laut.de-Kritik

Der Prog-Vordenker serviert Agitprog vom Feinsten.

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Die Progwelt hielt vor zwei Jahren den Atem an, als die Nachricht die Runde machte, dass Andy Tillison, Herz und Hirn der britischen Progger The Tangent, einen Herzinfarkt erlitten habe. Während der Rekonvaleszenz dachte Tillison nicht im Entferntesten über Musik nach, sondern versank in Depressionen ob seines Gesundheitszustandes. Doch eine robuste Natur wie den Endfünziger haut so schnell nichts um und er merkte schnell, dass das Feuer noch in ihm brennt.

Die Kollaboration mit Karmakanic Anfang 2016 in Form von "Steer At The Stars" stellte einen Hoffnungsschimmer dar und war nebenbei in Prog-Kreisen ein kleiner Hit. Im Herbst letzten Jahres veröffentlichte der Rotschopf schließlich das erste Lebenszeichen von The Tangent.

Das von DC- und Marvel-Zeichner Mark Buckingham opulent gestaltete Video sowie der dazugehörige Longtrack "A Few Steps Down The Wrong Road" machten schnell eins klar: Von Altersmilde kann bei Tillison keine Rede sein. Das fast schon beschwingte "A Spark In The Aether" und die Alltags-Suite "Le Sacre Du Travail" sind passé. Auf "The Slow Rust Of Forgotten Machinery" serviert der Prog-Vordenker Agitprog vom Feinsten, angestachelt vom Brexit, der Flüchtlingskrise und der Doppelmoral des Westens in Form von Waffenhandel, Kriege um Ressourcen und Klimawandel.

So schwört er die Prog-Gemeinde ein, auf die Barrikaden zu gehen, mit kritischem Verstand die Welt zu sehen und sich nicht vor den Karren einer Ideologie spannen zu lassen. Unterstützung bei diesem Unterfangen erfährt er hierbei vom ehemaligen Chumbawamba-Mitglied Boff Whalley.

Flankiert von seinem All Star-Team mit Jonas Reingold (The Flower Kings) am Bass, Luke Machin (Maschine) an der Gitarre und Theo Travis (Steven Wilson) am Saxophon und an der Flöte gibt es einige Neuerungen zu bestaunen. Tillison setzt sich zum ersten Mal in der Historie von The Tangent auf den Schlagzeugschemel und zeigt, dass er neben Synthesizer-Virtuositäten, auch dort einiges zu bieten hat. Mit Marie-Eve de Gaultier (Maschine) unterstützt eine wahre Könnerin am Gesang den Altmeister des Storytellings und veredelt einige Melodien in feinster Anneke van Giersbergen-Manier.

Zudem sorgt der wieder entdeckte Kampfgeist dafür, dass sich zur bekannten Mixtur aus Prog, Canterbury, Jazz, Fusion, Folk und Klassik eine gesunde Portion Härte gesellt und für einige wüste Ausrufezeichen in den zumeist überlangen Stücken sorgt. Gekonnt stellt sich die Band in die lange Prog-Tradition von King Crimson, Van Der Graaf Generator oder Yes und führt diese in ihrem Sinne weiter.

Langeweile kommt hier nicht auf, sorgen doch die unterschiedlichen Parts für Abwechslung bei dezenter leitmotivischer Komposition, die den nötigen Zusammenhalt geben. Ob nun das halsbrecherische Instrumental "Dr. Livingstone (I Presume)", das epische "Slow Rust" oder das jazzige "The Sad Story Of Lead And Astatine", bei diesen Suiten dürfte jedem Freund der Band warm ums Herz werden.

Trackliste

  1. 1. Two Rope Swings
  2. 2. Doctor Livingstone (I Presume)
  3. 3. Slow Rust
  4. 4. The Sad Story Of Lead And Astatine
  5. 5. A Few Steps Down The Wrong Road

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