laut.de-Kritik

Alles was nicht sein darf, und deswegen großartig.

Review von

Ein lautes Grundrauschen geht "Prelude To Ecstasy", dem Debütalbum von The Last Dinner Party voraus. Sie spielten ohne Plattenlabel als Vorband für die Rolling Stones und sind seit einem Jahr der heißeste Gossip bei unseren britischen Nachbarn. Industry Plant-Vorwürfe gibt es noch keine, auch wenn die euphorischen Vorschusslorbeeren der britischen Kolleg*innen nahezu unheimlich anmuten.

The Last Dinner Party spielten sich erstmal ihre Finger in der hippen Windmill-Location wund und bauten so behutsam eine stetig wachsende Fanbase auf. Auch Black Midi und andere mittlerweile bekannte Post-Punk-Bands entstammen dieser kleinen vitalen Szene. Solche Stories wirken schon fast altmodisch und erinnern an die analoge Zeit der Neunziger oder frühen Nullerjahre, als in Seattle, New York und London noch kleine, lokale Epizentren langsam entstanden und irgendwann durch Mundpropaganda zu groß wurden, um sie noch als kleines Indie-Geheimnis zu bewahren.

The Last Dinner Party wissen natürlich auch genau, wie sie ihren Teil dazu beitragen. Schon optisch fallen sie mit ihrem punkigen Vivien Westwood-Style aus Second Hand-Klamotten und viktorianischem Stil auf, die musikalische Mischung aus Queen-Bombast-Pop und klassischer Rock-Musik passt dazu wie Korkenzieherlocken und Reifrock. Wie eben damals zu Grunge das erdige Holzfällerhemd und zu den Libertines der schnoddrige Gentlemen-Heroin-Look. Das Hype-O-Meter schlägt also bereits so heftig aus, dass die Scheibe beste Voraussetzungen für die absolute Enttäuschung mitbringt.

In "Prelude To Ecstasy" schwillt langsam ein klassischer Orchester-Sound mit Flöten und bedeutungsvollem Streichorchester an, bombastisch und dramatisch wie ein John Williams-Soundtrack. Fast schon unanständig arrogant und dekadent - wann hat man in letzter Zeit bei all den jammerigen Indie-Alben und Shoegaze-Klemmis so einen triumphalen Einstiegsmarsch gehört? The Last Dinner Party wollen nicht nur mal lieb Hallo sagen wie Wet Leg, es geht hier um das ganz große Statement. Rumms, hier möchte aber mal jemand Großes vom Balkon des Palastes an das ausgehungerte Volk verkünden. Und doch ist es ja nur ein Instrumental, dem allerhand Schlechtes folgen kann. Vielleicht auch kein so guter Kniff, die eh große Erwartungshaltung auf unendlich noch weiter anzuheben.

Das Schöne: "Burn Alive", der nun wirklich hochwichtige erste Song, kommt mit verdammt gutem Songwriting. Catchy von der ersten Sekunde, dabei aber nie so pervers aufdringlich wie ein Max Martin-Song. Ja wirklich, die können was. Fleetwood Mac- und Abba-Edel-Pop für Menschen, die sonst beide Bands mit Verachtung strafen. The Last Dinner Party sind gerade alles, was nicht sein darf. Anspruchsvoll, lustig, sich keinem gängigen Zwei-Minuten-Pop-Muster oder Urban-Clothing-Modetrends anbiedernd. Wahrscheinlich setzen sie dafür den Trend in Sachen Musik und Optik.

Aber komm, wir finden noch einen Fehler, über den dieses Album letztendlich doch stolpert und all das Gewese im Vorfeld negiert. Dann eben der nächste Song. "Caesar on a TV Screen" klingt schon so doof, irgendwann fallen die Mächtigen ja doch, oder? Nein! Auch die folgenden Tracks schafft die Sängerin einfach so nach Hause, als ob solcher Glanz-Pop mal einfach jedem auf diesem Planeten einfach so zufalle. Tempowechsel, gar nicht mal so unkomplizierte Bridge und Tonlagen, an denen andere scheitern. Wie können die schon so früh, so unfassbar, so selbstsicher und ohne Schwächen solche Songs einfach so nach Hause wuppen? Normale Bands brauchen dafür erstmal ein paar Anläufe, jahrelanges Scheitern und ständiges Verbessern. Ich kann die Freudentränen, die man wegen dieser Entdeckung bei Sony vergießt, praktisch als Sturzfluten vor mir sehen. So ein Album kommt nur alle paar Jahre auf den Tisch eines bereits verbitterten, in die Jahre gekommenen Musikkritikers, der längst den Glauben an ein wirklich großes Album des Jahres aufgab.

The Last Dinner Party bieten direkt vom Start ordentliche Feinkost an, durch Arctic Monkeys-Produzent James Ford noch einmal veredelt. Wie immer man zu dieser Band auch stehen mag, keiner kann behaupten, dass ihre Alben nicht hervorragend produziert sind. Und das gilt auch für "Prelude To Ecstasy", das in seinen zwar eingängigen, aber auch komplexen Pop-Strukturen einen ebenso fähigen Fachmann im Studio brauchte. Die vielen Feinheiten und Dynamiken in Stimme und Instrumentalisierung bieten genug Fallen, von daher eine weise Entscheidung, einen ausgewiesenen Fachmann für dieses anspruchsvolle Pop-Album zu holen. "Sinner" hat mit Chören und Up-Tempo-Switch Potential zum Chaos, bleibt aber dank Band und Produzent kompakt zusammen. Nur eine kleine Nuance, und es hätte die Grenze zur Nervigkeit überschritten. Und kaum zu glauben, die können nicht nur Pop. "My Lady of Mercy" dronet zu Beginn wie ein Black Sabbath-Song und stellt mit allerhand Virtuosität auch die Gitarren-Fraktion zufrieden.

Ein leicht hämisches Schmunzeln ist bei "Nothing Matters" erlaubt, das von der Melodie an das längst vergessene 90er-Soul-Pop-Duo Charles & Eddie mit ihrer schleimigen Saubermann-Nummer "Would I Lie To You?" erinnert. Geschenkt, denn keiner unter Vierzig erinnert sich an den jauligen Schmachtfetzen. Und falls du doch dran erinnerst: Allein "Mirror", der Lana Del Rey Song, auf den wir seit Jahren warten, vertreibt sämtliche Erinnerungen an die Niederungen der antiken Charts-Musik.

Album der Woche? Vergiss es, das wird am Ende des Jahres sehr weit oben stehen. Hoffentlich haben The Last Dinner Party nicht schon zu Anfang alles Pulver verschossen. Sollte es aber so sein, hat die Band immerhin einmal eine prächtige Feuerwerks-Symphonie vorgelegt und den Pop-Standard für dieses Jahr nach oben gelegt. Und falls sie wirklich jemals dieses erstaunliche Debüt übertreffen, gehört ihnen endgültig der ganze Planet. Schön, dass ein Hype mal wieder seine absolute Berechtigung hat. Also hör auf zu grummeln und mach bei diesem großen Spaß mit!

Trackliste

  1. 1. Prelude To Ecstasy
  2. 2. Burn Alive
  3. 3. Caesar on a TV Screen
  4. 4. The Feminine Urge
  5. 5. On Your Side
  6. 6. Beautiful Boy
  7. 7. Gjuha
  8. 8. Sinner
  9. 9. My Lady of Mercy
  10. 10. Portrait of a Dead Girl
  11. 11. Nothing Matters
  12. 12. Mirror

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14 Kommentare mit 15 Antworten

  • Vor 28 Tagen

    Ich verfolge den Rummel um die Band jetzt schon seit einem halben Jahr und bin happy dass das Album jetzt endlich da ist und nicht enttäuscht, sondern tatsächlich Begeisterung auslöst. Ein großer Spaß ist es auf jeden Fall. Ich kann zwar voll verstehen, wenn einem diese ganz große Geste, diese Theatralik zu viel ist, aber mir taugt es extrem. Und musikalisch gut gemacht ist es allemal.

    Allerdings muss ich zwei Punkte im ersten Abschnitt korrigieren: 1) Der "Industry Plant"-Vorwurf verfolgt die Band bereits seit fast einem Jahr, das war so ziemlich das erste, was ich über die Band wusste. Ist aber natürlich Quatsch. 2) Sie sind nie "als Vorband" von den Stones aufgetreten. Sie waren die Opener an einem Festivaltag, wo die Stones als Headliner aufgetreten sind. Diese "Vorband"-Story kommt aus der gleichen Richtung wie die "Industry Plant"-Sache.

  • Vor 28 Tagen

    Teilweise sehr Abba-esk, etwas viel Bombast, aber tolle Melodien und gut produziert. Lässt mich gespalten zurück. 3 1/2 Punkte bis jetzt…

  • Vor 28 Tagen

    Ist mir ne Idee zu sehr Pomp um des Pomp Willens. Die letzte Prise Eigenständigkeit fehlt, die ihre Idole hatten. Ist sehr respektabel und kaum haßbar. Aber lieben können werde ichs vermutlich nicht.