laut.de-Kritik

Die Selbstmordjungs morden wieder.

Review von

Die $uicideboy$ betätigen sich neben Curren$y als die Beamten des Rap: Steter Output, konstant gehobenes Niveau, klarer Trademark-Sound. Kurzum: verlässlich. Beim Amalgam aus 90er-Memphis-South Trap und Industrial-Beats mit einem Schuss Screamo drehen die beiden Cousins immer nur ein bisschen an den Schrauben wie Bundesgesundheitsminister am Krankenkassensystem. "Live Fast, Die Whenever" umfasste mehr Screamo- und Core-Elemente, das erste "echte" und etwas missglückte Studioalbum "I Want To Die In New Orleans" mehr Pop.

Mit "Stop Staring At The Shadows" wagen Scott und Ruby einen neuen Studioalbumanlauf und kommen damit aktuell auf sage und schreibe 45 Veröffentlichungen. Bob Dylan hat 38 Studienalben, mal zum Vergleich. Der von Three 6 Mafia und Geto Boys inspirierte Sound erfährt auch auf dem aktuellen Album wieder Anpassungen. Juicy Js Erben starten zunächst mit dem gelungenen "All Dogs Go To Heaven", das die Dynamik des Duos effektiv herausstellt. Das zugrunde liegende KC Purp-Sample verleiht dem Sound eine organischere, fließende Note als die üblichen dumpfen Bässe.

Stellvertretend für das Album ist der Opener aber nicht, denn die beiden MCs mischen auf der Scheibe eine deutliche Dosis Pop und sogar eine Prise Leichtigkeit bei. "One Last Look At The Damage", "[Whispers Indistinctly]", "Putrid Pride", "That Just Isn't Empirically Possible" und "Scope Set" bilden das poppige Rückgrat des Albums.

Allen Songs sind für $uicideboy$-Verhältnisse entspannte Beats und poppige Melodiebögen gemein. Vor allem Ruby kommt mit diesen Songs souverän klar und spielt seine variantenreiche Technik und Stimmweite gut aus. Scotty fand sich auf den poppigeren Passagen von "I Want To Die In New Orleans" noch nicht zurecht, findet aber auf diesem Album meist einen Zugang, ohne seine bekannte Rapschiene zu verlassen, und setzt seine Alter-Ego-Stimme mit etwas mehr Bedacht ein.

"That Just Isn't Empirically Possible" fügt sich ein in dieses Soundbild und ist der beste Song der Scheibe, mit den besten Parts beider MCs. Die verträumte, flirrende Produktion erlaubt Ruby, seine Reime über eine weite vocal range und packenden Tempiwechsel auszupacken – das zeichnete schon die besten Tapes der beiden aus.

Die Schatten regieren allerdings unverändert bei den Lyrics, da fängt die Leichtigkeit erst gar nicht an. Drogenkonsum, anstrengender Drogenentzug, alles Mist, alles doof, besser sterben, etwas Gewaltfantasie. Nach wie vor funktionieren die manchmal schon kindlichen Paarreime (insbesondere auf "[Whispers Indistinctly]" und "Fuck Your Culture"), Abnutzungserscheinungen stellten sich trotzdem schon vor circa 20 Tapes ein. Denn bei Zeilen wie "I fuckin' made it to 30 without my neck breakin' / My gun that's holdin' a 30 that got his legs shakin'" ("One Last Look At The Damage") schreien einen die Facetats und ihr Wunsch nach Authentizität förmlich an.

Der in den in den letzten Veröffentlichungen unverhohlen durchschlagende Pathos hilft nicht recht, diesen Eindruck zu zerstreuen. Ruby autotune-jault wie eine Katze bei Looney Tunes auf "... And to Those I Love, Thanks for Sticking Around" vom Suizid aus fatigue du monde. Unfreiwillig wirken die Umbringbuben in diesen Momenten wie eine HIM-Hommage-Schülerband, ohne jegliche Ironie, obwohl man sich nun schon auf mehreren Veröffentlichungen symbolisch selbst getötet hat. Und in Zeiten, in denen ein Mainstream-Act wie The Weeknd schon von vor Jahren von seinem tauben vollgedrogten Schädel singt, holen Lines wie "full of drugs / can't feel my face" auf dem Drogensong "Bizarro" einfach keine Katze mehr hinter dem Ofen vor.

Apropos "Bizarro": Nicht unerwähnt bleiben dürfen die R'n'B-Anwandlungen von "I Wanna Be Romanticized" und eben jenem Track. Die funktionieren nämlich nicht. Ruby trällert fröhlich vor sich hin, beraubt sich dabei selbst aber jeder Dynamik, und Scott merkt man an, dass er lieber skippen würde. Braucht kein Mensch. Der R'n'B-Anteil ging anscheinend zulasten der aggressiveren Screamo-Passagen, mit denen nur noch "Mega Zeph" aufwartet. Auch dort benutzen sie das Stilmittel allerdings nur halbherzig und dementsprechend versandet es dann auch. Selbst ein kommerziell unmöglicher Song mit (herrlich) dröhnender Bassline wie "What The Fuck Is Happening" verzichtet dieses Mal auf Schreie und überbordende Wut, fühlt sich so aber wie .clipping mit Aggressionsfilter an.

Bei einer Spielzeit unter einer halben Stunde, fehlenden Featuregästen und der wie immer von Scott gestemmten Produktion stellt sich schon etwas die Frage, was bei den $uicideboy$ ein Album von einem der über 40 Tapes unterscheiden soll, abgesehen vom Preis. Diese Frage beantwortet "Stop Staring At The Shadows" nicht, liefert aber $uicideboy$-Standardkost und geht einen Schritt Richtung Pop, der besser glückt als auf "I Want To Die In New Orleans". Nichtsdestotrotz erreicht das Album zu keinem Zeitpunkt das Niveau von Tapes wie "Eternal Grey". Die Doppeldollardudes täten gut daran, einfach mal einen Longplayer in ihrem Stil aufzunehmen, ganz ohne Handbremse. Denn der Stil ihrer Tapes bleibt weiterhin einzigartig und relevant, trotz Konkurrenten wie den Seshollowaterboyz und ihrem Buddy Pouya.

Trackliste

  1. 1. All Dogs Go to Heaven
  2. 2. I Wanna Be Romanticized
  3. 3. One Last Look at the Damage
  4. 4. [Whispers Indistinctly]
  5. 5. Mega Zeph
  6. 6. Putrid Pride
  7. 7. That Just Isn’t Empirically Possible
  8. 8. What the Fuck Is Happening
  9. 9. Bizarro
  10. 10. Scope Set
  11. 11. Fuck Your Culture
  12. 12. ... And to Those I Love, Thanks for Sticking Around

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2 Kommentare

  • Vor 8 Monaten

    Mir macht es den Anschein, als ob nicht genug recherchiert worden ist. Behauptungen, wie es sei poppig, kindlich und langsam langweilig sind sehr weit her gegriffen. Die Jungs haben mit ihren 2 letzten Alben ( SSATS, IWTDINO ) einen komplett neuen Stil für sich entdeckt hinter dem die beiden zu 100% stehen. Dies kann man ebenfalls an $crims Solo Album (AMRFTD) erkennen. Mainstream Rapper, wie TheWeeknd haben auch nach den Jungs angefangen stark über Drogen und über die eigene harte Vergangenheit gerappt. Im Gegensatz zu manch anderen Rappern, wissen die Jungs zu 100% über was sie rappen, denn sie rappen Rund um ihr Leben seit ihrer erst Veröffentlichung als Duo im Jahre 2014. Eine ausführliche Recherche und Beschäftigung mit dem Rap Duo würde mir einen platzenden Kragen ersparen. LG

  • Vor 8 Monaten

    Für mich sieht dies nach einem recht schlechten Bericht aus, Jemanden als lächerlich darzustellen, da er über ein ähnliches Thema rappt wie ein anderer Künstler ist absolut lächerlich, außerdem ist dazu noch zu sagen, dass The Weekend nicht vor $b angefangen hat solche Lyrics zu verfassen, unsaubere Recherche ;). Die Benutzung von "kindlichen" Paarreimen wird von ihnen mit beispielsweise mit nur 2 Liedern kritisiert und es werden keine Beispiele gebracht. Ebenfalls wird die Benutzung von besagten Reimen durch ihre Wortwahl absolut verallgemeinert, meiner Erfahrung nach spiegeln sich diese in so gut wie keinen Songs wieder. Die Alben der Künstler $b haben widersprüchlich zu ihrer Aussage quasi nichts mit ihrem erwähnten Genre "Pop" zu tun. Das Genre heißt Shadow Rap und hat was Lyrics, Gesang und Melodie angeht fast keine Gemeinsamkeiten mit Pop. In ihrer nächsten Review würde ich zu einer besseren Recherche raten.