laut.de-Kritik

Liebe ohne Komplikationen? Nur auf den ersten Blick.

Review von

Mit wohlfein gewählten Worten postulierte der Dramatiker, Lyriker und Regisseur Bertolt Brecht in seinem Aufsatz zum 'epischen' Theater: "Die Darstellung setzte die Stoffe und Vorgänge einem Entfremdungsprozess aus. Es war die Entfremdung, welche nötig ist, damit verstanden werden kann." Wir merken uns: Entfremden kommt vor Verstehen. Nun ist Musik nicht gleich Theater, wie jeder weiß.

Der performative Charakter verbindet jedoch beide Künste, so dass in diesem Falle die Gleichsetzung von Musik und Theater einmal gerechtfertigt sei. Das Bostoner Duo The Dresden Dolls gibt sich mit seinem selbstbetitelten Erstling alle Mühe, die Zuhörer auf sichere Distanz zu halten. Und das gleich in mehrfacher Hinsicht: Ästhetisch irgendwo zwischen der Eleganz der Belle Epoque und der Verruchtheit der Cabaretbühnen Weimars angesiedelt, haben The Dresden Dolls den Exotenbonus voll auf ihrer Seite. Verfremdung, um in brecht'sches Vokabular zurückzukehren.

Damit nicht genug. In netten Kostümchen über die Bühne hüpfen, das hat Altmeister Bowie schon vor längerer Zeit vorgemacht, so dass hier gewisse Abnutzungseffekte zu beobachten sind. In punkto Instrumentierung können The Dresden Dolls aber richtig punkten. Den Dreiklang Gesang, Piano und Schlagzeug verbucht allenfalls Ex-Neubauten-Krachmacher FM Einheit unter Mainstream. Doch der ist in dieser Hinsicht ohnehin vorbelastet, wenn man sich seines Projektes Stein erinnert. Bleibt festzuhalten: Verfremdung auch hier.

Taucht man tiefer in die Welt der Dresden Dolls ein, dann kommen mit Amanda Palmer und Brian Viglione zwei eigenwillige Künstlerpersönlichkeiten zum Vorschein. Sängerin Palmer lebt die Hass-Liebe zu ihrem Piano ungezügelt aus, wie den Hörern mit den wild auf die Tastatur gehämmerten Akkordfolgen von "Girl Anachronism" auf einen Schlag bewusst wird. Da sie aber kein schlechter Mensch ist, streichelt sie ihr Piano bei "Missed Me" beinahe liebevoll. Schizophrenie, die verstört, oder sollte man besser sagen: befremdet?

Erstaunlich, dass Schlagzeuger Brian Viglione den Drumstick halbwegs konventionell auf die Felle oder sonstige Objekte niederkrachen lässt. "Wo bleibt die Distanz? Wo die Verfremdung?", fragt man, gestählt nach rund einer Stunde brecht'scher Schocktherapie selbstbewusst, und lehnt sich mit dem Lächeln des Verstehens im Gesicht entspannt zurück.

Alles könnte so schön sein, würde nicht Amanda Palmer mit freundlich warmer Stimme ins Mikro singen: "Coin operated boy, sitting on the shelf, he is just a toy, but I turn him on, and he comes to life, automatic joy, that is why I want a, coin-operated boy, made of plastic and elastic, he is rugged and long-lasting, who could ever, ever ask for more, love without complications galore". Pragmatismus, der verstört und das Gesicht erstarren lässt. Dresden Dolls, ihr habt gewonnen. Und das mit dem Verstehen kommt sicher noch. Der alte Brecht wusste doch wovon er sprach, oder?

Trackliste

  1. 1. Good Day
  2. 2. Girl Anachronism
  3. 3. Missed Me
  4. 4. Half Jack
  5. 5. 672
  6. 6. Coin-Operated Boy
  7. 7. Gravity
  8. 8. Bad Habit
  9. 9. The Perfect Fit
  10. 10. The Jeep Song
  11. 11. Slide
  12. 12. Truce

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