laut.de-Kritik

Mit Synthies gegen das Post-Hype-Dilemma.

Review von

Da liegt sie auf dem Schreibtisch, die neue Horrors-Platte. Fast ist man versucht, das erste Durchhören hinauszuschieben. Bloß ein wenig, um das liebgewonnene Bild der Band nicht zu gefährden. Immerhin muss ein enormer Druck auf den fünf Briten gelastet haben: Die Messlatte liegt hoch nach dem vielgelobten und Mercury-Prize-nominierten Vorgänger. Der riss die Musikpresse kollektiv zu Lobgesängen hin, für die andere Bands ihre letzte Fender dem Teufel verkaufen würden. Der NME kürte "Primary Colours" gar zum besten Album des Jahres.

Doch die Neugier überwiegt: Wenn schon die Frage, ob das verkitschte Cover-Panorama ernst- oder scherzhaft verstanden sein soll, ungeklärt bleiben muss, so soll zumindest eruriert werden, was aus dem düster-effektvollen Songwriting und den passgenau gesetzten Akzenten geworden ist, die Kollege Schuh vor gut zwei Jahren zu Vergleichen mit My Bloody Valentine und Echo & The Bunnymen anspornte.

Derlei Parallelen haben nach wie vor Gültigkeit, wenn auch mit anderer Ausrichtung. Der Nexus der Band hat sich verschoben und umschließt im Jahr 2011 auch synthpoppige Bezugspunkte aus einer Zeit, in der die fünf Mittzwanziger noch nichts von britischen Wave-Heroen wie Tears For Fears oder Ultravox wussten.

Beim zweiten Anhören springt der Funke endgültig über: Der Opener "Changing The Rain" schichtet bedrohlich Percussions und den in typisch träger Horrors-Manier wabernden Bass übereinander. Ausgedehnte Gitarren- und Synthieflächen künden von Düsternis und Erhabenheit zugleich, und Faris Badwans schaurig-schönes Organ versetzt Herzwände in Vibration.

Seine Stimme klingt noch runder, die Tonfarbe noch dunkler als zuvor. Das zeigt sich auch bei "Still Life": Fast stockend kommt die erste Single-Auskopplung in Gang. Das in unablässiger Wiederholungsschleife leiernde, rückgespulte Sample aus dem Intro, das den Song dezent durchzieht und ihm eine psychedelisch angefixte Schräglage verpasst, ist von einlullender Gleichförmigkeit. "Slow down, give it time", das Leitmotiv des Songs: Getragen von schleppender Bassline, weitschweifigen Keyboardmelodien, Schlittenglocken und Trompetenfanfaren findet das Album hier seinen melancholisch-glanzvollen Höhepunkt.

Was auf "I Can See Through You" und "You Said" unter ausgedehnter Synthieklimperei, Arpeggio-Läufen und bedeutungsschwerem Timbre zunächst an die White Lies erinnert, wächst Takt um Takt über bloße Referenz hinaus. Ein schwerfälliges Drumset und diskret eingestreute Orgelklänge erheben die Songs über allzu manierierte Pomp- und Pathos-Momente. Zwar ist dem Songwriting eine gewisse reizvolle Theatralik immanent. Doch den großen Kitsch-Rundumschlag weiß die Band stets zu vermeiden. Die dramatische Garderobe und das affektierte Make-Up, zuvor noch Markenzeichen der Horrors-Optik, haben die Fünf entsprechend abgestreift.

Trotz der Affinität zum eher pop-orientierten New Wave der Marke OMD haben Badwan und seine Gang ihren Hang zu rabenschwarzem Post-Punk mit Krautrock-Charakter und Shoegaze-Effektspiel nicht eingebüßt. Die betörende Monotonie von Rhys Webbs Bassspiel und die Liebe zum Reverb, das Schwelgen in morbider Soundästhetik und verhallten Songstrukturen, die tiefgreifende Festlichkeit in Fadwans Stimme und die leicht übersteuerten Gitarren wirken infektiös.

Eine sukzessiv aufbauende Instrumentierung zu gloriosen, teils hymnenartigen Arrangements runden die ernste Gravität der Platte ab. Das somnambule "Oceans Burning" schließt den elegischen Reigen und dürfte allen Befürchtungen, The Horrors steckten im Post-Hype-Dilemma fest, Lügen strafen.

Trackliste

  1. 1. Changing The Rain
  2. 2. You Said
  3. 3. I Can See Through You
  4. 4. Endless Blue
  5. 5. Dive In
  6. 6. Still Life
  7. 7. Wild Eyed
  8. 8. Moving Further Away
  9. 9. Monica Gems
  10. 10. Oceans Burning

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6 Kommentare

  • Vor 8 Jahren

    Trotz oder gerade der prominenten Fürsprecher und visuellen Schützenhilfe, die The Horrors von Anfang an auf der Insel genossen - es war ein weiter Weg von "Sheena is a parasite" bis zu "Skying". Ich find es auch gut, dass die Band sich erstmal vorsichtig in dem Stil von "Primary Colours" eingenistet hat, und diesen hier geschickt ung konsequent ausbaut. Dafür, dass die vor nicht mal 4 Jahren alle eigentlich so gut wie nix mit Musik am Hut hatten, klingt das Album ziemlich gekonnt. Die Gefahr des Abdriftens in beliebigen Chart-Pop seh ich für die nächsten Jahre noch nicht, selbst wenn einiges zugänglicher, ruhiger oder geglätteter als auf dem Vorgänger klingt - dafür aber indes auch düster als auf dem eh schon vernebelten "Primary Colours". Hier schließt eine Band gerade die erste Selbstfindungsphase ab und rutscht weiter nach oben auf der Live-Wunschliste...

  • Vor 8 Jahren

    Ich liebe das neue Album von The Horrors.
    Was mich erstaunt, ist, dass egal welche Kritik ich lese, der Song, der mich von Anfang an als erstes gefesselt hat, nirgendwo erwähnt wird. Es ist "Dive In". Dieser Song haut mich um und macht süchtig!!!

  • Vor 8 Jahren

    wenn die kritik schon gehoben klingen soll, dann bitte richtig schreiben: das verb "erurieren" gibt es nicht ;)

  • Vor 8 Jahren

    Klingt nach dem ersten probeweisen Anhören sehr vielversprechend. Obwohl mich das erste Album sofort gefangen hat und ich von der Ausrichtung des zweiten etwas weniger begeistert war, bin ich gespannt, was nun die dritte Scheibe mir bieten wird...
    @seb.dd (« wenn die kritik schon gehoben klingen soll, dann bitte richtig schreiben: das verb "erurieren" gibt es nicht ;) »):

    und "Lügen strafen" schließt man meines Erachtens auch an einen Akkusativ an.

  • Vor 8 Jahren

    Für mich Top-Ten Release dieses Jahr. Geht runter wie Öl.