laut.de-Kritik

Die Emo-Veteranen machen wieder Rock.

Review von

"Ich habe angefangen über meinen Sohn zu schreiben, der total introvertiert ist und lieber für sich allein bleiben möchte", erzählt Sänger Matt Pryor über seinen Nachwuchs und die Inspiration für den Song "Satellite". Ganz der Papa also, der mit seiner Band The Get Up Kids und vor allem dem Album "Something To Write Home About" Emo-Rock der 90er endgültig zum Durchbruch verhalf. Ein Genre, das einer ganzen Generation eine Abwechslung zum Testo-Rock des kraftmeiernden New Metal gab und punk-beeinflussten Musikern die Chance bot, sich auch abseits von Muskelgeprotze und Schwanzvergleich auszudrücken. Sein Einfluss wurde von einem Magazin als "Nevermind des Emo-Rock" beschrieben.

"Problems" also, zwar nicht 99 wie bei Jay-Z, aber dann doch zwölf Songs darüber, wie es sich anfühlt, in einer nicht sonderlich optimistischen Ära zu leben. Nicht nur die Kinder haben Sorgen, auch 41-jährige Erwachsene wie Matt Pryor schauen besorgt auf die Entwicklungen in ihrem Umfeld und auf die Welt, die sie im Grunde genommen immer noch so wenig verstehen wie früher. Die Get Up Kids bleiben eine verlässliche Konstante in diesen merkwürdigen Zeiten, nur auf den missglückten "On A Wire" und dem erschreckend schwachen "There Are Rules" versuchten die Get Up Kids einen Stilwechsel. Das Ergebnis blieb aber müder Akustik-Folk und ungelenker Umgang mit Elektronik-Elementen.

Das sorgte bei Fans für großen Unmut und folgerichtig ist "Satellite" wieder ein Nostalgie-Schub in die Richtung des ersten Albums. Eine nette Punk-Hymne, die schnell ins Ohr geht und wieder die großen Momente von Klassikern wie "Action & Action" oder "Holiday" einfängt. Genau deswegen mochte man die Get Up Kids einmal so sehr: Dringliche und verzweifelte Rock-Nummern mit hohem Identifikationswert für alle Selbstzweifler da draußen. Matt Pryror braucht keine kryptische Meta-Lyric, um den Hörer schnell für sich einzunehmen. "For me the satellite orbiting the world alone". Der kreisende Himmelskörper als Symbol für Einsamkeit und außenstehende Beobachtung. Einfach, aber als Metapher doch sehr gut gewählt.

Ein Service für Fans, die all die Jahre sehnsüchtig auf eine Rückkehr zum Sound von "Something To Write Home About" hofften und mit dem gelungenen Einstieg und dem zweiten Track "The Problem Is Me" noch einmal das wohlige Gefühl der guten alten Zeiten bekommen. In solchen Punk-Momenten funktioniert "Problems" außerordentlich gut, die Texte bedienen zudem weiterhin den Underdog-Status: "I saw Lou Barlow On The Streets/ I think he didn't notice me" ist sympathisches Kokettieren. Der Dinosaur Jr-Bassist sollte jedenfalls schon einmal von der neben Jimmy Eat World bekanntesten Emo-Rock-Band gehört haben.

Diese ungestüme Power fordert Tribut, denn "Problems" geht leider schnell die Luft aus. Songs wie "Salina" und "Waking Up Alone" sind radiotauglicher Alternative Rock, der unangenehm an die späten Goo Goo Dolls erinnert. Der zahme Dad-Rock gemahnt daran, dass Pryor und seine Bandmitglieder mittlerweile auch keine rehäugigen College-Studenten mehr sind. Irgendwann fühlen sich Klassentreffen eben doch schal an und die Hüfte zwickt.

Die anderen Emo-Veteranen American Football haben dieses Dilemma allerdings mit einem erwachsenen, aber nicht uninteressanten Weg in neue und ruhige Shoegaze-Soundgefilde gelöst. Die einstmals energiegeladenen Get Up Kids sind eben doch zahme Way Down-Adults geworden und verabschieden sich mit der poppigen Schmalz-Nummer "Your Ghost Is Gone" aus einem Album, wo trotz solider Songs doch so viel mehr möglich war.

Trackliste

  1. 1. Satellite
  2. 2. The Problem Is Me
  3. 3. Salina
  4. 4. Now Or Never
  5. 5. Lou Barlow
  6. 6. Fairweather Friends
  7. 7. Common Ground
  8. 8. Waking Up Alone
  9. 9. The Advocate
  10. 10. Symphony Of Silence
  11. 11. Brakelines
  12. 12. Your Ghost Is Gone

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