laut.de-Kritik

Die Vertonung einer Hubschrauberlandung.

Review von

Ich kann mich wirklich nicht erinnern, wann ich zuletzt bzw. ob ich überhaupt schon jemals ein Album zur Rezension erhielt, dessen Eröffnungssong die Länge von zehn Minuten überschritt. Nun, die nächste John Frusciante-Platte kommt bestimmt. Zunächst soll es hier aber um eine Band gehen, die aus zwei Geschwistern besteht, Eleanor und Matt Friedberger. Trotz deutsch klingendem Nachnamen handelt es sich um zwei musizierende Amis, was eigentlich schade ist, sonst würde ihre Band nämlich "Die glühenden Hochöfen" heißen.

Der Brennstoff ist alles andere als alltäglich: Gleich "Quay Cur" ist ein harter Brocken, absonderlich, undurchschaubar, wirr, und somit ein atypisches Fiery Furnaces-Stück, das in ausgedehnter Form vorweg nimmt, was in den folgenden 65 Minuten noch alles im brutzelnden Sound-Ofen zum Glühen gebracht wird. Es beginnt mit geradezu manisch wabernder Elektronik, erfährt dann eine plötzliche Rhythmusattacke der Akustikgitarre, bevor der Hörer Zeuge eines düsteren Umschlagens in fließend pinkfloydeske, oder sagen wir besser sydbarretteske Klanggefilde wird, während im Hintergrund beharrlich hackende, mollbehangene Pianoanschläge der Lebenslust lauthals Lebewohl sagen. Uff! Darüber singspricht Sängerin Eleanor scheinbar unbeeindruckt mit heller Glockenstimme, die allerdings, ähnlich der Musik, in Sekundenbruchteilen von Dämonen heimgesucht werden kann.

Der bisweilen suizidal anmutende Soundtrack löst Gefühlswallungen aus, die denen der ereignisreich inszenierten Bilder des alltäglichen Wahnsinns in Paul Thomas Andersons Film "Magnolia" nicht unähnlich sind. "And now I'll never never never feel like I am safe again", juchzt Eleanor in schönster Robert Smith-Elegie inmitten eines Soundteppichs, der von der Vertonung einer Hubschrauberlandung nicht mehr allzu weit entfernt ist. Sehnsucht nach Geborgenheit als Fluchtweg aus dem Chaos? Statt solch romantisch verklärte Hoffnungen zu befriedigen, suhlen sich die Fiery Furnaces lieber ausgiebig in wilder Disharmonie, und lassen die zahlreichen melodiösen Stellen mit hämischem Grinsen nur kurzzeitig die Überhand gewinnen ("Mason City", "Paw Paw Tree").

Der Avantgarde-Anspruch des Duos, der aus jeder einzelnen Note lugt, ist auf Dauer recht anstrengend. Mit einem waschechten Delta Blues-Riff beginnt "Straight Street" das Ohr zu umschmeicheln, doch nur wer beim Opener zu schnell weitergeskippt hat, hofft auf baldige Erlösung durch Harmonie. Die ellenlangen Texte Eleanors verstärken den Poetry-Charakter des Vortrags, der sich mal um Ericsson-Handys und Piraten, mal um Spanien und Leverkusen (!) dreht. "Birdie Brain" könnte glatt als Reminiszenz an "Somewhere Over The Rainbow" durchgehen.

Das vor vier Jahren nach New York umgesiedelte Duo aus Chicago verpflichtet sich auf ihrem Zweitling so innig wie lange keine Band vor ihnen der Unberechenbarkeit und lässt scheinbar gegensätzliche Pole, zugegeben: ziemlich kunstfertig ineinander verschmelzen. Brian Eno-Elektronik, Captain Beefheart-Wirrnis, Tom Waits'sche Variété-Melodien und frühe Lou Reed-Kakophonien; Genie und Wahnsinn wandeln Hand in Hand. Nach eingehender Beschäftigung ist man sich zwar nicht sicher, welchem Pol das Geschwisterpaar wohl näher ist, das Soundfeuer im Kopf flackert aber noch ein ganzes Weilchen nachdem der letzte Ton des Albums verklungen ist.

Trackliste

  1. 1. Quay Cur
  2. 2. Straight Street
  3. 3. Blueberry Boat
  4. 4. Chris Michaels
  5. 5. Paw Paw Tree
  6. 6. My Dog Was Lost But Now He's Found
  7. 7. Mason City
  8. 8. Chief Inspector Blancheflower
  9. 9. Spaniolated
  10. 10. 1917
  11. 11. Birdie Brain
  12. 12. Turning Round
  13. 13. Wolf Notes

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Abkürzungen sind manchmal ja schon toll. Im Musikbereich kennen wir zum Beispiel QOTSA, längst im täglichen Sprachgebrauch angekommen ist auch TAFKAP.

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