28. Mai 2009

"Die Songs sollen nerven!"

Interview geführt von

"Primary Colours" heißt das neue, spektakuläre Album der südbritischen Band The Horrors. Anstatt wieder wild am Dezibel-Regler zu drehen, schichtet das Quartett neuerdings durchaus subtil Noise- und Psychedelic Rock-Elemente.Die toupierten Haare und bleichgeschminkten Gesichter der Promofotos zum 2007er Debüt "Strange House" sind passé. The Horrors halten es visuell heuer wie auf ihrem aktuellen Albumcover: bis zur Unkenntlichkeit verschwommen.

Die neue Ästhetik macht Sinn. Mit Produzent Geoff Barrow (Portishead) hat man sich vom Stil des Debüts um Lichtjahre entfernt. Etwas gelangweilt beantwortet uns Horrors-Sänger Faris Badwan die daraus resultierenden Fragen. Eines ist klar: zum ersten Mal hört er sie nicht.

Der Video-Regisseur Chris Cunningham hat laut Labelinformationen außerhalb seines eigentlichen Metiers immer noch irgendwas mit euch zu tun. Was genau macht der eigentlich?

Er produzierte zwei der neuen Songs, "Three Decades" und "Primary Colours".

Worin besteht das Geheimnis eurer Zusammenarbeit?

Ich weiß nicht, ob es da ein Geheimnis gibt. Chris unterstützt uns einfach schon seit Ewigkeiten. Er hat uns bei einer unserer allerersten Shows gesehen. Seither hat sich eine gute Zusammenarbeit mit ihm entwickelt, da wir auch sehr ähnliche Arbeitsstrukturen haben. Wir können beide ziemlich stur hinter bestimmten Ideen her sein.

War es schwer, ihn für das neue Projekt zu begeistern?

Nein, überhaupt nicht. Er hat schon sehr früh angefragt, ob wieder etwas möglich wäre. Wie gesagt, er ist ein großer Supporter der Band.

Im Vorfeld der Albumveröffentlichung sickerte außer dem Albumtitel und dem Produzentennamen Geoff Barrow so gut wie gar nichts an die Öffentlichkeit. War diese Geheimhaltung Teil des Plans?

Wir wollten selbst entscheiden, wann wir die Platte veröffentlichen und nicht allzu viele Worte darüber verlieren. Die Platte spricht für sich selbst.

Aber jetzt sprechen wir auch über das Album.

Sicher, ich meinte auch weniger solche Dinge wie Interviews. Wir wollten einfach, dass die Leute von sich aus auf die Platte stoßen. Sie sollen sie finden.

Okay und wie habt ihr Geoff Barrow gefunden?

Oh, wir trafen Portishead auf dem ATP Festival. Sie luden uns ein, für sie zu spielen und so kamen wir auch in den Genuss ihrer Liveshow. Das neue Portishead-Album hat uns sehr beeindruckt. Als Geoff uns anbot, die Platte zu produzieren, war das natürlich eine Ehre.

Er interessiert sich sehr für akustische Experimente und wie sich heraus stellte, harmonierten auch unsere Arbeitsmethoden. Ihm gefielen unsere Demos und als wir dann im Studio waren, wollte er den Songs eine rauhe Kante geben. Die Songs sollten nerven.

Er ließ also die sonischen Knarz-Attacken und Feedbackschleifen von der letzten Portishead einfach aus seiner Festplatte purzeln.

So ungefähr. Das war natürlich schon ein Sound, zu dem wir aufblickten. "The Rip" ist einer der interessantesten Songs, die ich in den letzten zehn Jahren gehört habe. Fantastisch.

"Jede Band sollte etwa fünf Platten veröffentlichen"


Nenne uns bitte einen typischen Geoff-Satz im Studio?

Einen typischen Geoff-Satz, warte mal .... (überlegt) Ja: Wenn etwas gut gelungen ist, war es bei ihm "rough as fuck". (lacht)

Wie hat er euch im Studio gepusht?

Ach, ihm war es vor allem wichtig, dass wir den Geist und die Atmosphäre der Demos bewahren und die Aufnahmen nicht überfrachten.

Beschreibe doch mal einen typischen Tag mit ihm im Studio.

Zunächst mal schlafen wir aus. Dann treffen wir uns und er hängt ewig am Telefon. Du merkst schon, alles sehr relaxt. Je später der Tag, desto konzentrierter gehen wir dann zu Werke. Und dann arbeiteten wir eigentlich immer bis spät in die Nacht, was ich auch als viel produktiver empfinde. Davon abgesehen kann ich morgens eh nicht singen.

Eure neuen Songs sind recht episch geraten. Würdest du Geoff hier auch Einflüsse zuschreiben?

Nein, eigentlich bestand seine Aufgabe darin, uns immer an den Demo-Charakter der Songs zurück zu erinnern. Ich persönlich stehe sehr auf Soundscapes, auf cineastische, ausladende Musik, sei sie fröhlich oder melancholisch. Wenn Musik dazu in der Lage ist, eine große Palette an Emotionen anzusprechen, ist sie in der Regel großartig. Dieser Effekt war mir sehr wichtig.

Das Album erscheint auf XL Recordings. Gab es Stress mit eurem alten Label Universal?

Nein. Aber es ist halt so: Wenn du eine bekannte Popband bist, ist ein Majorlabel genau richtig für dich. Bist du es nicht, musst du sehr viele Kompromisse eingehen. XL ist für eine Band wie uns einfach die bessere Lösung. Mein Ausgangspunkt ist immer, dass eine Band so um die fünf Alben veröffentlichen sollte, um sich überhaupt erstmal zu entwickeln und um neue Ideen und verschiedene Facetten ihres Sounds auszuarbeiten. Bei einem Majorlabel ist das eigentlich nicht möglich. Viele Bands machen ein oder zwei Alben und lösen sich dann auf.

Universal wollte euch diese Zeit nicht geben.

Universal wollte ... das ist eigentlich ziemlich lustig. Universal wollte, dass wir Songs schreiben, die im Radio laufen. Woraufhin wir sagten, wir hätten keine Lust auf Kompromisse dieser Art. Ich sehe es daher nicht ohne Ironie, dass unsere neue Platte im Vergleich zur alten sehr viel kommerzieller ausgefallen ist. Damit konnten sie nicht rechnen.

"Die neue Yeah Yeah Yeahs-Platte ist brilliant"


Dieser Punkt dürfte auch für den größten Diskussionsstoff sorgen: Wie kam es zu der radikalen Abkehr eurer punkigen Garage Rock-Wurzeln?

Das ging auf ganz natürliche Weise vonstatten. Wir saßen nicht im Kreis und fassten gemeinsam den Entschluss, jetzt mal eine ganz andere Musikrichtung auszuprobieren. Wir sahen es eher als große Chance an, eine kohärente Platte zu machen, auf der die einzelnen Songs miteinander in Verbindung stehen. Die erste Platte war das Ergebnis einer Band, die ihre ersten zwölf Monate gerade hinter sich gebracht hat. Damals hätten wir gar nicht die Möglichkeiten gehabt so aufzunehmen wie jetzt.

Wie reagierst du auf Vorwürfe, eure neue Platte klänge überhaupt nicht nach einer natürlichen Entwicklung?

Nun, diese Vorwürfe stammen sicher nicht von jemandem, der auf die Musik steht, die wir lieben. Ich mag jedenfalls keine Bands, die vorhersehbar sind oder die dreimal die selbe Platte aufnehmen. Solch eine Kritik hat meiner Ansicht nach keine Berechtigung.

Gab es dann eine Art Schlüsselmoment, als die Richtung des neuen Sounds deutlich wurde?

Nein. Wir haben die Weiterentwicklung nicht händeringend gesucht, wir wollten einfach Neues ausprobieren, experimentieren, lernen.

Wie beurteilst du euer Debüt rückblickend?

Viele Menschen tendieren dazu, frühe Aufnahmen abzulehnen oder klein zu reden. Ich bin da anderer Meinung. Alles hat seine Zeit. Jede Platte ist ein Sprungbrett zu einem neuen Ort. Ich mag unser Debüt, es dokumentiert einen bestimmten Zeitabschnitt. Nun haben wir uns zu einem neuen weiter bewegt.

Seid ihr noch mit Nick Zinner in Kontakt, eurem Ex-Produzenten?

Ja, gerade gestern haben wir telefoniert, da seine Band nach England auf Tour kommt. Die Yeah Yeah Yeahs klingen jetzt übrigens auch ziemlich anders, weil er auf der neuen Platte Keyboards statt Gitarre spielt. Was showtechnisch zwar schade ist, denn ich fand es immer genial, wie er an der Gitarre abging. Aber die neue Platte ist brilliant.

Welche Rolle spielten für euch eigentlich Bands wie Echo & The Bunnymen, My Bloody Valentine oder die Krautrocker von Neu!?

Also, ich besitze keine Platten von diesen Bands, werde mir aber jetzt ein paar zulegen, weil ich so viele Vergleiche höre. Neu!, Can und Cluster hören wir aber alle gerne. Zu My Bloody Valentine ist zu sagen, dass wir die Feedback-Sachen von Kevin Shields schon immer sehr mochten, auch während der Aufnahmen unserer ersten Platte. Selbst wenn das vielleicht nicht so offensichtlich ist.

Wenn du für fünf Minuten mit einer Person der Vergangenheit sprechen könntest: Wer wäre das und was würdest du sagen?

Ich glaube, ich wollte mal mit dem Serienkiller Ted Bundy sprechen und ihn fragen, was für eine Art Vergnügen es ihm bereitet hat, Menschen umzubringen. Er müsste mir die einzelnen Gefühlsausprägungen beschreiben, die ihn überkamen, als er die Morde verübte.

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