laut.de-Kritik

Nachschub für Menschenfeinde mit Geschmack.

Review von

Doz9 und Torky Tork machen unter dem Tag-Team-Namen T9 Boom bap wie früher. Aber Vorsicht: Diese Rucksackträger sind alles andere als Deutschraps gutes Gewissen. T9 klingen auf "Maestro Antipop" schlimmer als die kleinkriminelle Straßenrap-Fraktion. Nichts und niemand ist den Berlinern auf den 52 Minuten heilig – schon gar nicht deine Mutter.

Chuck Palahniuk schrieb 1996 "Fight Club", das drei Jahre später mit Brad Pitt und Edward Norton verfilmt wurde. T9 widmen dem Schriftsteller eine nach ihm benannte Menschenfeind-Hymne, die als blutiger Höhepunkt das Album beendet: "Schlagring, Totschläger, Topfer, jeder darf mal / Ekstasen, am Tatort / Mann am Boden, atmet noch / hustet nur ein bisschen Blut / Hassmaske hochziehen, grundlos ins Gesicht rotzen / Tellerpupillen, Hass drin, schnelle Knüppel entstellen zum Krüppel / just für das Amusement".

Die 17 vorherigen Stücke bereiten langsam auf den Gewaltexzess vor. Bevor der gezielte Schlag auf die Zwölf kommt, heizt Doz9 die Stimmung mit aggressiven Sprüchen an. Sprüche, die nicht per se beleidigend oder brutal sind, sondern das Gegenüber als Vollidioten entlarven. Zumindest empfindet das der Hater aller Zahnarztsöhne so: "Erzähl mir nichts übers Mann sein, Pussy / Legenden aus zweiter Reihe, google das, google das".

Dass sich Audio88 und Said bei misanthropischer Underground-Mucke wohlfühlen, überrascht nicht. Mit einem Megaloh im Level-Eight-Modus und Flo Mega liefern aber auch zwei Mainstream-Musiker Gastbeiträge ab. Auf Torky Torks zeitlose Bummtschack-Beats können sich eben alle einigen. Und so packen T9 und Flo Mega in einem Themensong über einfach gestrickte Männer die fast schon harmlose Ironiekeule aus: "Ich bin Einzelgänger und lauf der Herde nach / pumpe im SUV laut die Air-Play-Charts / verdiene ziemlich okay, hab fast nichts zu tun / definier' mich selbst mit einem Gesichtstattoo".

Auch auf "Maestro Antipop" hatte Torky Tork mehr Ideen als nur minimalistische Samples unterlegt mit harten Kick- und Snaredrums. "Tiffmord" verwurstet ein Handy-Störgeräusch, "Kanye West" bietet mit afrikanischen Trommeln rhythmische Abwechslung, beim Westcoast-Vibe von "Lobi" wartet man nur auf den Nate Dogg-Einsatz und "Prosecco Boogie" ist Achtzierjahre-Funk mit Ohrwurm-Hook. "Maestro Antipop" beweist, dass Untergrund weder eintönig, noch spaßbefreit sein muss. Das betrifft auch die Texte.

Wenn Doz9 austeilt, springt er von Referenz zu Referenz. Wer nicht genau hinhört und gegebenenfalls nachschlägt, ist verloren. Das macht allerdings den Reiz der herrlich ignoranten Zeilen aus.

In Zeiten, in denen Chartsplatzierungen, Instagram-Follower und Modus-Mio-Playlisten mehr Wert sind als Attitüde, erfüllt "Maestro Antipop" seinen Zweck. Wer die Eltern in der Jugend mit Aggro Berlin schockte, fühlt sich zwischen Bürojob und Feierabend bei T9 wohl: "Das hier ist der Track für deine Mama / er handelt über Sex mit deiner Mama / das ist alles echt mit deiner Mama / im Gegensatz zu dir hab ich Respekt vor deiner Mama".

Trackliste

  1. 1. Scheiß
  2. 2. Lobi
  3. 3. Tiffmord
  4. 4. Kanye West
  5. 5. Einfacher Mann (feat. Flo Mega)
  6. 6. Mama
  7. 7. Portmonnaie Man
  8. 8. Prosecco Boogie
  9. 9. Hubschrabschrab (feat. Fid Mella, Jamin & Wandl)
  10. 10. Fly
  11. 11. Tabulos
  12. 12. Junkz II
  13. 13. Fenster (feat. Said)
  14. 14. Gekkos (feat. Lakmann One)
  15. 15. Langsam lernen
  16. 16. Schmetterlingskick
  17. 17. Lunge (feat. Megaloh)
  18. 18. Chuck Palahniuk (Blut) (feat. Audio88)

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