laut.de-Kritik

Schöne Lieder, um mal ein bisschen im eigenen Leid zu baden.

Review von

"Oh, I wish I'd never ever seen your face" heißt es im Refrain von "The One That Got Away". Den Satz könnte Joy Williams auch ihrem ehemaligen Kollegen John Paul White an den Kopf geworfen haben oder umgekehrt. Der große Krach zwischen den beiden The Civil Wars-Mitgliedern überschattet ihren Zweitling "The Civil Wars" in der Entstehung.

Gerade weil sie sich in den Songs fast ausschließlich mit Trennungen und glücklosen Liebesbeziehungen befassen, kommt man bei Hören nicht drum herum, ihren Herzschmerz in einen Abgesang voll von tief sitzenden Verletzungen und unausgesprochenen Vorwürfen umzuinterpretieren. Nicht einmal ihr Produzent Charlie Peacock, der ihnen bereits bei ihrem Grammy-prämierten Debüt "Barton Hollow" unter die Arme griff, konnte vermitteln.

Die Aufnahmen begannen zwar bereits 2012, als die Welt bei The Civil Wars noch in Ordnung war, doch endeten im Frühling dieses Jahres damit, dass die zwei Amerikaner ihre Parts getrennt voneinander einspielten und kaum mehr miteinander sprachen. Fatal für ein Duo, zu dessen großen Stärken seine Duette gehören. Dynamik oder gar Harmonie bleibt unter diesen Umständen an vielen Stellen auf der Strecke mit dem Ergebnis: Williams dominiert in etwa Dreiviertel der Songs, während White nur irgendwo im Hintergrund zu hören ist.

Als Gegenbeispiel und Erinnerung an eine andere Zeit tritt "From This Valley" an. Der beschwingte Folk-Song über die Natur würde zugegebener Maßen in einer christlichen Kinder-Gesangsgruppe mit seinem "I will pray, pray, pray to the one I love"-Chorus und dem Anruf "Oh Jesus, carry me" nicht weiter auffallen (dazu sei gesagt, dass Williams einst in einer Christ-Pop-Band begonnen hat). Aber so gut aufeinander abgestimmt und hoffnungsvoll klingen sie an keiner anderen Stelle. Der Grund: Geschrieben haben sie diese leichte Kost bereits vor ihrem Debüt.

Doch bloß weil die Stimmung insgesamt etwas eisig geraten ist, bedeutet das noch lange nicht, dass "The Civil Wars" eine Enttäuschung ist. Emotionale Ergriffenheit bieten die Country-Balladen in jedem Fall zu Haufe. Nach dem spannungsgeladenen Western-Ausflug "I Had Me A Girl" mit Gastproduzent Rick Rubin und jeder Menge E-Gitarren folgen mit "Same Old Same Old", "Dust To Dust" und "Eavesdrop" drei recht reduzierte Krisen- und Trennungsnummern. Möchte man gerade ein bisschen im eigenen Leid baden, gibt es kaum was Besseres als diesen unglückseligen Block. In einem anderen Gemütszustand wünscht man sich vielleicht, The Civil Wars würden den Druck auf die Tränendrüse etwas lockern.

Der zweite Teil des Albums wartet aber mit ein paar Überraschungen auf. "Devil's Backbone" fällt am meisten aus der Reihe. Williams selbst bezeichnet den Titel als eine "Americana murder ballad". Unterschwellig aggressiv, mit schweren Gitarren und Drums baut sich so auch die Geschichte des Sünders auf, dessen Geliebte trotz seiner Verbrechen nicht von ihm ablassen kann. Ein ganz ungewöhnlicher Ton für die sonst so zahmen Liebesleiden, der dem Duo aber wirklich gut steht.

Ihre eigene Note versuchen sie "Disarm" von den Smashing Pumpkins und "Tell Mama" von Etta James zu verleihen. Den Coverversionen fehlt es ein wenig an Außergewöhnlichkeit, doch sie fügen sich geschmeidig zwischen dem bluesigen "Oh Henry", dem französischen Tanz "Sacred Heart" und dem bereits erwähnten "From This Valley" ein.

Ohne Frage sind The Civil Wars begabte Musiker, deren sanfte Töne das Herz erwärmen, deren rauere Seite aber auch einiges an Potenzial andeutet, das sie vielleicht noch weiter hätten erforschen können. Dazu wird es wohl leider nicht kommen. Und am Ende muss man einfach feststellen: So gut einem die Platte "The Civil Wars" gefallen mag, hätten die beiden bei den Aufnahmen mehr mit- und weniger gegeneinander gearbeitet, wäre sie vielleicht noch ausgefeilter und stimmiger geworden.

Trackliste

  1. 1. The One That Got Away
  2. 2. I Had Me A Girl
  3. 3. Same Old Same Old
  4. 4. Dust To Dust
  5. 5. Eavesdrop
  6. 6. Devil's Backbone
  7. 7. From This Valley
  8. 8. Tell Mama
  9. 9. Oh Henry
  10. 10. Disarm
  11. 11. Sacred Heart
  12. 12. D'Arline

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