laut.de-Kritik

Der niemals enden wollende Bass des Pogo-Autokraten.

Review von

Fetisch ist wütend. "Diese Leute, die da gerade unterwegs sind, diese Moslem-Extremisten, wo hören die denn auf? Bis alles weggebombt ist? Wir sind alle potenzielle Ziele von diesen Irren, das kotzt mich an", echauffierte sich der Terranova-Mastermind kürzlich gegenüber der Berliner BZ. Unmöglich also, dass es auf dem so eindrücklich wie lakonisch betitelten "Peace Is Tough" sanft zugeht. Die Wut muss raus.

"Hitchhiking Nonstop With No Particular Destination" lautete letztes Jahr die alles andere als ziellos klingende Frischzellenkur des Berliner DJs mit neuen Mitstreitern (Kaos und Meister sind vorübergehend selbstständig), ein vor Ideen strotzendes Elektro-Groove-Konglomerat, das in deutschen Produktionsweiten seinesgleichen sucht.

An diesem Punkt setzt das neue Album an, denn eigentlich ist es einfach nur der zweite Teil eines Doppelalbums, der um ein Jahr verzögert in die Läden kommt. Fünf Songs sind neu, sechs kennt man in anderer Version bereits vom Vorgänger. Gleich geblieben ist die Intension der Kompositionen: Ist der Opener "No Peace" noch ein trauerndes, beinahe anklagend vorgetragenes Manifest an nimmermüde Kriegstreiber, macht "Rhythm Without A Pause" seinem Namen alle Ehre: knochentrockenes Basswummern lässt den noch in den Ohren säuselnden, zarten Frauengesang verhallen, durch Filter gejagte russische Sprachfetzen erinnern entfernt an Acid-Ladytrons.

Nach und nach öffnet Fetisch das Ventil und der Druck weicht immer energischer: Bei "Addict" und "Get It On" zucken die Stroboskop-Lichter zum mustergültigen EBM-Stakkato, Text-Fetzen wie "It hurts to be cool" klatschen einem um die Ohren, Männergegrummel und ein niemals enden wollender Bass. So wie auf "Get It On" hat man die Berliner noch nie gehört: Terranova go New Order remixed by Felix Da Housecat unter der Leitung von Giorgio Moroder.

Im weiteren Verlauf okkupieren die auf "Hitchhiking ..." eingeführten Ragga-Elemente die terra nova: Ariane von der Girl-Punk-Band The Slits und Jewels verleihen "When In Rome", das im Original "Sublime" hart drückende Männer-Raps featurete, mehrstimmige Chants auf. Vollends auf die Spitze treibt es "Rockmongril", ehemals "Mongril" benannt, in dem sich brennende Gitarren an die Macht putschen und sämtliche Elektronik und Ragga-Vibes unterjochen.

Terranova schaffen es auf "Peace Is Tough", die genreübergreifende Brillanz des Vorgängers in neue Bahnen zu lenken und eine bedrohlich-verstörende Atmosphäre zu kreieren, die dennoch keinen Dancefloor unbeschadet lässt. Passend zur Weltlage. In der trügerischen Sicherheit lauert heute die Gefahr. Jeden Moment könnte sich feindliches Fluggerät einem Volksfest nähern. Pogo-Autokrat Fetisch kann und will nicht flüchten. Er sitzt zwar in seinem roten '72er Ferrari aber er hat keinen Führerschein. Staub aufwirbeln kann er dafür wie kein Zweiter.

Trackliste

  1. 1. No Peace
  2. 2. Rhythm Without A Pause
  3. 3. Addict
  4. 4. Get It On
  5. 5. When In Rome ...
  6. 6. 99%
  7. 7. Kiss
  8. 8. Rockmongril
  9. 9. Walk With Me
  10. 10. Running Away (KKDUB)
  11. 11. Voodoo Beach Party

Weiterlesen

LAUT.DE-PORTRÄT Terranova

Ein bisschen was hat sich Fetisch schon dabei gedacht, als er Anfang der 90er Jahre seine Band Terranova benennt. Terranova, neues Land erschließen, …

Noch keine Kommentare