23. Januar 2007

"David Hasselhoff ist ein Gott für uns!"

Interview geführt von

Robin "Rob" Hawkins, James "Frost", Iwan Griffiths und Alex "Pennie" wollen nicht den üblichen Weg gehen – Hauptsache kein "automatic life" führen, da sind sie sich sicher. Dass sie mit ihrem Independent-Mix zwischen Elektro, Punk und Rock im UK derart erfolgreich durchstarten, war ihnen dagegen sicher nicht so klar – schließlich gibt es im Vereinigten Königreich einen regen Band-Output in Sachen Indierock.Das Debüt "Not Accepted Anywhere" stieg 2006 bis auf Platz drei der britischen Album-Charts und brachte The Automatic den Titel der "most exciting pop band Wales has thrown up" ein. Sie traten in unzähligen britischen Clubs auf, spielten ausverkaufte Konzerte, gastierten in zahlreichen Radio- und TV-Shows, etc. Nun touren die vier Waliser quer durch den Rest Europas. Im Züricher Abart-Club trafen mein Bruder und ich die Bandmitglieder Pennie und Frost zum Interview und sprachen mit ihnen unter anderem über Donny Tourette, vermeintliche Vorurteile gegenüber Deutschland und ihre Leidenschaft für David Hasselhoff. Dabei zeigten sich die beiden quirligen Bandmitglieder in bester Redelaune - erfrischend unkompliziert und vor allem witzig!

Der Vierer lernte sich in einer kleinen Walisischen Stadt namens Cowbridge, in der Nähe von Cardiff, kennen. Weil sie ihre Halbtags-Jobs satt hatten, gründeten Rob (Gesang, Bass) und Frost (Gitarre, Gesang) mit sechzehn die Band White Rabbit. Iwan (Schlagzeug) vervollständigte das Line Up vorerst, später stieß noch Pennie (Keyboards/Synthesizer, Percussion, Gesang) dazu und sie benannten sich in The Automatic um. "In unserer Heimatstadt gibt es nicht so viel zu tun für junge Leute", so Frost. "Wir alle lieben Musik und so haben wir damit angefangen lokale Gigs zu spielen, in Freizeitzentren, sind in benachbarten Orten aufgetreten, so hat sich alles entwickelt."

Soviel zur Biografie. Da sind allerdings noch einige Fragen offen:

Wann genau habt ihr euch kennen gelernt?

Frost: Rob und ich kennen uns schon, seit wir vier Jahre alt waren. Später kam Iwan an unsere Schule, als wir elf waren. Und Pennie lernten wir fünf Jahre später kennen. Rob und ich haben überlegt eine Band zu gründen, eher aus Spass - so haben wir White Rabbit gegründet, mit Iwan und später kam Pennie dazu.

Pennie: Auf dem College - also bei uns besucht man nach der Schule das College und dann die Universität - ja und auf dem College habe ich die anderen kennen gelernt.

Zu der Zeit habt ihr euch auch in The Automatic umbenannt, richtig?

Frost: Ja, das stimmt.

Den Namenswechsel begründen die Jungs damit, dass hinter White Rabbit keine wirkliche Bedeutung steckt. Es gibt bestimmt 20 Millionen andere Bands, die auch White Rabbit heißen, so ihre Meinung und der Name hatte eigentlich nie einen tieferen Sinn.

Welche Bedeutung steckt denn hinter dem Namen The Automatic, und wie seid ihr darauf gekommen?

Pennie: Es geht darum, dass wir eine Menge Leute kennen, die aufs College gehen, die zur Uni gehen, die einen Abschluss machen, einen Job bekommen – dieses automatische, dieses normale Leben führen. Und der Name The Automatic bedeutet das Gegenteil. The Automatic ist ein ironischer Name, weil wir so viele Leute kennen, die dieses automatische Leben führen, das von ihnen erwartet wird. Die meisten Leute machen nicht das, was sie wollen, sondern das, was von ihnen erwartet wird. Und The Automatic ist das Gegenteil davon, weil wir nicht das machen wollten, was alle anderen machen.

Bedeutet der Name also, dass ihr nicht dieses normale, alltägliche, stereotype Leben führen wollt – einen Beruf lernen, studieren, arbeiten, einen normalen Job haben, etc.?

Pennie: Ja genau das bedeutet er. Das ist genau das, was ich meine.

Ihr kommt ja aus Wales, aus der Nähe von Cardiff. Denkt ihr, dass es schwieriger ist erfolgreich Musik zu machen, wenn man nicht aus England kommt? Wie schwer ist es für Gruppen, die aus Wales, Schottland oder Irland kommen, entsprechend oder überhaupt wahrgenommen zu werden?

Pennie: Ja, ich denke, dass man es als Waliser Band schwerer hat, aber wir selbst hatten ja schon ziemliches Glück.

Frost: Ja. Wir haben 30 oder 40 Gigs gespielt, und an einem Abend war dann einfach der richtige Typ da und wir hatten einen Plattenvertrag. Wir haben in Cardiff gespielt, und an diesem Abend war auch der Label-Typ da und hat uns gesignt.

Pennie: Die ganze britische Musikszene ist auf London fixiert. Die Londoner kriegen auch mehr Support und sind musiktechnisch ziemlich verwöhnt. Da ist es schwer, als Waliser Band auf sich aufmerksam zu machen. Die Presse ist auch zu London-fixiert. Da hat man es schwer, überhaupt wahrgenommen zu werden.

Was denkt ihr über die Musikszene in Wales, speziell in Cardiff??

Pennie: Da kann ich jetzt gar nicht so viel dazu sagen, weil ich schon langer nicht in Cardiff war. Wir sind so viel unterwegs gewesen, auf Tour. Da habe ich jetzt nicht den Einblick. Früher gab es eine rege Hardcore-Szene in Cardiff und auch viel Emo-Musik.

Neben The Automatic gibt es natürlich noch einige weitere, coole Acts, die aus Cardiff und Umgebung kommen und hörenswert sind! Sicher am bekanntesten: The Stereophonics und die Manic Street Preachers. Allen Emo-Fans bestens bekannt sind die Lost Prophets und Freunde des Metalcore kennen sicher auch Bullet For My Valentine. Ansonsten kommen aus der Cardiff-Ecke noch folgende Bands: Catatonia, Super Furry Animals, Young Marble Giants, Los Campesinos!, People In Planes, Jarcrew oder Viva Machine.

Brit-Bands und Hypemaschinerie


Was für Musik hört ihr gerade? Was sind eure Lieblingsbands?

Pennie und Frost listen eine Unmenge an Bands und Musikern auf, mit dabei unter anderem Frank Turner, Drive Like Jehu oder Glassjaw (als bekennende Fans tragen die Jungs natürlich auch die entsprechenden Drive Like Jehu- und Glassjaw-Shirts). Zu ihren Lieblingscombos zählen aber auch bekanntere Acts, wie At The Drive In, Blood Brothers, Rage Against The Machine oder The Mars Volta.

Pennie: Zum Abschalten höre ich auch Johnny Cash, Björk oder Arab Strab.

Ihr seid ja auch schon mit einigen Bands getourt, mit The Ordinary Boys, Hard-Fi oder The Kooks zum Beispiel. Gibt es Bands, mit denen ihr gerne mal auf Tour gehen würdet?

Pennie: Mit The Bronx aus Los Angeles. Wir sind ja auch noch nicht mit so vielen Bands herum getourt. Mit den Bands, mit denen wir schon auf Tour waren hatten wir aber Glück und haben uns gut verstanden. Die waren cool.

Und dann erblicken Pennie und Frost zufällig die Abart Club-Band History zuzüglich Programmvorschau (hängt beides an der Wand) und zählen wieder eine Unmenge an Bands auf, mit denen sie doch gern mal auftreten würden – Arab Strap zum Beispiel oder The Cooper Temple Clause.

Auf der Insel werden ja ständig neue Bands gehypet und von der britischen Presse als "The Next Big Thing" gehandelt. Nervt euch dieser ganze dieser Medienzirkus beziehungsweise diese "Medienmaschinerie"? Und wie steht ihr dazu?

Pennie: Ja, im Vereinigten Königreich werden ständig neue Bands gehypet. Speziell vom NME, das stimmt. In Europa ist das nicht so. Da ist es eher so, dass die Leute Bands hypen, die sie auch wirklich mögen, dass Bands lange aufgebaut werden, bevor man sie zum Hype erklärt. Das ist auch wirklich besser so. Aber im Endeffekt interessiere ich mich nicht wirklich für die Medien und auch nicht für den Medienzirkus.

Dass ihm das vollkommen egal ist, nehme ich Pennie jedoch nicht so recht ab, schließlich zählten The Automatic zu den NME-Lieblingen 2006 und wurden auch von zahlreichen anderen britischen Magazinen gefeaturet und gepusht. Derartig positive Resonanz seitens der Presse bringt einer Band ja auch eine Menge Aufwind.

Man kann aber auch andere Maßnahmen ergreifen, um in die Schlagzeilen zu kommen. Was sagt ihr beziehungsweise denkt ihr über Musikerkollegen wie Donny Tourette (Towers Of London) oder Sam Preston (The Ordinary Boys), die in das Celebrity Big-Brother-Haus einziehen, um so die Plattenverkäufe etwas anzuschieben?

Frost aufbrausend: Donny Tourette?! Donny Tourette ist kein Musiker, Donny Tourette ist ein Arschloch! Der hat gar kein Talent. Der will nur Kohle verdienen, das ist alles.

Und was ist mit Sam Preston? Ihr seid doch auch mit den Ordinary Boys getourt.

Frost: Sam Preston ist sehr talentiert, wirklich sehr talentiert. Ich glaube er ist auch schon ziemlich reich ... Naja, wir würden so was nicht machen. Auch nicht wegen dem Geld! Nein ganz bestimmt nicht. Uns geht es nicht darum Kohle zu verdienen, wir wollen einfach Musik machen!

Deutschland und der Hoff


Wir haben schon viel über eure ganz spezielle Beziehung zu Deutschland gehört, zum Beispiel, dass Rob nicht gerade ein Deutschland-Fan ist. Sagt doch am besten selbst noch etwas dazu!

Pennie: Keine Ahnung. Rob mag Deutschland.

Frost scherzt: Rob mag Würstchen und Bier!

Aha! Dabei habe ich doch gehört, dass gerade Rob Deutschland überhaupt nicht mag. Das dementieren die Jungs aber vehement. "Nein. Rob mag Deutschland. Rob ist der einzige von uns, der schon mal in Deutschland war und er hat wirklich nichts gegen Deutschland", heißt es.

Aber ihr habt doch letztes Jahr ein Paar Gigs in Deutschland gespielt?! Ihr seid doch als Support-Act der Kaiser Chiefs letztes Jahr in Deutschland aufgetreten?!

Pennie: Ja, das hatten wir vor. Wir sollten eigentlich als Support-Act der Kaiser Chiefs auftreten, mussten dann aber die Konzerte absagen, weil unser Plattenlabel neues Material von uns sehen wollte.

Verstehe. Dann wart ihr, bis auf Rob, also noch nie in Deutschland?

Pennie: Nein, aber wir freuen uns schon auf Deutschland, wir spielen ja in den nächsten Tagen dort.

Und promotet euer Debütalbum ...

Beide: Ja, genau.

"Not Accepted Anywhere" wurde in Deutschland bisher allerdings noch nicht veröffentlicht. Das VÖ-Datum wurde mehrfach verschoben, und im Moment ist es nicht klar, ob das The Automatic-Debüt überhaupt auf den deutschen Markt kommt. Als ich Pennie und Frost hiermit konfrontiere, reagieren die beiden ziemlich irritiert. Sie sind sich sicher, dass das Album eigentlich schon längst auf dem deutschen Markt sein müsste. Daraufhin schreibt Frost gleich eine SMS und erhält sofort Antwort.

Frost liest vor: Wurde bereits veröffentlicht.

Nein. Man kann es nur als Import bestellen.

Pennie: Das ist komisch. Keine Ahnung. Gut, dass du uns das gesagt hast!

Eine Anfrage bei Universal bringt Klarheit: Der Front-Release wurde gekippt - man kann das Album also nur als "Import" bekommen.

Habt ihr schon mal darüber nachgedacht ein eigenes Label zu gründen, wie zum Beispiel die Jungs von ¡Forward, Russia!? Dann könntet ihr selbst entscheiden, wann ein Album oder eine Single auf den Markt kommt.

Pennie: Du meinst das Dance To The Radio-Label. Ja, wir kennen die Jungs von ¡Forward, Russia! ja auch. Ich habe selbst schon ein paar Mal drüber nachgedacht, mit Freunden ein Label zu gründen. Das wäre ziemlich cool. Aber im Moment hätten wir dafür sowieso keine Zeit. Ich glaube da denke ich frühestens in einem Jahr oder so drüber nach.

Frost: Wenn ich ein Label gründen würde, dann würde ich es Hard Enough nenne. Ja! HARD ENOUGH! Das wäre cool und hart!

Wir haben auch schon ziemlich viel über eure spezielle Beziehung zu David Hasselhoff gehört, über eure Leidenschaft für den "Looking For Freedom"-Mann. Wie kam es denn dazu? Und was findet ihr am Hoff überhaupt so toll?!

Frost: Ich liebe ihn!

Im Interview-Raum hängt auch ein eigens mitgebrachtes Hoff-Poster. Die Jungs bezeichnen dieses auch als ihren Schrein – das untermauert das zweifelhafte Liebesgeständnis von Frost!

Frost: Er passt auf uns auf und gibt uns Kraft! Er ist so eine Art Gott für uns. Und er begleitet uns auf allen Konzerten.

Pennie hält sich derweil die Hände vors Gesicht und schüttelt fraglos den Kopf. Er mag den Hoff wohl nicht so?!

Und du liebst ihn aufgrund ...

Frost: Natürlich aufgrund seiner Musik! Ich habe mir hier in Zürich sogar eine Hasselhoff-CD gekauft. "You Are Everything"! Für zwei Franken!

"Schnäppchenjäger" Frost erzählt das mit stolz geschwellter Brust. Ich finde jedoch, dass ein Zwei-Franken-Preis nicht gerade für die Qualität der Hasselhoff'schen Songs spricht. Pennie scheinbar auch nicht.

Pennie: Naja, das ist mehr so eine Art Hass-Liebe. Also ich hasse David Hasselhoff, und die anderen lieben ihn! Das ist so wie mit "Vegemite". Kennst du das?

Vegemite?! Nein, kenne ich nicht.

Pennie: Das ist eine Art Brotaufstrich. Und entweder liebt man es oder man hasst es! Genauso ist das auch mit Hasselhoff. Entweder man liebt ihn oder man hasst ihn.

Nachgeschlagen: Vegemite ist ein salziger Brotaufstrich aus Hefe-Extrakt und wird vor allem in Australien und Neuseeland verputzt. Im UK kann man Vegemite aber auch erstehen. Vom Aussehen her erinnert die Paste an Schokoladenaufstrich, schmeckt allerdings nicht süß, sondern nach Brühwürfel – Pennies Vergleich ist also ziemlich treffend.

Letztes Jahr hattet ihr ziemlich viel zu tun. Ihr seid fast das ganze Jahr lang getourt, habt viele Radio- und TV-Shows gemeistert, euer Album kam im UK raus, etc. Wird 2007 ähnlich arbeitsreich? Was sind eure Pläne für 2007?

Pennie: Wir werden dieses Jahr auf jeden Fall durch Amerika touren. Und Ende des Jahres werden wir dann mit der Arbeit an neuem Material beginnen.

Frost: Wenn wir durch Amerika touren, wollen wir auch an neuen Songs arbeiten. Wir werden in unserem Tourbus so eine Art Aufnahmestudio dabei haben und neue Songs schreiben und aufnehmen.

In den nächsten Tagen spielt ihr auch in Deutschland. Welche Vorbands begleiten euch denn da?

Pennie: Keine Ahnung. Das sind lokale Bands. Das entscheidet unser Management.

Inzwischen hat sich auch Iwan mit zu unserer Interview-Runde gesellt und meldet sich gleich zu Wort! Deutsche Bands sind scheinbar genau sein Thema!

Iwan: Kraftwerk! Ja, wir treten mit Kraftwerk auf und mit Rammstein! Das sind unsere Vorbands.

Ein kleiner Scherz am Rande und zum Schluss! The Automatic beenden jetzt erst mal ihre Europa-Tour und gehen im Anschluss daran als Headliner auf "NME Awards"-Tour. Mit dabei sind Kraftwerk und Rammstein, eh, ich meine natürlich The View, The Horrors und Mumm-Ra. Ab März touren sie dann für sechs oder sieben Monate durch Amerika - so viel steht fest.

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