laut.de-Kritik

Wie eine Wurzelbehandlung beim Zahnarzt.

Review von

Vor ungefähr zwei Dekaden bescheinigte eine britische Institution der Elektro-Szene, dass "The Prodigy das Potenzial besitzen, die größte Band der Welt zu werden". Sie sollte sich täuschen. Die Formation um Mastermind Liam Howlett ist aber nicht ganz unschuldig daran. Seit "Invaders Must Die" befindet sie sich auf Stagnationskurs. Auch mit "No Tourists" erfindet sie das Rad nicht neu. Ganz im Gegenteil.

Im Vorfeld der Veröffentlichung fasste Howlett in einem Statement aus seinem Studio in North London die Grundidee des Albums zusammen: "Bei 'No Tourists' geht es im Grunde genommen um Eskapismus und den Wunsch, zu entgleisen und kein Tourist zu sein, der diesen einfachen Wegen folgt." Etwas Neues lässt sich auf der Platte jedoch weit und breit nicht finden.

Abriss und Exzess schreiben sich The Prodigy nach wie vor auf die Fahnen. "Need Some1" mit überdrehten Elektro-Synthies und einem housigen Gesangssample dürfte kaum jemand Subtilität bescheinigen. Nicht einmal mehr Keith Flint und Maxim greifen kurz zum Mikro. Die beiden glänzen auf der Scheibe des Öfteren mit Abwesenheit ("Timebomb Zone", "Boom Boom Tap"). Hauptsache der Bass knallt und der Sound rockt bis zum Anschlag.

Die restlichen Tracks fallen demnach ungefähr so feinfühlig wie eine Wurzelbehandlung beim Zahnarzt aus. Geistreiche und tiefsinnige Ergüsse wie "The time has come / we live forever" in "We Live Forever" setzen dem Ganzen noch zusätzlich die Krone auf. Dagegen haben Atari Teenage Riot schon beinahe den Literaturnobelpreis verdient. Ansonsten bedienen sich die Briten vor allem bei sich selbst.

Insgesamt entsteht der Eindruck, als hätte sich die Band eine Checkliste angefertigt. Ein knalliger Drop à la "Breathe" in "Light Up The Sky": abgehakt. Leichtes Reggae-Flair im Stile von "Out Of Space" in "We Live Forever": abgehakt. Hochgepitchte Stimme und Rave-Euphorie in klassischer "No Good"-Manier in "Timebomb Zone": abgehakt.

Dabei funktionieren fast sämtliche Songs nach dem selben Prinzip: ein durchgeknalltes Gesangssample, überholtes Big Beat-Gewummere und Elektro-Rock-Riffs von der Resterampe. In der Summe klingt die Platte so, als sei Tony Blair immer noch britischer Premierminister und als habe es den Brexit nie gegeben. Nur vom einstigen Innovationsreichtum der Formation bleibt auf dem Werk gar nichts mehr übrig.

Dementsprechend eignen sich die Nummern nicht einmal mehr als B-Seiten. "Fight Fire With Fire" wartet zwar mit den Rappern von Ho99o9 auf, aber die fügen dem Album kaum etwas Erfrischendes hinzu. Eher tragen die US-Amerikaner zur hedonistischen Stumpfsinnigkeit der Platte ihren Teil bei. Dazu ein ausgelutschtes Metallica-Zitat, garniert mit möglichst viel Lärm und Effekthascherei: Fertig ist der Party-Track fürs Horrorkabinett.

Zumindest versprüht Barns Courtney mit seiner an John Lydon erinnernden Stimme in "Give Me A Signal" rotziges Punk-Flair. Doch selbst diesen Ansatz von roher Unverbrauchtheit zerschießen The Prodigy mit plakativem Krach und Getöse. Die Hardcore-Fans freut das sicherlich. Der Rest wendet sich höchstwahrscheinlich entsetzt von der Band ab, zumal die momentane elektronische Musik zum großen Teil von Atmosphäre lebt.

Die kommt nur im Titelstück auf, das mit einer orientalisch angehauchten Melodie und cineastischen Elementen kurz aufhorchen lässt. Der einzige Lichtblick einer ansonsten erschreckend uninspirierten Scheibe, die auf allen ästhetischen Ebenen versagt. Im Grunde genommen mutiert das Trio mittlerweile zur britischen Big Beat-Variante von Schmutzki. Schönsaufen bringt nix. Als Hörer möchte man The Prodigy am liebsten ein für alle Mal den Stecker ziehen.

Trackliste

  1. 1. Need Some1
  2. 2. Light Up The Sky
  3. 3. We Live Forever
  4. 4. No Tourists
  5. 5. Fight Fire With Fire
  6. 6. Timebomb Zone
  7. 7. Champions Of London
  8. 8. Boom Boom Tap
  9. 9. Resonate
  10. 10. Give Me A Signal

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21 Kommentare mit 20 Antworten

  • Vor 8 Tagen

    Dieser Kommentar wurde vor 8 Tagen durch den Autor entfernt.

  • Vor 8 Tagen

    Warum sollen sie das Rad auch neu erfinden wollen?! Manch "schrottiger Oldtimer" bekommt eben auf das alte Rad neue Weißwandreifen aufgezogen, frisches Öl in den den Motor geschüttet und der Lack wird aufpoliert. Dann geht's ab auf die Straße und es drehen sich genug Leute nach der alten Karre um und erfreuen sich an dessen nostalgischen Design.

  • Vor 6 Tagen

    Einge Titel lassen etwas aufhorchen, insgesamt schaffen es The Prodigy jedoch wieder nicht, ihre Musik auf ein neues Niveau zu heben. Ganz im Gegenteil, fehlt den meisten Tracks einfach ein thematisch prägnanter Stempel, so wie er früher meist vorhanden war. The Prodigy klingen für mich, als würde Sie sich nur noch selbst resampeln und remixen.
    Trifft vielleicht eine eingefleischte Zielgruppe, für die potentiell beste Band der Welt, fehlt aber auf lange Sicht gesehen der nächsten, oder gar die nächsten beiden Schritte. Stagnation auf mittelmäßigem Niveau ist leider etwas enttäuschend und eigentlich auch keine Option.