laut.de-Kritik

Sound-Architektur, zu der man durchaus tanzen kann.

Review von

"Über Musik zu reden ist wie über Architektur zu tanzen", gab einst der große Frank Zappa gewohnt polemisch von sich. Im Grunde wissen wir alle, dass er damit recht hatte. Zum Glück handelt es sich bei "Liminal" von The Acid mehr um wohldurchdachte Architektur, als um Musik. Einer kurzen Abhandlung über das Debüt der minimalistischen Post-Downbeat-Elektroniker steht somit nichts im Wege.

Wabern. Störgeräusche. Melodie. Beat. Ihre Baukosten haben The Acid stets im Blick. Durch die exakte Grenzvermessung, Festlegung der Grundstücks-Grenze und genauste Planung kommt es zu keiner Kostenexplosion. Akribisch entwerfen der britische DJ und Produzent Adam Freeland und sein kalifornischer Kollege Steve Nalepa jeden noch so kleine Aspekt von langer Hand. Trotz all der aufziehenden Kälte, all der Nüchternheit, schaffen sie es, dank des australischer Singer/Songwriter Ry Cuming aka RX Y, dem Konstrukt eine Seele einzuhauchen.

The Acid verstehen ihr Handwerk. Viel mehr Weiterentwicklung als Innovation folgt "Liminal" den gelegten Spuren von Thom Yorke, James Blake, The XX, Sohn, Raz Ohara und Apparat. Zwischen Technik und Intimität verbinden sich atmosphärische Euphonie, missmutig brummende Bässe, obskure Soundschnipsel der alten Schule und unaufdringliche Gitarren zu einer reduzierten Ästhetik. Mit einem Gespür für packende Spannungsbögen erschaffen sie Dramatik ohne phrasenhafte Theatralik.

In bedrohlicher Nähe, teilweise unangenehm auf die Pelle rückend, bildet RX Ys melancholischer Gesang den Mittelpunkt und das verräterische Herz des Longplayers. Dabei bemüht er mit seinem fragilen Falsett, halb nihilistisch klagend, halb sterbendes Hundebaby, eindringlich, gekonnt und zeitweise überzogen den momentanen Standards, leider ohne ihnen ein eigenes Attribut hinzuzufügen.

"Fame" und "Veda" bieten pulsierende Harmonie, brodelnde Synthesizer, kristallklare Percussions, knochentrockene Sub-Bässe und idyllische Euphonie. Massive Attack typische Rimclicks setzen in "Animal" im Takt einer staubigen Großvater-Uhr ein. Knisterndes Vinyl, zittriges Heulen und befremdlich eingesetzte Drumbreaks bilden ein Bollwerk, aus dem höchstens noch Sänger RX Y den Ausgang kennt.

Im wummernden Intro des schwül-heißen "Tumbling Lights" zwitschern elektronische Vögel wie einst auf "Welcome To The Pleasuredome". Einem Jaguar gleich pirscht sich der Electro-Pop durch diesen Regenwald näher und näher an den Hörer heran. Im letzten Moment, kurz vor dem entscheidenden Sprung, beginnt er zu zögern, weicht zurück, verstillt.

Umgibt das The Acid-Debüt zeitweise ein muckeliges Dämmergrau, überraschen die zwei wohl spannendsten Tracks mit ihrer Zerrissenheit und Boshaftigkeit. "Creeper" legt ein beklemmendes Zeugnis von verlorener Barmherzigkeit ab. Ganz Stimme, ganz Disharmonie, ganz entstellte Fratze. "Basic Instinct" hingegen beginnt mit harmloser Folk-Gitarre, um sich über einen Deep House-Rhythmus zu einem fiesen Refrain, aus dessen Missklang die Blitze wie aus einer Tesla-Spule ächzen, zu steigern.

Mit "Liminal" gelingt ein verwirrendes, schmerzhaftes und zeitweise anstrengendes Debüt. Launisch, verzogen und unnahbar beeindrucken die drei Musiker doch mit ihrem Einfallsreichtum und ihrer Liebe zum Detail. Trotz des minimalistischen Ansatzes gleichen sich keine zwei Songs in diesem mit einem frostigem Stahlskelett versehenen Wolkenkratzer. The Acid bieten Architektur, zu der man durchaus tanzen kann.

Trackliste

  1. 1. Animal
  2. 2. Veda
  3. 3. Creeper
  4. 4. Fame
  5. 5. Ra
  6. 6. Tumbling Lights
  7. 7. Ghost
  8. 8. Basic Instinct
  9. 9. Red
  10. 10. Clean
  11. 11. Feed

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