22. November 2004

"Dies ist definitiv unsere letzte Tour!"

Interview geführt von

Während die versammelten Kollegen Barth, Britsch, Schuh und Straub mit reichlich Bier gegen das tropische Klima in Freiburg ankämpften, ließ sich Toy Dolls-Sänger Olga nichts anmerken. 90 Minuten lang turnte er zu Klassikern wie "She Goes To Finos" oder "Dig That Groove Baby" über die Bühne, spielte kopfüber "Amazing Grace" und zeigte selbst zu fortgeschrittener Stunde beim Interview keinerlei Ermüdungserscheinungen.

Hi Olga, das ist die erste Toy Dolls-Tour seit Jahren und das Publikum war heute fantastisch. Wie hast du den Abend auf der Bühne erlebt?

Oh, es war top. Das beste Publikum, das wir bis jetzt auf der Tour hatten, war in Prag vor drei Wochen. Es war unglaublich dort. Sie haben jede einzelne Silbe der Songs mitgesungen. Unglaublich! Aber auch heute war es ein toller Abend (grinst zustimmend). Das Publikum in Deutschland ist uns seit Jahren sehr treu. Wir wollten mit dieser Tournee einfach nochmal zurück kommen und "danke" sagen für all die schönen Jahre, die wir mit unseren Fans verbracht haben. Ich kann es immer noch nicht glauben, dass von den 34 Konzerten, die wir auf dieser Tour spielen, ungefähr 30 ausverkauft sind.

Ich war auch total überrascht, als ich heute Nachmittag auf eurer Homepage gesehen habe, dass beinahe alle Konzerte lange im Voraus ausverkauft waren. Wie erklärst du dir diesen umwerfenden Erfolg?

Ich glaube das Fernsehprogramm ist heutzutage einfach zu schlecht. (lacht)

Ihr habt einen sehr dicht gedrängten Tourplan. Heute ist glaube ich euer siebter oder achter Gig in Folge ohne freien Tag ...

Nein, heute ist sogar unser elfter Gig ohne Pause. Aber wir haben morgen glücklicherweise einen Tag frei. Das ist eine Einstellungssache bei uns. Wenn man nur einen Gig spielt und dann wieder frei hat, kommt man einfach nicht richtig rein. Ich habe mit den Dickies schon 20 Gigs am Stück gespielt und das ging auch. Man muss sich nur im Kopf darauf einstellen. Ich denke schon, dass es ein Limit gibt. 50 Gigs ist wohl absurd viel. Zehn oder zwölf gehen schon, auch wenn meine Stimme mich jetzt langsam verlässt.

Wo nimmst du die Energie her, zehn Shows am Stück zu spielen? Du springst ja wie ein Wilder auf der Bühne rum. Das schüttelt man doch nicht so einfach aus dem Ärmel.

Darüber muss man sich vorher klarwerden. Wenn man dann nach dem zehnten Gig einen Durchhänger hat, muss man sich selbst aufbauen, einmal tief Luft holen und sich sagen: diese Leute haben vor Wochen ihre Konzertkarten gekauft. Sie haben gewartet, um dich zu sehen. Obwohl man müde ist oder erkältet, muss man immer 100% geben.

Bereitest du dich mit einem speziellen Fitnessprogramm auf eine Tournee vor?

Ich lebe in London und vor einer Tour gehe ich im Regents Park immer laufen. Dort gibt es eine Tartanbahn. Auf der laufe ich ein paar Mal im Kreis, mache Push-Ups, drücke meine fünf Kilo Hanteln hundert Mal in die Höhe. Das mache ich jeden Morgen. Man muss schon in einer gewissen Form sein, um eine Tour gut durchstehen zu können. Und natürlich proben wir jede Menge. Würden wir das nicht machen, dann wäre nach einem Gig bereits Schluss. Heute abend war es verdammt heiß im Club. Das geht nicht ohne Training. Es war unglaublich.

Das Training schlägt auf alle Fälle gut an bei dir. Ich habe dich vor zehn Jahren schon mal live gesehen und du warst wirklich sehr dünn. Jetzt hast du etwas an Gewicht zugelegt ...

Das stimmt (freut sich). Ich habe tatsächlich ein paar Kilo mehr. Ich weiß auch woran das liegt: ich lebe mit meiner Freundin zusammen. Sie kommt aus Japan und kocht mir immer all das leckere japanische Essen. Ich esse jeden Tag bis zum Umfallen. Damals, das war einfach vollkommen lächerlich. Ich war viel zu dünn. Jetzt fühle ich mich viel besser, dank ihr.

Lass uns ein wenig über euer neues Album sprechen. Es ist gerade erschienen, aber ihr habt nicht viele Songs davon gespielt ...

Ja, es war nur ein Song dabei. Es ist eben sehr schwierig eine Setlist zusammenzustellen, wenn man das letzte Mal auf Tour geht. Man kann nicht fünf oder sechs Songs von der neuen Platte spielen, weil die Leute sich dann fragen: Warum spielen sie nicht dies, warum spielen sie nicht das? Also haben wir nur den besten Song des Albums ausgewählt und noch einige richtig alte Stücke, die wir noch niemals zuvor live gespielt haben. Wir dachten einfach, dass ein solches Vorgehen am besten ist für unsere letzte Tour.

Wir werden die Toy Dolls also nicht mehr auf Tour sehen dürfen?

Doch, wir kommen im März nochmal für einige Konzerte zurück. Das ist die zweite Hälfte der Tournee. Wir starten im Februar in Spanien, machen kurz in Deutschland Station, fahren weiter nach Frankreich und Holland.

Warum spielt ihr keine Konzerte in England? Seid ihr da nicht so populär?

Wir haben seit 13 Jahren keine Gigs mehr in England gespielt. Wir haben kein Interesse daran dort zu spielen, weil sich dort niemand für uns interessiert. Am Anfang hat uns das angekotzt, weil wir dort leben. Es ist einfach traurig, da keine Fans zu haben.

Normalerweise haben die Bands in ihren Heimatorten eine treue Gefolgschaft, auf die sie vertrauen können.

Das haben wir nicht. Wir können im Hollywood Palladium zwei Nächte am Stück vor ausverkauftem Haus spielen, und wenn wir zurück nach Leeds kommen, warten höchstens fünf Leute vor der Konzerthalle, die uns sehen wollen. Das ist alles. Wir haben uns in der Zwischenzeit daran gewöhnt, aber anfangs war es sehr hart. Irgendwie verrückt. Ich habe ein Jahr in Japan gelebt, wo wir vor Tausenden von Leuten spielen können. Aber es ist nunmal wie es ist. Da kann man nichts machen. Das letzte Mal, als wir in England gespielt haben, waren die Hälfte des Publikums Japanerinnen.

Eure Texte sind immer sehr lustig. Wo nimmst du die Ideen für deine Songs her?

Freundinnen und Nachbarn. Es ist für mich das Schwierigste, gute Lyrics zu schreiben. Meine Lyrics sollen leicht verdaulich sein, ohne in Comedy umzukippen. Es eine sehr dünne Grenze zwischen leichter, spaßiger Unterhaltung und Comedy. Ich mag Comedy überhaupt nicht. Wir sind keine Comedy-Band und auch den Begriff Fun-Punk hasse ich. Wir sind Punk. Fertig. Aber es ist wirklich schwierig Texte zu schreiben, die sich genau in diesem Grenzbereich bewegen.

Stört es dich dann, wenn dich die Leute in verschiedene Schubladen wie Oi-Punk oder Fun-Punk stecken? Ihr wart zwar nie politisch, seid aber dennoch mit klassischen Polit-Punk-Bands wie Cocksparrer auf Samplern vertreten gewesen?

Am Anfang hat uns das gestört. Jetzt aber längst nicht mehr. Wir machen unsere eigene Musik. Toy Dolls Music. Als wir noch ganz klein waren, kam eben jemand und fragte uns, ob wir auf dem Album "Strength Through Oi" sein wollen. Und wir dachten nur "Cool, ein Album. Ja, wir wollen auch da drauf". Heute würde ich das nicht mehr machen. Vor drei oder vier Jahren wurden wir wieder gefragt, ob wir einen Beitrag für einen Sampler machen wollten, aber ich habe abgelehnt. Ich denke, man sollte immer das tun, wozu man stehen kann. Am Anfang haben wir beinahe alles gemacht, um bekannt zu werden. Wir waren eben jung ...

Wie ging es Ende der 70er mit den Toy Dolls los?

Ich habe angefangen, in allen möglichen Bands zu spielen, weil mir die Schule zu langweilig war. Ich habe das hauptsächlich getan, um zu beweisen, dass ich was erreichen kann. Ich habe vor den Toy Dolls in zwei drei anderen Bands gespielt und hatte all diese Songs bereits geschrieben, die alle in eine Richtung gingen. Und ich dachte, die Toy Dolls sind das perfekte Image zu den Songs. Und so haben wir einfach angefangen. Damals noch mit einem richtigen Sänger (lacht).

Du hast dein Gitarrenspiel zum Markenzeichen der Toy Dolls erhoben und ihnen damit auch eine ganz besondere Stellung unter allen Punkbands gesichert. Wo hast du so gut, melodiös und schnell Gitarre spielen gelernt?

Danke für das Lob. Ich habe früher viel Dr. Feelgood und Chuck Berry gehört. Das hat mich sehr stark beeinflusst. Und wenn man nur einen Gitarristen in der Band hat, musst man Rhythmus und Melodie unter einen Hut bringen. Eigentlich sind die Toy Dolls gar nicht so melodiös. Das meiste was ich mache, ist Rhythmus. Ich hasse Gitarrensoli, die sich über 20 Minuten dahinschleppen. Da werde ich wahnsinnig. Ich habe aber einen Freund von Mr. Big. Ich habe ihn in Japan kennengelernt und wir sind fast jeden Abend zusammen ausgegangen und er ist bei Bands oft nach der Show auf der Bühne, um mit ihnen zu jammen, lange Soli mit ihnen zu spielen. Aber ich kann das nicht. Das ist nicht mein Stil. Bei mir geht es eher: tsche, tsche, tsche, tsche, ... that's it and shout oi.

Du gibst auf euer Homepage auch Nachhilfe im Gitarrespielen. Das ist eine coole Idee.

Oh, ja. Der Typ, der die Homepage macht, kam darauf. Ich kann die Credits dafür gar nicht annehmen. Es war ein bisschen anstrengend, weil man sich bei den Lektionen immer an den langsamsten Leuten orientieren muss. Man darf nicht zu viel auf einmal machen, sondern immer Schritt für Schritt vorgehen. Am liebsten würde ich nur da sitzen und sagen: E-Dur, A-Moll, G-Dur. Doch viele Leute wissen nicht, wie man die Akkorde greift, deshalb muss ich es ganz genau erklären: Ringfinger an den siebten Bund, Mittelfinger an den sechsten Bund. Es ist eine sehr grundlegende und einfache Einführung. Aber es hat sehr viel Spaß gemacht.

Du hast einmal einen Song namens "Spiders In The Dressing Room" geschrieben. Hast du Angst vor Spinnen?

Oh no (lacht). Wir hatten nur einmal eine riesige schwarze Spinne in unserem Umkleideraum und daraus ist dann der Song entstanden. Ganz einfach. Aber ich habe keine Angst vor Spinnen. Ich bin eher klaustrophobisch veranlagt.

Was hast du in der Zeit gemacht, als die Toy Dolls sozusagen auf Eis lagen?

Ich habe einige Zeit in Japan gelebt und dort die Alben von zwei befreundeten Bands produziert. Danach war ich mit The Adicts für drei Monate auf Tour. Dort habe ich Bass gespielt. Das ist mein Lieblingsinstrument. Eigentlich bin ich ja gar kein Gitarrist. Ich hasse das Gitarre spielen, es interessiert mich gar nicht. Ich habe auch zwei Welttourneen mit The Dickies am Bass mitgemacht.

Was hat dich schließlich dazu bewogen, die Toy Dolls wieder aufleben zu lassen?

Ich wollte das schon vor zwei Jahren machen, weil ich es irgendwie vermisst habe. Als wir uns dann konkretere Gedanken über Probetermine gemacht haben, dachte ich: Oh, no. Ich will das doch nicht haben. Ich bin einfach noch nicht bereit dafür. Ich wollte natürlich auch ein bisschen Geld damit verdienen. Jeder will das. Doch wenn es nur um's Geld verdienen geht, dann lass es sein. Zwei Jahre später habe ich mich dazu bereit gefühlt. Selbst wenn nur eine Handvoll Leute zu den Konzerten gekommen wären, ich hätte gespielt, weil ich Lust darauf habe. Ich kann immer noch nicht glauben, dass alle Konzerte ausverkauft waren.

Dürfen wir uns nun auf weitere Konzerte und Alben von den Toy Dolls freuen?

Nein, es ist definitiv unsere letzte Tour. Ich werde in Zukunft lieber Bass spielen mit einer anderen Band. Ich möchte jetzt etwas Neues anfangen und mit den Toy Dolls aufhören, wenn es am schönsten ist. Das ist viel besser, als irgendwann zu merken, dass man seit Jahren auf dem absteigenden Ast ist. Das macht keinen Sinn für mich. Ich brauche neue Herausforderungen, die mich ausfüllen. Ich bin sehr zufrieden, deshalb ist es am besten jetzt aufzuhören.

Das Interview führte Daniel Straub.

Weiterlesen

LAUT.DE-PORTRÄT The Toy Dolls

Die nordenglische Band The Toy Dolls darf sich zu Gute halten, Spaß und Punk noch lange vor der Erfindung des Fun-Punk zusammengebracht zu haben. Working …

1 Kommentar

  • Vor 4 Jahren

    Hehe, grade dieses 10 Jahre alte Interview gelesen. Meine Tickets für den Gig in Winterthur im April 2015 sagen etwas Anderes bezüglich letzter Tour. :-) Bin mehr als froh darüber! ;-) Das letzte Mal sah ich die Jungs Ende 80er in Genf. Freu mich wie ein kleines Kind auf den Gig!:-)