laut.de-Kritik

Energie-Stoß mit Space Rock, Psychedelic und Grunge.

Review von

Grunge gibt es also doch noch. Allerdings wird der Nachschub knapp, zumindest jener mit Außenwirkung. The Bevis Frond zum Beispiel, seit 1986 aktiv, wursteln beinahe unbekannt vor sich hin. Nachdem 2016 drei ihrer Klassiker digital remastered erschienen, liegt jetzt liegt das 26. Studioalbum vor. Die neue Doppel-CD heißt "We're Your Friends, Man" und spart, wie bei der Band üblich, nicht an Spielzeit.

Viele Bezugspunkte ("klingt wie...") für den speziellen Sound dieser Band um Nick Saloman und Ade Shaw findet man in den 85 Minuten nicht. The Bevis Frond loten das Spannungsfeld zwischen Grunge, Alternative Rock, Country und Psychedelic aus, schrammeln manchmal knapp an der Abteilung Industrial vorbei und konzentrieren sich auf durchstrukturierte Songs, bei denen man den Gesang gut hört. Mit der Art, wie heute ProgRock- und Psychedelic-Bands durch fantasielose und viel zu lange Gitarrensoli die Leute hinhalten, hat "We're Your Friends, Man" nichts zu tun (wenn überhaupt, hat es was mit Kevin Ayers zu tun). Wenn sich Saloman & Co. mal acht Minuten gestatten, wie in "Lead On", dann ziehen sie die stringent durch und erzeugen ein leichtes Trance-Gefühl.

Deswegen gelingt es auch gut, bei dieser Musik zu entspannen, abzuschalten. Denn die Herren nehmen einem viel geistige Arbeit ab, und die Platte lässt sich sehr gut in einem Rutsch genießen: Zum einen wechseln The Bevis Frond zwischen kürzeren und längeren, zarteren und lärmenderen Tracks, halten die Sache dynamisch. Zum zweiten sind die Harmonien einzigartig gut. Man erlebt es ja selten, dass auf einem Album lauter gut eingängige Melodien Schlag auf Schlag folgen, hier 20 an der Zahl. Zum dritten beschäftigt einen das Unterbewusstsein hier kaum mit Querverweisen: man fragt sich gar nicht, wo verdammt noch mal ein Schnipsel schon mal auftauchte, der einem als gesampelt bekannt vorkommt - weil hier alles nagelneu ist. Und das sprudelt quasi aus jung gebliebenen Rentnerhänden: Ade Shaw ist 71, Nick Saloman 65.

Was auch eine große Rolle spielt: Nick moduliert sehr gut seine Stimme. Selbst wer kein Englisch versteht, es nicht mag oder nicht hinhören will, merkt etwas von den Gefühlen, die den Sänger umtreiben und kann ab und zu Stichworte aufschnappen. Kein Vergleich, doch eine Assoziation ergibt sich zu Ian Anderson von Jethro Tull, auch einem der großen Geschichtenerzähler.

Um mit ein paar - weit hergeholten - Referenzen ein Gefühl für die Band zu bekommen: Der Gesang hat etwas mit dem Vibrato und den Tonhöhen bei David Thomas von Pere Ubu gemeinsam. Die Akkordfolgen ergeben die besondere mit Trost angereicherte Grunge-Verzweiflung, die Bush in Songs wie "Swallowed" und "Letting The Cables Sleep" ausdrücken. Die Klangfarbe, das Wummern und Dröhnen, das Neil Young in den 90ern in seine Alben einführte, mit den hellen Stimmen und dem melodiösen Folk-Gesang von Crosby, Stills & Nash zu verbinden, gelang einmal, 1999, auf dem Album "Looking Forward". Bei The Bevis Frond gelingt es auf "We're Your Friends, Man" gleich nochmal, wobei wir auf den Choralgesang mehrerer Herren verzichten müssen. Dafür ist die Konsequenz viel ausgeprägter, und der Sänger trifft die Töne.

Nicks Band aus London, die recht amerikanisch klingt, verliert sich nicht in Profilierung, sondern spielt munter und lustvoll drauf los. Möchte man einen herausragenden Song ausfindig machen, drängt sich "Old Wives Tales" als passender Kandidat auf. Der Song ist wohl am massentauglichsten, klingt wie The Beatles auf Hendrix-Gitarre mit Krautrock garniert, womit wir in der Summe im Space Rock landen. Tatsächlich ist Bassist Ade Shaw ein Mitbegründer dieser Stilistik, war er doch einst anno '69 bei der Band Hawkwind, der Band mit der "Silver Machine". Außerdem spielte er ganz am Anfang mit Marc Bolan bei T Rex, ist also schon ganz schön rumgekommen.

Ein Highlight für Sympathisanten der gehobenen Art Rock-Schiene erklingt in "The Steeple Doesn't Reach The Sky", wo man einmal mit dem Wort "Hunky Dory" direkt Bowie ins Spiel bringt und wo der kristalline Gitarrenstil wohl ihm und The Pretty Things abgelauscht wurden. Die reine Akustik-Nummer "Mad Love" fasziniert durch ihr ehrliches, unprätentiöses Songwriting - hier machen The Bevis Frond Bright Eyes-Hörer happy.

Wie diese Platte die Zeit schnell verstreichen lässt, egal was man neben dem Musikhören so tut, bleibt ein Geheimnis der Band. Das Spannungsfeld zwischen Spät-80er-Flair, jaulenden Rückkopplungen und Country Rock-Storytelling verblüfft. "You're On Your Own" lässt einen dann zum Abschluss in ein Bassgitarrengewitter eintauchen, das man am besten mit geschlossenen Augen hört.

Trackliste

  1. 1. Enjoy
  2. 2. We're Your Friends, Man
  3. 3. Pheromones
  4. 4. Lead On
  5. 5. In The Leaves
  6. 6. Little Orchestras
  7. 7. Growing
  8. 8. A Hard Way To Learn
  9. 9. Young Man's Game
  10. 10. Venom Drain
  11. 11. Theft
  12. 12. Gig Bag
  13. 13. I Was A Bird
  14. 14. Old Wives Tales
  15. 15. When You Cast Me Out
  16. 16. Birds Of Prey
  17. 17. And Relax...
  18. 18. The Steeple Doesn't Reach The Sky
  19. 19. Mad Love
  20. 20. You're On Your Own

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