12. Juni 2009

In Bed With Evan Dando

Interview geführt von

Er stellte sich Studenten, Hausfrauen und Autofahrern Anfang der 90er Jahre mit einer Coverversion vor und hat mit "Varshons" nun erstmals ein Album voller Fremdkompositionen aufgenommen. Was läge also näher, als sich mit Lemonheads-Songwriter Evan Dando über Coverversionen zu unterhalten?"Evan Dando schafft es doch nicht zum Club", teilt mir die Label-Vertraute telefonisch mit, während ich noch versuche, den Standort der Münchner Bar Substanz anzufahren, wo mittags das Interview und abends sein Solokonzert statt finden soll. Zu meinem Glück will der Sänger trotzdem sprechen und zwar in seinem nahe gelegenen Hotelzimmer.

Dorthin führt mich Dandos Manager, öffnet die Tür und erhält Antwort von jemandem, der an einer launigen Konversation offensichtlich eher mit Abstrichen interessiert ist. Als sich die Rauchschwaden verziehen, sehe ich Dando in Trainingshose, T-Shirt und Augenringen auf seinem Doppelbett liegen. Sein Gitarrenkoffer samt Inhalt an der Stelle, wo früher diverse Models lagen und sich heute nur noch Ehefrau (und Ex-Model) Elizabeth Moses räkelt.

"Setz dich", fordert er mich leicht röchelnd, aber nicht unfreundlich auf und da er wahrscheinlich nicht die Bettkante meint, nehme ich auf einem beinahe übersehenen Mini-Hocker an seinem Nachttisch Platz. Daneben liegt alles, was Evan Dando bei Interviews braucht: Eine Schachtel Marlboro, ein Aschenbecher, eine Becks-Dose und eine Tüte Haribo. Während des 25-minütigen Interviews bleiben seine Augen etwa zehn Minuten geschlossen.

Es wird dich sicher nicht sonderlich überraschen, dass ich mit dir über Coverversionen sprechen will.

Evan: (streckt sich nach einer Marlboro auf seinem Nachttisch): Äh nein, es geht ja um das neue Album, das nur Covers beinhaltet, von daher, nein.

Fangen wir gleich mit der philosophischen Frage an: Was macht eine Coverversion zu einer guten Coverversion?

Nun, zunächst mal würde ich nie einen Song von einer meiner absoluten Lieblingsbands covern. Es wird also nie ein Velvet Underground-Cover von mir geben. Oder was von den Stones und den Beatles. Also picke ich mir Songs heraus, von denen ich das Gefühl habe, dass ich sie anständig interpretieren kann, ohne am Ende als Frevler dazustehen.

Mit manchen Songs funktioniert das nicht: Ich kann nicht "Outdoor Miner" von Wire covern. Der Song ist herausragend, einfach perfekt. Oder "Waterloo Sunset". Von solchen Kalibern muss man die Finger lassen, das ist die goldene Regel.

Heißt das im Umkehrschluss, dass es den Songs, die du coverst, in gewisser Weise an Perfektion fehlt?

Oh nein! Es sind einfach Songs, die mir nicht seit Jahr und Tag viel bedeuten und daher sehr am Herzen liegen. Vor langer Zeit habe ich mal "Brass Buttons" von Gram Parsons gespielt - so nah bin ich seither nie mehr an die Grenze der goldenen Regel gekommen. Auf der neuen Platte sind Songs wie "Beautiful" oder "Dirty Robot", die ich mir privat nie anhören würde.

Wieso coverst du sie dann?

Gibby mag sie (Gibby Haynes, Butthole Surfer und Langzeit-Freund). Ich dachte, ich lasse ihn dieses Mal entscheiden und stelle nur ein paar Bedingungen. Nämlich das Gram Parsons-Stück, das ist der erste Song der Platte, das Leonard Cohen-Stück, das ich Liv versprochen habe (Liv Tyler, Anm. d. Red.), Townes Van Zandt und Wire. Das war meine Auswahl.

Und wie stehst du zu dem Original von Arling & Cameron, das ungewohnt elektronische Stück deiner Platte?

Ach, ist okay. Es hat einfach Spaß gemacht, damit ein bisschen rum zu spielen. Ich stehe ja nicht auf diese Art von Musik, aber da die neue Platte einen ziemlich leichten Charakter hat, fand ich es okay.

Hast du die Synthies programmiert?

Nein, das war mein Freund Anthony von Cornershop, er hat auch die Platte gemixt. Aber die Drums sind echt.

Ist es einfacher, einen Song zu interpretieren, der aus einer völlig anderen musikalischen Ecke kommt?

Würde ich nicht sagen. Aber es holt dich aus deiner Bequemlichkeit raus, was ich cool finde. Das war auch die Idee hinter der Wahl von Gibby als Kompilator. Es ist eine größere Herausforderung.

Bist du schon mal über einer Coverversion verzweifelt?

... so dass ich aufgeben musste? Ähm .... Also, der einzige Song, der in der Nachbetrachtung falsch war, unserer Band aber sehr geholfen hat, war "Mrs. Robinson". Den haben wir damals eigentlich nur für die Wiederveröffentlichung einer Videokassette aufgenommen, mit der wir ein bisschen Kohle machen wollten. Wir mochten den Film sehr und dachten, dass wir ihn dadurch vielleicht bei den Kids bekannter machen. Heute bedauere ich diesen Song. Im Gegensatz zu "Luka" oder "Different Drum".

Erinnerst du dich noch an die Aufregung, als "Mrs. Robinson" plötzlich zum Welthit mutierte?

Ich war nicht sehr aufgeregt, wobei er in Amerika wirklich groß wurde. Er lief auf MTV fünf Mal am Tag. Zum Glück war ich zu dieser Zeit im Ausland. Wenn ich ihn auf MTV gesehen hätte, wäre ich ausgeflippt. Das Ganze war einfach ein großes Missverständnis. Aber Rock'n'Roll ist voller Missverständnisse. Leute bekommen ihren Fuß auf hundert erdenkliche Wege in die Tür. Ich habe jetzt nicht täglich Bauchschmerzen aufgrund dieses Songs. Ich denke nur, dass er nicht den größten Moment unserer Karriere darstellt.

Stimmt es, dass du "Mrs. Robinson" ab dem Augenblick gehasst hast, als es auf MTV rauf- und runter lief?

Yeah. Als wir es aufgenommen haben, fühlte es sich okay an. Aber als es dann als Single rauskam, versuchten wir nur noch dagegen zu arbeiten. Vielleicht hätten wir uns noch mehr dagegen stemmen können, aber letztlich war das Ding nicht mehr stoppen. Danny Goldberg, der damalige Atlantic-Chef, ließ nicht mit sich reden. Also nahmen wir den Song in zwei Stunden auf, das Video in drei und das wars.

Gut, er klingt einigermaßen frisch, das mögen die Leute vielleicht daran. Was auch kein Wunder ist, denn wir konnten damals nur bestimmte Parts des Songs überhaupt spielen und nahmen das Ding im ersten Take auf. Mit so einem Scheiß-Akkordlernbuch vor uns.

Habt ihr den Song live gespielt?

Zehn-, fünfzehn Mal vielleicht. Es gibt ja solche Anlässe, bei denen dir das Label gut zuredet, diesen oder jenen Song zu spielen. Ich erinnere mich gerne an einen ersten Auftritt bei David Letterman. Das Label lag uns natürlich in den Ohren, unbedingt "Mrs. Robinson" zu spielen. Dann kam David Letterman zu uns und meinte: "Hey, mir gefällt ein anderer Song besser, 'It's A Shame About Ray'. Spielt doch diesen Song." Und das taten wir. Das gefiel mir sehr.

"Kate Moss hat eine tolle, kalte Stimme"


Kann man sagen, dass das Coveralbum "Varshons" ein paar Jahre nach "Mrs. Robinson" nicht hätte veröffentlicht werden können?

Ja, das wäre damals nicht gegangen. Es begann ja damit, dass ich dieses Gemälde kaufte, das nun das Cover geworden ist. Und nachdem mir die Idee dazu kam, fand ich, dass es für ein Studioalbum-Cover wohl zu extravagant wäre. Und an dem saß ich ja auch gerade, als ich das Bild kaufte. Hoffentlich kriege ich das bis zum Sommer fertig.

Ich bin immer wieder überrascht, was die Auswahl deiner Coversongs angeht. Ich meine, von Leonard Cohen bis zu Whitney Houston ist es doch ein weiter Weg ...

Nein, Whitney Houston ist nicht auf der Platte ... achso, das Lied von damals, ja, ja, ja. Ich versuche mich an jedem Song. Ich mache alles.

Eine deiner vielleicht unbekanntesten Coverversionen überhaupt könnte "Into Your Arms" vom Album "Come On Feel The Lemonheads" sein, finde ich.

Hmm, genau betrachtet ist es nur eine Coverversion für ungefähr 600 Leute in Australien, die die Original-Platte damals besaßen. Für den Rest der Welt war es ein neuer Song.

Und du warst einer der 600 Glücklichen.

Well, es war Nic Daltons Band, seine Freundin Robyn schrieb den Song und ich bekam die Platte. Der Song wartete sozusagen darauf, von uns gespielt zu werden. Oder nimm "All My Life" von meinem Soloalbum. Das Stück ist von Ben Lee und vorher kannte es auch niemand. Oder "Outdoor Type", das er für mich geschrieben hat. Ich bin in der glücklichen Lage, dass Menschen für mich Songs schreiben, was nochmal was anderes ist, als selbst Coverversionen auszuwählen.

Am meisten überrascht hat mich ja der Wire-Song auf deiner neuen Platte.

Warum?

Irgendwie hatte ich nicht, erwartet dass du ...

... dass ich ein Wire-Fan bin? Wirklich? Wire begleiten uns schon seit den Anfangstagen und live fügten wir immer mal wieder ein Cover ein.

Aber leider ist es viel zu kurz.

Die Platte? Naja, 33 Minuten, eine LP-Länge, erscheint mir als optimal.

Äh nein, ich sprach von dem Wire-Stück "Fragile", das nur knapp zwei Minuten lang ist.

Aber so lang ist auch das Original. Exakt. Das ist gerade das Tolle daran, es ist fertig und du willst mehr. Es ist so schnell fertig. Gerade wen du richtig drin bist, hört es schon auf. Ich schätze, dass das der Trick ist, ein guter Trick.

Wann kam dir die Idee, für zwei Songs weibliche Verstärkung ins Studio zu holen?

Dass Liv dabei sein würde, war gleich klar. Als sie vor ein paar Jahren einen Song für mein Soloalbum einsang, kam der gar nicht auf die Platte, sondern nur auf die B-Seite von, ich glaube, "It Looks Like You". Also fragte sie mich: "Hey, warum komme ich jetzt nur auf eine B-Seite?" und ich sagte, okay okay, nächstes Mal kommst du auf die Platte. Auf Kate kamen wir erst, als wir uns überlegten, wer gut zu "Dirty Robot" passen könnte. Sie hat eine tolle kalte Stimme und so einen verächtlichen Unterton.

Wie liefen die Aufnahmen mit Kate?

Gut. Sie kam und sang es ein. Ich kenne Kate jetzt seit 1994, wir haben ein Kind zusammen und saßen jahrelang zusammen singend irgendwo rum, you know. Ich kenne ihre Stimme.

Welches Cover war das schwerste?

Ach, eigentlich lief bei der Platte alles ziemlich gut, nur die Gespräche mit den Labels nicht. Zuerst stand Rhino monatelang voll dahinter und von einem Tag auf den anderen sagten sie plötzlich, es ginge doch nicht. Also mussten wir buchstäblich in letzter Sekunde ein neues Zuhause finden. Es war ein schwieriger Prozess, herauszufinden, welcher Laden am besten zu uns passt. Aber gut, für welchen Song haben wir am längsten gebraucht, warte mal ... äh ... nein, sie waren alle ziemlich leicht.

"'Rehab' klingt schon im Original wie eine Coverversion"


Welche Songs habt ihr weggelassen?

Einen Song namens "Zero Will Power" von Dan Penn, falls du das kennst. Und Tim Hardins "How Can We Hang On To A Dream". Es gab ein paar Songs, die es nur bis zum Mixing-Stadium schafften, weil uns dann ein Drumpart oder etwas anderes nicht richtig gefiel.

Vor einigen Jahren schrieb ein Kritiker, dass erst die erfolgreiche Kooperation von Johnny Cash und Rick Rubin kommen musste, um der Mehrzahl der Menschen begreiflich zu machen, dass Coverversionen als separate Kunst für sich anzusehen ist.

Und was ist mit Elvis? Mit Patsy Cline? George Jones? Großartige Künstler, die fremdes Material interpretierten. Auch bekannte Songs. Klar, Johnny Cash hat viele Covers aufgenommen, er komponierte auch ein paar gute Songs. Viele Künstler hatten schon immer einen guten Mix in ihrem Repertoire, mit dem sie bekannt wurden.

Kennst du Coverversionen deiner eigenen Songs?

Es gibt sie, sie sind irgendwo da draußen. Keine bekannten Bands. Vor kurzem hat ein ziemlich bekannter Typ aus England was gecovert, aber ich habe den Namen vergessen.

Und dein Favorit?

Gibts nicht. Ich meine, ich habe mir die Sachen angehört, aber anscheinend habe ich das beste Cover noch nicht gehört. Es ... wird ... kommen. Irgendwann.

Gut, zum Schluss möchte ich dir ein paar Songs an den Kopf werfen und von dir wissen, ob sie eine Coverversion wert sind. In Ordnung?

Okay.

T.V. Eye.

Stooges! No, das ist heiliges Terrain. Unter keinen Umständen. Ein Song, der mich seit der High School begleitet.

Master & Servant.

Von wem ist das?

Depeche Mode.

Nie gehört. Da müsste mir erstmal jemand den Song vorspielen. Wobei, ich mag die Band nicht.

Rehab.

Puh, das wäre hart. Ähm ... Ich könnte mir vorstellen, dass es live Spaß machen würde. Aber ansonsten ist die Produktion schon so perfekt, es klingt ja fast schon wie ein Original von Etta James. Es klingt also beinahe selbst schon wie ein Cover. Stilistisch kommt es den Etta James-Klassikern sehr nahe. Es gibt also eigentlich keinen Grund, es nochmal nachzuspielen.

Heaven Knows I'm Miserable Now.

Ein guter Song, ein guter Song. Aber ich glaube er ist ein bisschen zu ... äh, obwohl nein, warum nicht, ja, das könnte man mal versuchen. Eine gute Idee.

Hast du die Smiths schon mal gecovert?

Nein. Früher habe ich immer über Morrissey gelacht, weil ihm scheinbar nicht klar war, wie lustig er ist. Daher mochte ich ihn nicht. Heute respektiere ich ihn, denn ich habe das Gefühl, er weiß jetzt, dass er lustig ist. Damals sah ich das überhaupt nicht. Ich meine, ich war in einer Punkrock-Band. Da lachte man über Leute, die auf R.E.M. und Morrissey stehen. Wir fanden das scheiße.

Okay, weiter im Spiel: Vogue.

Von Madonna? Sehr schwierig. Aber yeah, ich glaube, das ist auch eine gute Idee für ein Cover.

American Idiot.

Oh, ich habe nie ... du meinst Green Day, richtig? Aber ist das nicht der Albumtitel? Ah, da gibts auch nen Song, okay. Ich habe nur diesen "I Walk Alone"-Song gehört, der ist doch von dem Album, oder?

Ja, das ist "Boulevard Of Broken Dreams".

Yeah. Lustigerweise wurde der Song im Haus eines sehr guten Freundes von mir geschrieben. Er hat es diesem Typ untervermietet, Billie Joe. Dort wurde also alles geschrieben. Aber nein, Green Day würde ich nicht covern. Ich habe die Typen mal getroffen und sie erzählten mir, dass sie die Lemonheads schon als Kids gehört haben. Es wäre irgendwie witzlos, sie zu covern. Ich finde ihre Musik in letzter Zeit auch zu überproduziert und zu hymnisch. Ich meine, es funktioniert, sie sind sehr erfolgreich, schön für sie. Aber Green Day? Nein!

Masters Of War.

Der Dylan-Song? That's too much. Ich spiele schon "I Threw It All Away", aber nur live, ich würde nie ... Dylan ist auch unantastbar.

Let's Get Lost.

Chet Baker?

Nein, Elliott Smith.

Oh, das wäre gefährlich. Ich kenne den Song zwar nicht ...

Er ist auf dem posthum erschienenen Album drauf.

Okay, that's tricky. Er ist auf eine ganz eigene Art und Weise sehr gut, in dem, was er tut. Aber es ist immer noch alles so traurig. Ich glaube nicht, dass ich momentan irgend einen Song von ihm covern könnte.

Kanntest du ihn persönlich?

Ich traf ihn ein paar Mal, er war ein sehr lieber Mensch. Er war sehr gut mit Jacky befreundet, die mich auf diese Promotour hier geschickt hat. Dadurch lernte ich ihn kennen.

Ace Of Spades.

Zu gut. An die Power käme ich nie ran. Nicht mal Bill Stevenson (Drummer der Lemonheads, Ex-Descendents, Anm. d. Red.). Es ist so brutal.

Song To Sing When I'm Lonely.

Von wem ist das?

John Frusciante.

Oh gut. Bei mir zuhause stehen ein paar seiner Soloalben rum und ein guter Freund zog eine Zeit lang mit ihm um die Häuser, aber dieser Song sagt mir nichts. Ich kann mir aber gerade nicht vorstellen, etwas von diesen Platten zu covern, obwohl ich sie mir gerne anhöre.

Monk Time.

Monk?

Monk Time. Ein Song der Gruppe The Monks

Oh, yeah, die von 61, amerikanische Jungs hier in Deutschland, stimmts? Es wäre sehr schwer, diese Energie aufrecht zu erhalten. Eigentlich sind die auch unantastbar.

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