30. September 2008

"Ich nehme noch Drogen"

Interview geführt von

Ein schlecht gelaunter Mike Skinner spricht in Berlin Mitte über seine Abkehr vom "modernen Leben".Das Interview findet in einem typischen Berliner Reihenhaus statt: Klassizistisch, fette Steine, Trutzburg. Hinter dem Haus die Berliner Charité, inklusive Psychiatrie. Mike lungert gelangweilt auf einem schwarzen Ledersofa herum, seine Antworten kommen langsam, und vor allem kurz. Erst als es um sein Label geht, setzt er sich mal kurz aufrecht hin, Mühe gibt er sich aber immer noch nicht.

Warum ist dein Album "Everything Is Borrowed" so langsam?

Ich denke nicht, dass es langsam ist. Es ist eher ein natürlicher Sound.

Oder warum ist es so positiv, vielleicht ist das die bessere Frage?

Ich wollte etwas positiv machen. Aber vor allem wollte ich etwas machen, was neu ist.

Neu für dich?

Ja, total.

Für das Video zu "The Escapist" bist du offenbar von England bis nach Südfrankreich gelaufen, stimmt das?

Ja, ich wollte etwas Authentisches machen. Wir machen für jedes Lied auf dem Album ein Video, und alle sind sozusagen home-made. Wenn man es so macht, sollte man deshalb darauf achten, dass es authentisch ist. Weil du keine Produktionsstandards hast, auf die du dich verlassen kannst.

Wie lange hat es denn gedauert?

Das ganze Video brauchte wirklich Monate.

Und du bist die ganze Strecke gelaufen?

Ja. Wir haben es aus verschiedenen Winkeln aufgenommen, aber am Ende waren die besten Aufnahmen die, auf denen ich davongelaufen bin.

Wie geht es deinem Label?

Das Label ist tot. Ich hab es im Garten begraben, wir hatten ein Begräbnis dafür.

Wirklich? Warum?

Es schien die richtige Zeit für große Veränderungen zu sein.

Hat es nicht funktioniert?

Es funktionierte, aber die Leute haben keine Platten gekauft. Das wird dann ein negativer Prozess, weil du eine bestimmte Anzahl an Platten verkaufen musst.

Bist du traurig darüber?

Nein, Nein. Es war aufregend.

Naja, aber bist du traurig darüber, dass es vorbei ist?

Nein, nicht wirklich. Es war gut, eine Veränderung herbeizuführen. Ich bin immer aufgeregt über neue Richtungen.

"Das schwierigste Album meiner Karriere"


Du hast auch schon über deine nächste Platte geredet? „Computers And Blues“, stimmt das so?

Die wird wesentlich schneller!

Du hast es also schon im Kopf?

Ja, ich habe verschiedene Ideen.

Bist du zufrieden mit "Everything Is Borrowed"?

Ja, es hat lange gedauert alles zusammen zu kriegen. Es war wahrscheinlich das schwierigste Album meiner Karriere. Weil ich mir die schwierige Aufgabe gesetzt habe, etwas anderes zu machen.

Wie wichtig ist der deutsche Markt für dich?

Sehr wichtig. Wir haben hier elf Termine für die Tour. Das ist genau so viel wie in England.

Brauchst du überhaupt noch Märkte?

Naja, ich mag es einfach zu touren. Deshalb promote ich das Album auf die traditionelle Weise.

Was ist dein Ziel?

Mein Ziel ist es, weiterhin gute Musik zu machen, wenn ich es kann.

Du willst also nichts Spezielles mehr erreichen?

Nein! Ich will immer etwas erreichen.

Was?

Einfach gute Musik zu machen.

Wie siehst du dich selber, was ist dein Platz in der Welt?

Ich denke nicht wirklich über meinen Platz nach. Ich bin immer kurzfristig fokussiert. Und das bedeutet, alles woran ich arbeite, muss gut sein und kreativ.

Wie ist dein Verhältnis zu den Medien inzwischen?

Es ist gut. Ich denke nicht, dass ich viele Beziehungen zu den Medien habe, also ist das ganz entspannt.

Weil es in der Vergangenheit viele Gerücht gab, dass du Klatsch-Magazine nicht magst.

Das waren keine Gerüchte. Es war immer wichtig für mich, dass es um die Musik geht. Wenn du zu oft in den Medien bist, deine Erfolge feierst, dann geht es immer weniger um die Musik.

Wirst du älter?

Ja, es gibt gewisse Zeichen dafür. Ich fühle mich nicht wirklich älter, aber ich glaube man erscheint anders.

Bist du froh darüber, oder macht dir das Angst?

Du wirst weniger verwildert und du hast mehr Zeit zu schlafen.

Aber du hast immer noch deine Energie?

Ja. Wenn du zur Show kommst, dann merkst du, dass sie das Beste ist, was du je erlebt hast.

"Ich hatte viele Probleme auf meinem Weg"


Machst du inzwischen weniger Party?

Nein, nicht wirklich. All meine Alben sind polarisiert, auf eine Art. Es scheint, als würde ich weniger Party machen, aber da ich das moderne Leben nicht auf dem Album haben wollte, musste die Party weg. Aber das bedeutet nicht, dass ich mich beruhigt hätte.

Was meinst du damit, dass du das "moderne Leben" … ?

… ich wollte mich nicht auf das moderne Leben beziehen. Ich wollte, dass es sich anders anfühlt.

Aber was verstehst du darunter?

Die Dinge, die uns umgeben. Deshalb gibt es mehr Lieder über Garten-Kram. Wenn du nicht über das moderne Leben reden willst, musst du diese größeren Dramen finden.

Nimmst du immer noch Drogen?

Ja.

Wie viele, welche?

Naja, das ist nicht so aufregend. Man tourt eben.

Und trinkst du viel?

Ja. Ich trinke nicht mehr am Tag, aber es umgibt dich, deshalb ist es nicht ganz leicht, davon los zu kommen.

Also hast du früher auch tagsüber getrunken?

Ja, habe ich. Man wird da so hineingezogen.

Hattest du ein Alkohol-Problem?

Ja, ich hatte viele Probleme auf meinem Weg.

Aber du kommst gerade raus?

Ich denke das ist eine langwierige Geschichte, oder?

Außerdem hast du dein Geld in Casinos verzockt?

Ja, das ist ... (sucht nach Worten) ... was einfach passiert, denke ich.

Machst du das noch?

Nein, da bin ich nicht mehr drin.

Ich habe diese lustige Geschichte gehört, dass ihr euch Fans borgt?

Ja, das machen wir auf der Tour. Wir leihen uns die Leute auf einem Konzert und nehmen sie mit zum nächsten. Also hoffentlich lassen wir keine fremden Leute in komischen Städten zurück.

Was müssen sie dafür machen?

Sie müssen uns etwas bringen, das wir uns leihen. Und dann können sie etwas mitnehmen.

Was erwartest du?

Ich hoffe, dass nicht jeder mitmacht. Sonst haben wir 3000 Objekte, die wir von einem Ort zum anderen schleppen müssen. Aber hoffentlich wird es viel Spaß machen.

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