laut.de-Kritik

Alles und nichts.

Review von

Eigentlich gibt es solche Bands wie The 1975 nicht mehr. Denn die Combo aus Manchester vereint eine erschaudernde Vielzahl an Attributen in sich, die wir in der Kombination in erster Linie mit den Popbewegungen der 80er verbinden. The 1975 sind gleichermaßen unnahbar, theatralisch, poppig, punkig, dunkel, schwummrig, elektronisch, ratternd, rasend, episch, wummernd, romantisch, kindisch, kitschig und eingängig. So nimmt es nicht Wunder, dass die Band aktiv auf explizite 80er Phänomene wie Regisseur John Hughes referiert und diese Diskurs-Blasen ganz konsequent mit prasselnden Zitat-Gewitter vermengt.

Passend dazu gibt Frontmann Matthew Healy unlängst zu Protokoll: "Wir sind eine postmodernde Pop-Band, die eine Million Dinge gleichzeitig referiert. Die Hälfte der Zeit weiß ich selbst nicht, was meine Band gerade darstellt." Große Worte! Großes Album? Alleine der epochale und doch irgendwie seltsam verschwurbelte Titel " I like It When You Sleep, For You Are So Beautiful Yet So Unaware Of It" lässt alles und doch nichts erwarten. Post-Pop at its best, werden die einen sagen, arrogantes, unzeitgemäßes Musical-Gejodel, die anderen. Probieren wirs doch einfach aus.

Nach einem waschechten Intro, das ein wenig Pink Floyd-Spirit aufleben lässt, klopft uns "Love Me" auf die Trommelfelle. "Love Me" ist wirklich ein Song, wie man ihn schon lange nicht mehr gehört hat. Das ist kunterbunter Luftballon-Pop, aufgeblasen mit Queen und Michael Jackson in den Ohren und breiten Schlaghosen an den Beinen. Die hyperaktive Komposition schlängelt sich ganz konsequent um versammelte 80er-Strukturen und klingt dabei ab einem gewissen Zeitpunkt wie eine misslungene Parodie von Tenacious D.

Meinen die das ernst? Das nachfolgende "UGH!" adaptiert zunächst denselben Sound, reichert das Rezept aber ganz massiv mit Boyband-Bausteinen an, die den bis dahin einigermaßen schmackhaften Brei leider ganz massiv versüßen. Im Sinne von versalzen, aber eben andersrum. Das klingt dann beinahe nach "High School Musical"-Soundtrack und ist selbst bei gutmütigster Laune kaum noch zu ertragen. Glücklicherweise schraubt "Change Of My Heart" den Kitsch-Faktor ein wenig zurück und pusht das Album in Form einer dezent vor sich hin dümpelnden Synthie-Ballade erstmals in andere Sound-Sphären. Trotzdem erwachen die ersten Zweifel: Kann ein Sound, den wir heute allerhöchstens in Form von Film-Soundtracks oder als Radiosender in GTA ertragen können, 2016 noch als aktiver Pop-Kommentar verstanden werden? Oder ist das alles zu harmlos, zu oberflächlich, zu abgedroschen?

Glücklicherweise leitet "If I Believe You“ schon bald eine massive Wende ein. Das Stück dauert massive sechs Minuten, tröpfelt zunächst merkwürdig nichtssagend vor sich hin, offenbart dann aber einen zerschundenen Unterbau, inklusive vernarbtem, elektronischem Klangkörper. Im Song-Verlauf nimmt sich Healy, der den Auftakt des Albums massiv prägt, immer stärker zurück, bis er nur noch als Hauch, als verwehte Spur eines Frontmanns übrig bleibt. So leitet 1975 gekonnt auf das überragende "Please Be Naked" über, das sich schnell als falsche Fährte herausstellt. Denn auch wenn der Titel allerschlimmste Pop-Unfälle vermuten lassen könnte, tritt die Nacktheit hier nur innerhalb des Songwritings zutage: "Please Be Naked" ist ein fast zärtliches Instrumentalstück, das verdeutlicht, warum in Healys Namedropping-Tiraden auch immer wieder der Name Sigur Rós fällt. Und wirklich: The 1975 können auch Postrock! Sphärisch, verträumt, raumgreifend. Der brachiale Gegensatz in Sound und Qualität des hier dargebotenen Geschrammels zu den eingangs beschriebenen grausigen Pop-Implosionen erscheint einzigartig.

Die zweite Hälfte des Album ist dann weniger radikal als die ersten acht Songs. The 1975 klingt hier wie eine fast normale Indieband. Es wirkt beinahe so, als hätte die Combo zunächst konzentriert die eigenen Grenzen ausgelotet, ihr Publikum geschockt, den eigenen Werkzeugkasten definiert und erweitert, um genau diese vogelwilden Zutaten jetzt beinahe brav zum Konsens zu vermischen. Dennoch bleibt die Band ordentlich in Bewegung, wildert wild durch die Stile, Epochen und die Pop-Geschichte. Zitiert hier My Bloody Valentine, da Prince, dort Depeche Mode und dann wieder Health und Explosions In The Sky. Oftmals schießt die Mischung übers Ziel hinaus. In etwa so, wenn man Mentos mit Cola mixt. Manchmal aber bersten einige Puzzle-Stücke aufeinander, die dann urplötzlich komplett homogen ineinander greifen und grandiose Songmomente zementieren. Besonders hervorstechend: Das total trippige "The Ballad Of Me And My Brain", die abgespacete Science Fiction R'n'B-Hymne "Loving Someone" und die abschließende Folk-Ballade "She Lays Down".

Am Ende bleibt man irgendwie sprachlos, unentschlossen und überfordert zurück. Eine finale Bewertung in Form einer Benotung scheint jedenfalls unmöglich und kann " I like It When You Sleep, For You Are So Beautiful Yet So Unaware Of It" kaum gerecht werden. Dieses Album tönt in seinen schlimmsten Momenten so furchtbar nach Achtziger, so knapp an Roxette vorbei schrammend, dass man als Hörer das jeweilige Abspielgerät am liebsten an der nächste Wand zertrümmern möchte, bevor die Platte bleibende Schäden in den Gehörgängen verursacht. In seinen stärksten Momenten aber präsentieren The 1975 eines der spannendsten Pop-Experimente der letzten Jahre, die so vielschichtig und aufgeblasen sind, dass sie eine massive magnetische Kraft ausstrahlen. Alleine der Mut, derartige Widersprüche in einer einzige Platte zu vereinen, zeugt von Wahnsinn und eventuell sogar von Besessenheit. Und das hat in der Popmusik ja eigentlich noch nie geschadet. Hört dieses Album – zumindest einmal!

Trackliste

  1. 1. The 1975
  2. 2. Love Me
  3. 3. UGH!
  4. 4. A Change Of Heart
  5. 5. She's American
  6. 6. If I Believe You
  7. 7. Please Be Naked
  8. 8. Lostmyhead
  9. 9. The Ballad Of Me And My Brain
  10. 10. Somebody Else
  11. 11. Loving Someone
  12. 12. I like It When You Sleep, For You Are So Beautiful Yet So Unaware Of It
  13. 13. The Sound
  14. 14. This Must Be My Dream
  15. 15. Paris
  16. 16. Nana
  17. 17. She Lays Down

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5 Kommentare

  • Vor 2 Jahren

    nach den ersten klängen von "she's american", hab ich auch direkt an nen john hughes film gedacht.muss mir mal den rest des albums geben.

  • Vor 2 Jahren

    Das Album hat meine Playlist im Sturm erobert. Selbst vermeintliche Total-Aussetzer treffen bei weiterer Betrachtung irgendwie meinen Nerv. Das Album ist irgendwie alles außer schlecht... :D

  • Vor 2 Jahren

    Ich brauchte etwa eine Woche, um zu begreifen was ich hier im CD-Player habe. Was als wirre Sammlung von Tributen an Größen der 80er und früh-90er zu beginnen schien ist eines der spannendesten Alben der letzten Jahre wenn, ja wenn man sich drauf einlässt.
    Ich verstehe die Kritik, die Herr Heppeler im obigen Review anführt, allerdings macht er es sich stellenweise zu einfach, denn erst bei näherem Hinsehen, eventuell durch die Brille eines Musikers, wird deutlich wie spielerisch komplex Nummern wie etwa A Change Of Heart (da oben übrigens auch noch falsch geschrieben) sind... und das phänomenale This Must Be My Dream (man stelle sich die Nummer mal mit Sting als Sänger vor und überdenke dann jeglichen ersten Eindruck nochmal) wird mit keinem Wort erwähnt.
    Es ist halt nur Pop. Nicht mehr, nicht weniger. Spaß an der Musik, kein aufgesetzt-pseudo-hippes Avantgarde Gewerke. Erfrischend, in unserer Zeit.

  • Vor 2 Jahren

    Eine Band mit meinem Geburtsjahr als Namen, da kann nur gutes bei raus kommen! Aber dann... nun... sie sehen aus wie Punks, sind geben sich wie Punks, und wollen offenbar wie Punks sein... aber wenn man die Augen zuhält, hört man die "Jonas Brothers". Hier stimmt was nicht!