laut.de-Kritik

Eine der aufwühlendsten Indierock-Platten des Jahres.

Review von

Schon beim ersten Kapitel, dem sphärischen "Prologue", ahnt man, dass diese Geschichte nicht gut ausgeht. Ein elegisches Rauschen und Engelschöre markieren den Übertritt ins Jenseits. Hier ist gerade jemand viel zu früh gestorben. Krebs. Peter Silberman wird diese Geschichte nachfolgend erzählen, eingekleidet in eines der aufwühlendsten Indierock-Alben des Jahres 2009.

Silberman war 2006 nach New York gezogen und hatte sich dort zwei Jahre lang von Umfeld und Außenwelt isoliert, um an "Hospice" zu arbeiten. Es erzählt die fiktionale Geschichte einer Liebe am Sterbebett. Es sind die Momente maximaler Intimität zwischen dem Pflegenden und der unheilbar Kranken, die hier aus zwei Perspektiven – hier die Trauerarbeit, dort der Frust - beschrieben werden.

"I wish that I had known in that first minute we met, the unpayable debt that I owed you. Because you'd been abused by the bone that refused you, and you hired me to make up for that (...) When I was checking vitals I suggested a smile. You didn't talk for awhile, you were freezing. You said you hated my tone, it made you feel so alone, and so you told me I ought to be leaving." Silberman bürdet dem Hörer und vor allem sich selbst mit dieser Tragödie viel auf.

Doch The Antlers bewahren sich zum Glück selbst davor, den narrativen Schwermut zu allzu tränendrüsigem Krankenhaus-Pathos Marke Hollywood zu vertonen. Das wäre rein technisch in Silbermans Wohnzimmer wohl auch nicht möglich gewesen. Von der unendlich schweren Piano-Ballade "Kettering", von der obiger Textauszug stammt, über den störrischen Falsett-Indie-Folk eines Bon Iver ("Sylvia"), von erhabenen Saddle-Creek-Momenten ("Shiva") über souligen Indie-Pop ("Bear") bis hin zum exaltiertem Totentanz von Arcade Fire ("Two") - es ist gerade diese souveräne Dramaturgie eines erst 23-jährigen Songwriters, der einen sprachlos zurücklässt.

Rupert Neudeck, Gründer der Hilfsorganisation Cap Anamur, hat einmal gesagt, dass Entwicklungshilfe nur dann funktioniert, wenn die wohlhabenden Helfer aus dem Westen im gleichen Dreck und Elend leben wie ihre Schutzbefohlenen aus der dritten Welt – und eben nicht in klimatisierten Häusern. Analog konnte Silberman wohl nur ein solch todtrauriges und gleichzeitig würdevolles Album aufnehmen, weil er selbst den Weg von Einsamkeit und Isolation gegangen ist.

"I'd happily take all those bullets inside you und put them inside of myself." Nick Drake und Jeff Buckley würden heulen, wenn sie das hören könnten.

Trackliste

  1. 1. Prologue
  2. 2. Kettering
  3. 3. Sylvia
  4. 4. Atrophy
  5. 5. Bear
  6. 6. Thirteen
  7. 7. Two
  8. 8. Shiva
  9. 9. Wake
  10. 10. Epilogue

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22 Kommentare

  • Vor 12 Jahren

    @Delta (« Trotz der Thematik dieses wunderbaren Albums, versprüht es auf mich eine sehr positive Stimmung. »):

    Also so groß das Ganze sowohl textlich als auch musikalisch ist. Positive Stimmung verbinde ich damit sicher nicht. Das ist eher (trotz zwischenzeitlicher Lichtblicke) so melancholisch und bedrückend, dass es zwischen den Durchläufen eine Zeit braucht, um stimmungsmäßig nicht komplett in melancholischen Tiefen abzusaufen. Vorallem der Epilog macht das Ganze nicht gerade fröhlicher...

    Alles in allem trotzdem mind. 4,5/5. Je nach Halbwertszeit auch 5/5. Seit den Decemberists bin ich da bei Konzeptalben ein wenig vorsichtig, die nutzen sich manchmal storymäßig recht schnell ab.

  • Vor 12 Jahren

    Nun auch endlich bestellt. :)