12. April 2011

"Es ist ungefähr so, als ob du verliebt bist"

Interview geführt von

Der Hype um die Nackten und Berühmten ebbt nicht ab und findet auch in Deutschland seine Fortsetzung. Wir trafen die neuseeländischen Indie-Shootingstars im Berliner Lido.Während am frühen Nachmittag düstere Gestalten das wertvolle Equipment der Band in den ehrwürdigen Club karren, postieren sich aufgeregte Fans der fünf Neuseeländer Indie-Poprocker vor der Kreuzberger Location für Erinnerungsfotos.

Drinnen herrscht derweil die Ruhe vor dem Sturm. Das Quintett um die exotische Frontfrau Alisa Xayalith teilt sich artig auf, um auch jedem neugierig angereisten Journalisten gerecht zu werden. Für unsere Belange stellen sich Sänger Thom Powers und Bassist David Beadle zur Verfügung.

Zwei Mittzwanziger, die in ihrem Erscheinungsbild unterschiedlicher nicht sein könnten: Während Thom Powers visuell eher für die poppige Seite der Band steht, geht man bei David Beadle von einem vermeintlich rockigeren Background aus. Optisch symbolisieren die beiden so bestens ihre Musik: die vollkommene Symbiose von Pop und Rock.

Ihr besucht Deutschland zum ersten Mal. Es heißt ja: Der erste Eindruck zählt! Was sind denn eure Impressionen?

Thom: Fantastisch! Es ist wie ein mittelgroßer Kulturschock. Wir kommen gerade aus Texas und sitzen jetzt mit dir hier in Berlin im prallen Leben.

David: Es ist definitiv inspirierender und aufregender als Texas.

Thom: Nichts gegen Texas, aber schau nach draußen, all diese Leute, das ist schon eine andere Zivilisation. Europa generell ist faszinierend. Ich treffe hier beispielsweise Leute mit asiatischem Aussehen, die zwei, manchmal sogar drei Sprachen sprechen und ich frage mich: Wo bin ich hier und wo kommen die eigentlich her? Die ganze Geschichte, die Menschen und die Kultur sind um einiges interessanter, als da, wo wir herkommen. Alles ein wenig intelligenter, so scheint mir (lacht).

Zwei Shows in Köln und München liegen hinter euch. Wie wars denn? Seid ihr zufrieden?

David: Absolut, vor allem Köln war beeindruckend. Ich meine, wir sind neu hier und der Laden war ausverkauft, schon irre.

Konntet ihr Unterschiede feststellen hinsichtlich der Publikumsreaktionen verglichen mit den Fans in eurer Heimat?

Thom: Eigentlich kaum, das war schon sehr erleichternd. Es war eine tolle Stimmung: In der Mitte wurde ordentlich getanzt und alle waren gut drauf.

David: Kennst du diese Mosh-Pits bei Metal-Konzerten? Das ging gerade in Köln schon in eine ähnliche Richtung. Erst wird getanzt und geschubst und dann liegen sich wieder alle in den Armen, unglaublich.

Thom: Ich krieg mich da immer kaum ein. Dieses spontane Hin und Her zwischen den Emotionen ist schon lustig anzusehen.

"Passiert das jetzt gerade wirklich?"


Der Erfolg eures Debüts "Passive Me, Aggressive You" spricht für sich. Ihr seid jetzt gerade dabei, über den Tellerrand zu gucken und stellt fest, dass euch der Hype scheinbar überall hin mit begleitet. Wie fühlt man sich da?

Thom: Das ist schon alles sehr abgefahren, absolut. Wir sind alle immer wieder aufs Neue geplättet und denken oft: Passiert das jetzt gerade wirklich? Für die Band und den ganzen Prozess gibt es uns viel Sicherheit auf dem richtigen Weg zu sein. Wenn du an etwas arbeitest, und es klappt und du merkst, dass es damit weitergehen kann, dann ist das schon ein tolles Gefühl. Es ist ungefähr so, als ob du verliebt bist. Du willst nur diese eine, du bekommst sie, du heiratest und das Ganze läuft auf ewig in den richtigen Bahnen.

Das wäre wohl der optimale Verlauf ...

Thom: Definitiv. Wir merken, dass die Band, das Umfeld und der ganze Prozess wachsen. Das bringt natürlich viele Gedanken, Träume und Wünsche in Umlauf. Größere Hallen, mehr Equipment, bessere Light-Show, Dinge, die sich daraus entwickeln.

Wenn ihr euch kurz zurücklehnt und das Bisherige versucht sacken zu lassen, was waren eure persönlichen Highlights bisher?

David: Ich denke, dass alles in allem bisher ein riesengroßes Highlight für jeden von uns war. Natürlich sind Momente, wo du dich das erste Mal im Radio hörst oder erfährst, dass deine Platte Nummer eins in den Charts ist, und die BBC dich auf ihre Sound-List 2011 setzt. Augenblicke, die du wahrscheinlich dein Leben lang in Erinnerung behältst. Aber das Ganze ist das eigentliche Highlight.

Lasst uns über die Platte sprechen. Mir wurde eure Musik als Elektro-Pop angepriesen. Ich finde das nur bedingt zutreffend, da ihr viel mit verzerrten Gitarren und harten Beats arbeitet, und ich euch demnach mindestens genauso im Rock-Bereich ansiedeln würde. Wie seht ihr das?

Thom: Danke! Schön, dass es mal jemand ausspricht. Es kommt natürlich auch immer darauf an, wer sich mit der Materie befasst. Jemand, der eigentlich keine Ahnung von Musik hat, bewegt sich nur an der Oberfläche, hört die poppigen Elemente, die eingängigen Melodien, die Synthies und steckt dich in eine Schublade. Leute, die wissen worüber sie reden oder schreiben, gehen mehr in die Tiefe und entwickeln ein anderes Bild. Grundsätzlich bewegen wir uns schon unter dem großen Schirm des Pop, allerdings eher im alternativen Bereich. Ich würde sagen, wir machen Alternative-Pop.

Wann habt ihr konkret angefangen, am Album zu arbeiten, und wie läuft der Entstehungsprozess ab?

David: Die ersten Ideen und Tracks entstanden 2009, und das ganze Material vervollständigte sich dann Anfang 2010. Thom, Alisa und Aron werkelten die ersten Ideen und Fragmente aus, tüfteln ein wenig herum und produzierten Vor-Demos, bevor wir uns dann alle zusammensetzten, um die Songs richtig auszufeilen.

"Was gibt es Schöneres?"


Der Albumtitel basiert auf einer Zeile des Openers "All Of This". Für mich beinhaltet er so ziemlich genau das, was man letztlich auch auf der Scheibe hört: Kontraste. War das eure Intention bei der Wahl des Titels?

Thom: Ja, das ganze Projekt basiert auf Gegensätzen, nicht nur die Musik. Schon die Bandkonstellation spiegelt sich darin. Wir haben völlig verschiedene Charaktere. Die Vocals wechseln zwischen Alisa und mir. Alles ist sehr polarisierend. Wir wollten das einfangen und markieren. Schwarz und weiß, laut und leise, Pop und Rock, einfach das ganze Bandgerüst sollte sich im Titel wiederfinden.

Der Moment, sich erstmals einem Live-Publikum zu präsentieren, kam bei euch sehr spät. Ihr hattet bereits Veröffentlichungen vorzuweisen, ehe ihr überhaupt eine Konzerthalle von innen gesehen habt. Normalerweise gehen Bands den umgekehrten Weg. Warum seid ihr so verfahren?

Thom: Als wir, Alisa, Aron und ich damals anfingen, waren wir uns einig, dass wir erst auf die Bühne wollen, wenn wirklich alles passt. Aron und ich sind sehr Studio fixiert und wir wollten einfach einen anderen, einen eigenen Weg gehen. Wir wollten unbedingt etwas Fundiertes in der Hand haben, bevor wir den Weg an die Öffentlichkeit wagen.

Bevor wir unsere ersten Shows mit Jesse und David spielten, waren wir bereits gesignt und hatten eine EP im Rücken. Das war uns sehr wichtig und hat uns enorm geholfen. Wir konnten uns dann vollends auf die Live-Sache konzentrieren und waren nicht abgelenkt. Wir hatten unser Fundament bereits. Das fehlt mir bei vielen neuen Bands, die erst mal tausend Shows spielen, bevor sie überhaupt eine Demo haben.

Demnach legt ihr großen Wert auf Sicherheit und die richtige Vorbereitung?

Thom: Ich, für meinen Teil, mag es einfach nicht, auf Konzerte zu gehen, mich auf Songs zu freuen, die dann völlig anders, meist schlechter, klingen als auf Platte. Das enttäuscht mich dann. Uns ist es wichtig, die Songs live auch so präsentieren zu können, dass sie dem Original so nah kommen wie möglich, daher haben wir uns mit unseren ersten Auftritten auch die nötige Zeit gelassen.

David, ich habe gelesen, dass du kurz vor deinem Studiumsabschluss standest, als du von der Band rekrutiert wurdest. Ist das wahr?

David: Stimmt. Ich habe Biologie studiert und war fast fertig.

Das klingt nach einem größeren Interessenkonflikt?

David: Ich war schon immer Fan der Band. Ich kenne Aron schon, seitdem ich fünf bin - wir sind praktisch zusammen aufgewachsen. Ich habe das Projekt immer verfolgt und musste damals nicht lange darüber nachdenken, ob ich einsteigen will oder lieber weiter studiere. Ich habe vorher Gitarre gespielt, spiele jetzt Bass, und es war schon immer mein Traum, Musik zu machen. Insofern bin ich glücklich, diese Entscheidung getroffen zu haben.

Kein weinendes Auge?

David: Nein, absolut nicht. Was kann es Schöneres geben für jemanden, der Musik liebt, diese mit anderen zu teilen, kreativ dran teilzuhaben und das Leben zu leben, was er sich immer erträumt hat?

Dem ist nichts hinzuzufügen. Danke fürs Gespräch.

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