laut.de-Kritik

Nur für mental stabile Mike Patton-Fans geeignet.

Review von

Mike Patton hat es wieder getan. Und auch Tētēma ist eine jener Platten, die nicht benotet werden wollen: ein Punkt? 5/5? Keine Bewertung spiegelt die Musik angemessen wider. Schon eher bekommt man eine Ahnung, stellt man sich "Necroscape" als Live-Event vor: Die gestuhlten Reihen besetzt von fachlich beflissenem Publikum, gespannt blickt man nach vorne. So in etwa klingt die Noise-Ambient-Orgie "Milked Out Of Million" - Antipop, wie die gesamte Platte.

Um den Sound Tētēmas besser greifen zu können, hilft der Blick auf Pattons Kollaborateure. Zu allererst Anthony Pateras: Der Australier ist im Jazz und der Neuen Musik zuhause. Unter Letzterer versteht man landläufig avantgardistische Strömungen der E-Musik. Das Adjektiv 'radikal' fällt hier oft. Damit wird u.a. die Auflösung gängiger musikalischer Muster und Hörgewohnheiten beschrieben, später auch unter Einsatz elektronischer Klangerzeugung.

In diesem Sinne geriet schon Tētēmas Debüt "Geocidal" (2014) verstörend: Industrial-Feeling, Breakbeat-Fragmente, fehlgesteuert tönende Elektronik, Atonalität neben ambienten Passagen - alles vermeintlich lose aneinandergereiht. Würde draußen zufällig ein Helikopter seine Runden drehen, man würde es beim Hören der Platte nicht bemerken. Album Nummer zwei bestätigt grundsätzlich diesen Ansatz, die Produktion der noisigen Leadsingle "Haunted On The Uptake" hinterlässt nun aber einen akustischeren Eindruck.

Dafür zeichnet besonders ein weiteres Bandmitglied verantwortlich: Will Guthrie, ein australischer, ebenfalls im experimentellen Umfeld tätiger Schlagzeuger. Sein zumeist improvisiert wirkendes Spiel ist diesmal dominanter in Szene gesetzt ("We'll Talk Inside A Dream"). Der Violinist Erkka Veltheim komplettiert das Quartett. Wobei man seinen Beitrag schon mit der Lupe suchen muss - oder seine Geige wurde so stark verfremdet, dass sie als solche kaum mehr erkennbar bleibt. Die Band selbst spricht neben der Technik der 'Musique concrète' von einer melodischeren Herangehensweise und dürfte damit einen Song wie "Dead Still" meinen, der Pattons Vocals deutlicher in den Vordergrund hebt.

Wirkt "Soliloquy" dann trotzdem wie ein absichtlich herbeigeführter Fehler im System, weckt "Wait Till Mornin'" Erinnerungen an das dritte Tomahawk-Album, auf dem Patton und Co. Skizzen alter Indianer-Songs vertonten - ein vergleichsweise versöhnlich groovender Track. Ambientere Passagen wie im Titeltrack erinnern zuweilen an die Klanglandschaften von Kaada.

Zu erwähnen bleibt noch die abschließende Coverversion des 1970er-Songs "Funerale Di Un Contadino" von Chico Buarque und Ennio Morricone: Die Aufnahme wirkt wie der natürliche Bruder des Originals, nur in einem Paralleluniversum aufgenommen. Tētēma haben ihr musikalisches Vorhaben auf "Necroscape" mit Sicherheit verwirklicht. In Zeiten der Isolation sei die Platte aber nur mental stabilen Charakteren empfohlen.

Trackliste

  1. 1. Necroscape
  2. 2. Cutlass Eye
  3. 3. Wait Till Mornin'
  4. 4. Haunted On The Uptake
  5. 5. All Signs Uncensored
  6. 6. Milked Out Million
  7. 7. Soliloquy
  8. 8. Flatliner's Ow
  9. 9. Dead Still
  10. 10. Invertebrate
  11. 11. We'll Talk Inside A Dream
  12. 12. Sun Undone
  13. 13. Funerale Di Un Contadino

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