Debüt-Mixtapes noch umhüllte, legt er hier weitgehend ab. Abel Tesfaye erzählt von den schönen Seiten und den Tücken des großen Erfolgs und nimmt seine Rolle im Rampenlicht an, wie er auf dem Kanye West produzierten "Tell Your Friends" mitteilt: "Used to hate attention, now I pull up in that wagon."

Mit diesem Eingeständnis geht ein Schritt in Richtung Mainstream einher. Der klassische atmosphärische The Weeknd-Sound bleibt zwar durchaus erhalten. Hierzu gesellen sich aber poppigere Nummern, die den rauchigen und oftmals sperrigen Klang, den man von Abel gewohnt ist, auf der Strecke lassen. So entpuppen sich beispielsweise "Can't Feel My Face" und "In The Night" als tanzbare Songs, die mit schnellen Beats und eingängigen Refrains leicht ins Ohr gehen. Doch auch hier drückt The Weeknd den Nummern mit seiner einzigartigen Stimme seinen eigenen Stempel auf.

Das Stimmwunder aus Toronto setzt auf "Beauty Behind The Madness" sein Organ perfekt ein. Besonders in den hohen Tonlagen überzeugt er hierbei dermaßen, dass sich immer wieder einen Vergleich mit Michael Jackson aufdrängt. Doch Abels Gesangsstil hat seine ganz eigene Farbe und überrascht an vielen Stellen mit Variation und Steigerung. Oft singt sich The Weeknd reduziert und monoton durch eine Strophe, nur um dann im Refrain seine Kopfstimme ganz zu entfalten. So kreiert der Sänger auf "The Hills" nicht nur eine extrem stylische Hook. Er baut mit dem Bruch zwischen den bedrückenden Strophen und dem strotzenden Refrain auch eine mitreißende Stimmung auf.

Die dichte Atmosphäre lullt einen immer wieder ein und gibt Einblicke in die Gefühlswelt von The Weeknd. Hier wüten Widersprüche: Der Erfolg hat Sonnen- und Schattenseiten. Leichte Mädchen und falsche Freunde findet der Sänger zur Genüge. Doch die Fähigkeit, die wahre Liebe zu finden, scheint ihm abhanden gekommen. "Mama called me destructive / Said it'd ruin me one day / Cause every woman that loved me / I seemed to push them away." Der Kanadier hält die Distanz zu seinen Mitmenschen aufrecht wie einen Schild, zeigt sich gleichzeitig aber verletzlich und emotional.

Die widersprüchlichen Schwankungen zwischen Entfremdung und Nahbarkeit bilden sich musikalisch ebenfalls ab: Die instrumentale Untermalung beginnt oftmals subtil und breitet sich dann gemeinsam mit der Stimme des Interpreten zur opulenten Gefühlsentfaltung aus. "Shameless" kommt in der ersten Hälfte mit feinen Gitarren und Streichern im Hintergrund daher und stellt Abels Stimme in den Vordergrund, statt vollständig mit ihr zu verschmelzen. Beat und Sänger geben sich stets gegenseitig Raum, bis sie in der zweiten Hälfte wieder vereint in ein kohärentes Klangbild übergehen.

Bei der Wahl der Gastbeiträge bewies The Weeknd Fingerspitzengefühl und lud sich mit Ed Sheeran und Lana Del Rey zwei ähnlich fähige Stimmakrobaten auf sein Album. "Dark Times" mit dem britischen Rotschopf ist eine düstere Soul-Nummer. Die beiden Künstler breiten auf einem ruhigen Gitarrenriff Depression und Verwundbarkeit gleichermaßen aus und harmonieren dabei überraschend gut miteinander. Auch Frau Del Rey geht in der unterkühlten Einsamkeitserklärung "Prisoners" voll auf.

Jedoch macht sich immer wieder der kleine Schritt Richtung Popmusik bemerkbar. So tummeln sich beispielsweise einfache Liebessongs, wie "As You Are" auf der Platte. Diese geraten sowohl textlich und musikalisch leichter zugänglich, wirken deswegen aber wesentlich blasser und einförmiger. Die bildhafte und gerne auch vulgäre Sprache The Weeknds, die seine Geschichten aus dem Schlafzimmer wie auch sein Seelenleben greifbar wiedergibt, ist zwar stets vorhanden, aber doch merklich zurückgeschraubt.

The Weeknd ist nicht mehr das Phantom, das 2011 die Blogosphäre zum Jauchzen brachte. Die verrauchte, geheimnisvolle Aura, die sich im instrumentalen Klangbild des Kanadiers wiederfand, ist verflogen. Die eigenwilligen, prunkvollen Produktionen und Abels Fähigkeit, seinen emotionalen Tiefgang in allen Facetten darzustellen, sind zwar durchaus noch vorhanden, doch reduziert. Insgesamt wirkt alles etwas glatter und angepasster. Kommerzieller, eben. Unumstößlich geblieben aber ist The Weeknds großartiger Gesang, der einen die bittersüße Schönheit der Traurigkeit immer wieder spüren lässt.

Trackliste

  1. 1. Real Life
  2. 2. Losers
  3. 3. Tell Your Friends
  4. 4. Often
  5. 5. The Hills
  6. 6. Acquainted
  7. 7. Can't Feel My Face
  8. 8. Shameless
  9. 9. Earned It (Fifty Shades Of Grey)
  10. 10. In The Night
  11. 11. As You Are
  12. 12. Dark Times
  13. 13. Prisoner
  14. 14. Angel

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5 Kommentare mit 3 Antworten

  • Vor 3 Jahren

    Interessante Review, der ich sehr zustimme. The Weeknd ist einfach in den Mainstream angekommen. Jedoch gibt es für mich Highlights, welche für mich hervorstechen, vor allem der großartige Song 'The Hills', mit dem amharischen Outro oder 'Often'. Lieder wie 'Losers' trüben jedoch die Stimmung des Albums. 4 Songs weniger würden dem Album gut tun. 3 von 5 sind gerechtfertigt.

  • Vor 3 Jahren

    "The Hills" ist absolut großartig.
    Klar geht der ganze Sound stark in Richtung Mainstream, aber The Weeknd war schon immer ein ganz wunderbarer Neger. ;)

  • Vor 3 Jahren

    Was war noch mal schlecht am Mainstream? Hmm, warte, gar nichts. Anwärter auf das Album des Jahres. Mind 4 poppige Jacko-Punkte

  • Vor 3 Jahren

    "Can't Feel My Face" ist ne gute Popnummer. Aber ansonsten hat das gar nichts mehr mit dem alten The Weeknd zu tun. Jo, er bewegt sich Richtung Mainstream, aber anstatt das für sich zu nutzen, klingt das meiste einfach nur noch austauschbar und sein Gesang ist an vielen Stellen nur noch anstrengend und total over the top. Nähert sich qualitativ also leider eher Ne-Yo als Michael Jackson an. Größte Enttäuschung des Jahres, und umso schöner dass jetzt alle Aufmerksamkeit erst mal auf Miley gerichtet ist und The Weeknd dabei bisschen untergeht - absolut gerechtfertig.

    2/5

  • Vor 3 Jahren

    Und nach dem ganzen Selbstgehype und diesem durchschnittlichen Album kann er seinen Traum, der nächste Jacko zu werden, gleich wieder vergessen. Ich wette dass in paar Jahren keine mehr über ihn redet. Er ist kein schlechter Musiker, er hat schon was drauf, aber der verbaut sich mit seiner Selbstüberschätzung leider total seine Karriere. Man muss großen Worten und auch große Taten, die für sich stehen, folgen lassen - siehe zb Kanye West.