29. Mai 2017

"Als hätten wir mit Geistern im Raum gemixt"

Interview geführt von

"It was fifty years ago today / Sgt. Pepper told the band to play", heißt es am 1. Juni. Vor einem halben Jahrhundert schufen John Lennon, Paul McCartney, George Harrison, Ringo Starr und Produzent George Martin "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band", diesen Koloss von einem Album – und nichts blieb wie es war. Wie epochal die Maßstäbe waren, die sie damit setzten, wie groß die Fußspuren waren und wie viel Strahlkraft dieses Werk auch fünfzig Jahre später immer noch besitzt, muss an dieser Stelle wohl nicht mehr eigens diskutiert werden.

Wie es sich für ein derartig imposantes Jubiläum gehört, erscheint pünktlich zum Geburtstag eine besondere Jubiläums-Edition. Dafür verantwortlich zeichnet Giles Martin – Sohn von Produzentenlegende George Martin – der bereits in der Vergangenheit am Beatles-Backkatalog arbeitete und auch als Produzent von McCartneys "New" fungierte. Martin hat mit einer Mischung aus moderner und Vintagetechnologie einen Stereo-Remix des Jahrhundert-Albums angefertigt. Bis dato griffen Gläubige mit Sehnsucht nach Authentizität zum Mono-Mix, nun liegt erstmals ein Stereo-Mix vor, der das Album auch klanglich in die Jetztzeit bringen will. Dazu gibt es jede Menge Bonus-Material und alternative Takes.

Wir baten Giles Martin zum Gespräch und fragten mal nach, wie Paul und Ringo das Jubiläum so finden und warum wir uns jetzt auch noch den Stereo-Mix kaufen sollen, wo wir schon so viel für die Beatles-Mono-Vinylbox ausgegeben haben.

Giles, lassen Sie mich zu Beginn eine sehr rudimentäre Frage stellen. Als Audio-Standard in Sachen Beatles gelten die Mono-Aufnahmen. Warum braucht es da Stereo-Mixes?

Ohne hier allzu kontrovers daherkommen zu wollen: Die Mono-Mixes klingen einfach ein wenig ihrer Zeit entsprechend – eben alt. Sie sind natürlich toll, aber sie sind eben in erster Linie für Beatles-Fans. Es gibt aber Menschen da draußen, die "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band" noch nie gehört haben. Man muss sich eben auch an neue Generationen wenden. Wir können das, was die Beatles mit meinem Vater auf dem Album gemacht haben, mit fast den gleichen Effekten ins Hier und Jetzt holen, in einem neuen Stereomix.

Zudem gibt es natürlich bereits einen Stereo-Mix des Albums. Man sagt, dass man sich für den damals nicht all zu viel Mühe gab, während man am Mono-Mix lange tüftelte. Wie sehen Sie das?

Ich würde nicht sagen, dass sie sich für den Stereo-Mix keine Mühe gegeben hätten. Sie haben ihn viel mehr einfach sehr schnell gefertigt. Zu jener Zeit war Stereo einfach nicht das gängige Format. Ein Stereomix war etwas ganz Neues. Es gibt zwischen den Stereo- und den Mono-Mixes große Unterschiede. "She's Leaving Home" ist ein gutes Beispiel dafür, das hat auf den Monoaufnahmen sogar ein anderes Tempo als auf den Stereospuren. Einfach weil Paul der Meinung war, es müsse schneller sein. Wir haben die gleiche Technik benutzt wie die Beatles damals, wir haben das selbe Equipment hier im Studio. Es ist fast so, als hätten wir mit Geistern im Raum gemixt. Man muss verstehen, dass zu jener Zeit ein Mix eine Performance war. Man kann nicht wiederholen, was sie damals machten. Wir versuchten, ihre Richtlinien zu befolgen aber auch das zu tun, was für die Sache am besten war.

"Die Beatles sind meine Chefs"

"Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band" gilt freilich als eines der besten Alben aller Zeiten. Spürten Sie da nicht einen immensen Druck bei Ihrer Arbeit?

Ja, natürlich. Als ich mich zum ersten Mal für das "Love"-Projekt bewarb (Martin kollaborierte mit seinem Vater für jenes Remix-Soundtrack-Album) und sie mir sagten, dass sie meine Arbeit mochten, da habe ich mich mit einem Freund unterhalten und gefragt: Möchte ich wirklich an Beatles-Musik arbeiten? Ich hatte nämlich nie die Ambition dazu. Ich wusste, dass ich dann nur noch dafür bekannt sein würde und nur noch das tun würde. Mein Freund hatte damals gerade die Foo Fighters gemixt und meinte: "Ja, aber hast du auch nur den Funken einer Idee, wie viele von uns genau das liebend gerne machen würden? Du musst das machen!"

Natürlich ist da Druck, es geht ja schließlich um ein Album, das von so vielen Menschen geliebt wird. Das möchte man echt nicht versauen. Aber man kann andererseits auch nicht mit diesem Druck arbeiten, das muss man einfach gehen lassen. Ich habe Riesenglück, das Vertrauen der Beatles zu haben. Sie sind meine Chefs. Sie erwarten von mir, dass ich einen guten Job mache. Ich bin ihnen gegenüber in der Verantwortung, so sieht es aus. Sie müssen glücklich sein.

Bis zu welchem Grad waren McCartney und Starr involviert? Hatten Sie freie Hand?

So richtig freie Hand hatte ich natürlich nicht, weil es ja ihre Platte ist. Aber sie ließen mich das machen, was ich für richtig hielt. Und dann habe ich ihnen irgendwann den finalen Mix vorgespielt. Wir haben uns natürlich im Vorfeld über einige Dinge unterhalten. Sie sind sehr fortschrittliche Menschen und sie vertrauen mir. Ich hatte also nicht generell freie Hand, aber ich hatte auch niemanden, der mir dauernd über die Schulter blickte.

Haben Sie mit den beiden auch während des Mixing-Prozesses gesprochen?

Ein Beispiel: Ich habe Paul besucht, als ich mit meinem Mix von "A Day In The Life" noch nicht wirklich glücklich war. Wir haben uns darüber unterhalten, wie großartig der Mono-Mix sei, wie fantastisch Ringos Schlagzeug aus den Boxen käme und wie wir das im neuen Stereo-Mix erreichen könnten. Manchmal ist es einfach schwierig, etwas zu reproduzieren, das in Mono ist. Mono ist eine ganz andere Welt. Darüber haben wir lange gesprochen. Es ist einfach eine große Ehre, ihnen meinen Mix von "Sergeant Pepper's" vorzuspielen, ganz egal ob ich der Sohn von George Martin bin oder nicht.

Es ist einfach eine irre Sache. Auch wenn es ein schwieriger Job ist – es sind keine Egos involviert. Überhaupt nicht. Von mir sowieso nicht, aber auch von niemand anderem. In keinerlei Hinsicht. Es ist eine sehr geschlossene Welt. Die komischste Frage, die man mir immer wieder stellte, war, ob Paul und Ringo die Mixes gehört hätten. Natürlich haben sie das! Wenn die beiden die Mixes nicht gehört hätten, würdet ihr sie jetzt nicht hören können.

Wie sehen die McCartney und Starr das Jubiläum? Sehen sie das 50. Jubiläum entspannt?

Sie wissen schon, dass es sehr wichtig ist. Mein Vater und die Beatles hatten nie geplant, dass dieses Album in fünfzig Jahren noch gehört wird. Das war nie geplant. Es ist aber dieses Riesending daraus geworden. Ich würde nicht sagen, dass sie das alles ganz entspannt sehen. Sie freuen sich viel mehr immens darüber, dass die Musik so wundervoll weiterlebt und immer noch so frisch klingt. Die Aufnahmen sind ja einfach auch so gut. Es würden eine Menge Leute viel Geld dafür bezahlen, um so einen Sound hinzukriegen. Und die Musik darauf, die wird ja sowieso nie alt.

Die definitive Version von "Sgt. Pepper's"

Was mir bei den neuen Mixes als Erstes auffiel: Wie fantastisch und präsent Ringo klingt.

Das ist großartig, dass Sie das sagen. Damals hatten sie bei der Aufnahme immer die Befürchtung: Haben wir das Schlagzeug zu laut gemacht? Wir mussten uns nie die Gedanken machen, die sie sich damals machen mussten. Zum Beispiel: Haben wir die Hifi-Anlage zerschossen? Überlegen Sie nur mal, wie die Lautsprecher damals waren vor fünfzig Jahren. Die Musik wurde für jene Lautsprecher gemacht. Die Tapes klingen fantastisch, aber man muss die Musik ja auch für die Systeme machen, auf denen die Leute heute ihre Platten abspielen. Wir benutzten ja auch ganz andere Tapes, die viel frischer klangen. Als Ringo damals sein Schlagzeug aufnahm, tat er das auf Tapes der zweiten Generation. Die besaßen viel weniger Dynamik. Dass man heute Ringo heute so gut hören kann, hat genau damit zu tun.

Weil Sie vorhin davon gesprochen haben, dass auch neue Generationen die Musik der Beatles entdecken: Macht es Sie nicht irgendwie auch traurig, dass viele Kids die Aufnahmen heute über schlechte Kopfhörer und Mobiltelefone hören werden?

Ich denke, die Ironie an der Sache ist, dass die Leute heute in schlechterer Qualität Musik hören als vor fünfzig Jahren. Ich denke aber, das ändert sich auch wieder. Ich bin in den Achtzigern groß geworden und ich hatte einen miesen Kassettenspieler. Er klang furchtbar, aber die Musik klang für mich wundervoll. Ich denke, du kannst Musik lieben, obwohl du sie auf schlechtem Wege hörst. Werden die Leute den Mix mehr zu schätzen wissen, wenn sie es über ein gutes System hören? Absolut. Keine Frage. Aber würde ich jemandem empfehlen, das Album nicht zu hören, nur weil er beschissene Kopfhörer hat? Nein.

Gibt es eigentlich Material von den Sessions, das jetzt nicht veröffentlicht wurde?

Nein, ich denke, man kann sagen: Das ist jetzt die definitive Version von "Sgt. Pepper".

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