laut.de-Kritik

Das Wechselspiel von Rockgesang und hohem C.

Review von

Musiziert die Symphonic-Metal-Herzensdame plötzlich ohne gewohnte Kumpanei, ist eine gewisse stiefmütterliche Behandlung des aufpoppenden Solomaterials zunächst die natürliche Folge. Nur liegt der Tarja/Nightwish-Split inzwischen eben auch schon stolze elf Jahre zurück. Schwamm drüber, könnte man meinen, hätte Frau Turunen mit ihrem jüngsten Nicht-EP-und-irgendwie-auch-nicht-Album-Release "The Brightest Void" nicht erneut Futter für Sorgenfalten geliefert.

Zumindest das ewige Wiederkäuen der Studioreste wäre damit also schon mal abgehandelt. Zeit für Musik. Auf dieser Ebene strebt Tarja ja angeblich größtmögliche Weiterentwicklung an. Na, logen. Während Floor Jansen bei Nightwish gerade als beste Vokalistin seit ... nun ja, seit Tarja ... abgefeiert wird, probiert letztere es ebenfalls mit einem Wechselspiel aus vermeintlich songdienlichem Rockgesang und dem wohlvertrauten hohem C.

Immerhin: Im Gegensatz zum quirligen "The Brightest Void" setzen sich die beiden Facetten auf "The Shadow Self" schon im Opener "Innocence" wieder wesentlich gesünder zusammen. Die auf Airplay getrimmte Nummer klingt natürlich nach feinster Pop-Akademie-Lehrstunde, aber funktioniert eben auch entsprechend gut. Stimme hoch, Stimme runter, Chorus im Ohr. Läuft.

Durfte auf dem ungeliebten Vorgänger noch RHCP-Drummer Chad Smith mitwerkeln, wird der Hörer hier allen Ernstes genötigt, Tarjas ersten eigenen Funk-Rock-Gehversuchen beiwohnen. Gut, zwar nur wenige Sekunden, aber bleibende Schäden hinterlässt die billigste Slap-Bass-Tubensahne auf "Demons In You" alle Male. Später entwickelt sich die mit Arch Enemy-Kostümgirly Alissa White-Gluz im Duett vorgetragene Nummer aber schnell zur Frauenpower-Hymne samt garstigen Growling/Clean-Dopplungen. Dank nett groovender Bridge kriegt der Track dann noch halbwegs die Kurve. Dennoch: Tarja, bleib bei deinem Leisten.

Tut sie aber ja eigentlich auch. Denn obwohl unverkennbar als Stangenware etikettiert, stellen eben jene unersättlichen Modern-Metal-Riffvariationen aber tatsächlich den effektivsten Kontrast zu keyboardlastigeren Stücken dar. Den ganz großen Bombast hat Tarja dabei schließlich gar nicht mehr nötig, beißt sie sich am theatralischen Stil ("Diva") doch mitunter schon die Zähne aus.

Nein, der eigentliche Grundtenor lautet: Holopainensche Streicherwände waren gestern, solide Rocksongs mit akzentuierten Klaviermotiven ("Love To Hate", "Eagle Eye") stehen auf der Karte. Die dürften genügend vielen Hörern weiterhin Grund zur Freude bereiten, jeglichen Diskussionen über Originalität zum Trotz. Denn spätestens zum atmosphärischen Hypno-Finale "Too Many" dürften mittlerweile gänzlich in Plastik gehüllte Kirmestruppen wie Within Temptation Schlange stehen, um vor Tarja einen kleinen Knicks hinzulegen.

Trackliste

  1. 1. Innocence
  2. 2. Demons In You
  3. 3. No Bitter End
  4. 4. Love To Hate
  5. 5. Supremacy
  6. 6. The Living End
  7. 7. Diva
  8. 8. Eagle Eye
  9. 9. Undertaker
  10. 10. Calling From The Wild
  11. 11. Too Many

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