laut.de-Kritik

Eine emotionale Dampfwalze zum Neuanfang.

Review von

The Ghost Inside waren schon immer griffig in ihrer Wortwahl, immer schon nah an der Emotion und nie verkrampft um verschlüsselte Metaphern bemüht. So ist das selbstbetitelte Comeback gespickt mit Zeilen, die den tragischen Busunfall 2015 ohne Umschweife ins Zentrum des Geschehens rücken. "This is the new sound of sacrifice" bringt auf den Punkt, dass diese Platte vor allem eins ist: ein Ventil, um das Erlebte zu verarbeiten.

Vor fünf Jahren kommen der Fahrer ihres Tourbus sowie ein weiterer Trucker im texanischen El Paso bei einem Zusammenstoß ums Leben. Jedes Bandmitglied trägt sowohl körperliche als auch seelische Verletzungen davon. Doch entgegen aller negativen Vorzeichen: Die Könige des Breakdowns kehren zurück.

Dem Titel gemäß, lässt "Still Alive" daran keine Zweifel aufkommen. Wie selbstverständlich ruft der Song bewährte Stärken ab: der rasant wuchtige Hardcore-Einstieg, die subtile Melancholie zwischen den Zeilen und schließlich die ausholende Drohgebärde vor dem Breakdown. Der darf als befreiender Höhepunkt der Spannungskurve nicht fehlen.

Voller Inbrunst wagt sich "Pressure Point" in die Fänge der dunkelsten Erinnerungen vor. Der vernichtende Beatdown-Einfluss zum Ausklang zerschmettert gefühlt jede traumatische Erfahrung. Dieses Extrem ist ebenso neu wie der regelmäßige Einsatz von Klargesang.

Hier und da etwas plump, eine Spur zu poppig ("Make Or Break"), verleihen die Gesangspassagen den Zeilen dennoch mehr Gewicht und eine andere Stimme. In "One Choice" gelingt die Melange aus Ohrwurm und Energiebündel perfekt. Das Markenzeichen der Band ist und bleibt es allerdings, emotionale Durchschlagskraft über die melodische zweite Gitarre zu entfalten. "Unseen" nimmt sich viel Zeit, um das deutlich zu machen.

Der Schicksalsschlag hat The Ghost Inside in ihrer Entwicklung zurückgeworfen. Lange war unklar, ob es überhaupt eine musikalische Zukunft geben kann. Doch in dieser Zeit haben die Kalifornier ihre Sinne für das Wesentliche geschärft, für die persönliche Dimension in Text und Sound, die sie seit "Returners" auszeichnet.

"Dear Youth" hatte sich 2014 noch auf die Fahne geschrieben, das wütende Echo einer ganzen Fan-Generation zu sein. Der persönliche Bezug ging dabei etwas unter. Die Themen wurden zu groß, das Songwriting war nicht mehr so frei. Mit diesem Comeback manifestiert sich nun vor allem eine Rückbesinnung auf die eigene Gefühlswelt.

In der scheppert es natürlich gewaltig. Laut genug aufgedreht, kann man den inneren Kampf regelrecht spüren, den jedes Bandmitglied auf seine Weise mit der Vergangenheit austrägt. Im Kollektiv entsteht daraus eine emotionale Dampfwalze. "Now or never", brüllt Jonathan Vigil in "The Outcast" und will sagen, dass die Wertschätzung für den Moment inzwischen eine andere ist.

Von diesen demütigen Erkenntnissen zehrt dieses Album. Die schonungslose Konfrontation mit alten Wunden stärkt das Bewusstsein der eigenen Identität. Als finaler Flashback fasst "Aftermath" das in einem aufwühlenden Statement noch einmal zusammen. Folgerichtig steht der zuversichtliche Blick nach vorne am Ende der Traumabewältigung: "I'm ready for what tomorrow brings."

Trackliste

  1. 1. 1333
  2. 2. Still Alive
  3. 3. The Outcast
  4. 4. Pressure Point
  5. 5. Overexposure
  6. 6. Make Or Break
  7. 7. Unseen
  8. 8. One Choice
  9. 9. Phoenix Rise
  10. 10. Begin Again
  11. 11. Aftermath

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1 Kommentar

  • Vor 29 Tagen

    Denen verzeihe ich jede Poppigkeit. Dear Youth hat 2014 die Tür in jene Sphären aufgestoßen, die sie sich heute mit Parkway Drive teilen könnten. Stattdessen besagter Unfall nach dem allein der drummer mit Beinprothese sein Instrument quasi neu lernen musste. Album ist groß, die cleanen Vocals ergänzen es super.